„WIR SIND EINFACH EINE LIVE-BAND“ – SPITTING IBEX IM MICA-INTERVIEW

„E.G.O.“ heißt das dritte Album der Wiener Band SPITTING IBEX, das im Vergleich zu den Veröffentlichungen davor rockiger angelegt ist und starke E-Gitarren-Sounds aufbietet. Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählt die Band, welchen Einfluss Corona in den letzten Jahren auf ihr Musikmachen gehabt hat und an welchen Themen sich die neuen Lieder abarbeiten. Demnächst gibt es SPITTING IBEX live zu sehen, „E.G.O.“ wird am 15. Dezember in Wien (Arena) und am 17. Dezember 2022 in Graz (Dom im Berg) präsentiert.

In der Presseinformation zum neuen Album steht, dass es „das Erlebte der vergangenen Jahre reflektiert“. Was ist damit gemeint?

Tanja Peinsipp: Man kann sagen, dass auch uns die Corona-Zeit getroffen hat. Für mich war davor alles sehr funky und wir waren so eingestellt: Yeah, wir machen Party. Dieses Mal ist alles epischer, die Liedtexte gehen tiefer in Themen hinein. Das Album ist dadurch persönlicher.

Welche Themen werden von euch angesprochen?

Tanja Peinsipp: Beim Stück „Mamagodoh“ geht es um das Empowerment von Frauen. Ausgehend von der Vorstellung: Was wäre, wenn Gott weiblich ist? Mit diesem Gedanken habe ich gespielt und das Thema white supremacy aufgearbeitet. Auch Unterdrückung habe ich aufgearbeitet und das hat gut gepasst, weil der Sound recht hart ist, da geht es mehr in Richtung Rock. Bei „Ego“ geht es um ein Problem, das zurzeit sehr stark zum Vorschein kommt, nämlich, dass das Ego die Menschen einnimmt und es dann nicht mehr um die Menschlichkeit geht. Und das beeinflusst einen negativ.  Das sieht man an großen Beispielen, zum Beispiel in der Politik.

Ich habe beim Titel „E.G.O.“ an Egoman:innen und Narzisst:innen wie Trump gedacht, aber auch an die Corona-Zeit, in der man gleichsam auf sich selbst zurück geworfen war. Auf die eigene Person, das eigene Ich.

Tanja Peinsipp: Auf jeden Fall. Davor ist alles busy und jeder macht sein Ding. Dann bist du in der Stille und mit dir alleine und musst dich dir selbst stellen. Du musst das natürlich nicht tun, aber du kannst das tun und ich glaube schon, dass da viele Leute in sich gegangen sind. Wir haben das auf jeden Fall auch getan.

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Was hat sich für euch seit dem ersten Album verändert, insbesondere durch den Einstieg von Tanja als Sängerin?

Florian Kittner: Am Anfang waren zwei Rapper dabei, da war Spitting Ibex ein Live-Hip-Hop-Projekt, kann man sagen. Die Rapper haben aus persönlichen Gründen aufgehört, das ist jetzt etwa fünf Jahre her. Dann gab es eine kurze Leer-Phase, in der wir geschaut haben, wie wir weiter machen und dann haben wir uns auf die Suche nach einer neuen Frontfrau oder einem neuen Frontman gemacht. Tanja ist ein Energiebündel, wir wollten Gesang und nicht Rap. Von dem wollten wir weg.

„Bei Konzerten ist die Besetzung recht unterschiedlich, manchmal spielen wir mit drei Bläsern und zwei Background-Sängerinnen“

Die Arrangements sind mitunter komplex, mit recht vertrackten Abfolgen von Themen, Solis und Übergängen. Wie setzt ihr das live um?

Florian Kittner: Live ist das sogar noch eine Spur komplexer. Weil wir das Ziel haben, dass die Musik live noch interessanter ist als die Aufnahme. Da gibt es dann zum Beispiel Übergänge, mit denen wir versuchen, die einzelnen Lieder miteinander zu verbinden. Oder es gibt andere Soli und eigene Live-Arrangements. Bei Konzerten ist die Besetzung recht unterschiedlich, manchmal spielen wir mit drei Bläsern und zwei Background-Sängerinnen. Manchmal haben wir einen Perkussionisten dabei oder einen Saxofonisten. Das wechselt, auch je nach Auftritt und Größe der Bühne. Aber die Grundbesetzung sind wir fünf: Schlagzeug, Bass, Gitarre, Keyboard und Gesang.

Sind die musikalischen Vorgaben auf der Bühne streng oder gibt es Freiheiten zur Improvisation?

Florian Kittner: Das Grundkonstrukt ist schon relativ fix, aber es wird Platz für Soli gelassen. Aber die Musik ist schon gut ausgecheckt. Wir hören vom Publikum öfters das Feedback, dass der Sound gut ist. Jeder von uns beschäftigt sich viel mit seinem Instrument und wir haben auf jeden Fall viel Zeit in Proben investiert.

Bild Spitting Ibex
Spitting Ibex (c) Max Hofstetter

Beim Track „Mamagodoh“ sagt jemand am Schluss aus dem Off: „Der war nicht schlecht, oder?“. Was sagt denn das über die Aufnahmesituation?

Alex Distl: Wir haben uns, wie bei anderen Aufnahmen davor, auch dieses Mal dazu entschieden, einige Nummern im Studio gemeinsam aufzunehmen. Ohne Overdubbing. „Mamagodoh“ war eine dieser Nummern, weil wir bei der schon live gemerkt haben, dass sie viel Energie hat. Diese Energie wollten wir nicht verlieren, indem wir nicht alle gemeinsam in einem Raum sind. Bei diesem Take hat die Energie gestimmt und so war das ein euphorischer Schrei am Schluss.

Das Album beginnt ziemlich kraftvoll, mit lauten E-Gitarren, fast punkig und wird mit Fortdauer ruhiger. Was kannst du zu diesem dramaturgischen Bogen sagen?

Florian Kittner: Das ist schon, wie du gesagt hast, die Idee einer Dramaturgie. Mal härter anzufangen und insgesamt ist das neue Album im Vergleich zu denen davor schon rockiger und gitarrenlastiger. Deshalb wollten wir das gleich am Anfang transportieren, das soll gleich mal in your face gehen. Und danach wird der dramaturgische Bogen, wenn man sich das Album durchhört, wieder entspannt. Es geht nach oben, nach unten, nach oben. Das war die Idee bei der Songreihenfolge. Wir veröffentlichen auch auf Vinyl, insofern ist die A-Seite und die B-Seite auch ein Kriterium bei der Reihenfolge.

Billy Bragg hat vom schwierigen dritten Album gesprochen, das war so gemeint: beim ersten Album veröffentlicht man das, was in die Welt hinaus muss. Beim zweiten Album versucht man da noch etwas drauf zu setzen. Aber was macht man dann beim dritten Album? Wie war das bei euch?

Alex Distl: Seit dem ersten Album gab es viele Änderungen, aber unser Sound ist so vielseitig, dass man mal ein rockiges Album macht. Dann kann man das nächste Album wieder funkiger machen, da gibt es viel Spielraum und wir können uns in verschiedene Richtungen bewegen. Worauf man gerade Lust hat. Aus meiner Perspektive wird es eigentlich immer leichter, aber vielleicht sehe ich das so, weil ich nur Bass spiele. Vor dem Album ist nach dem Album.

Bild Spitting Ibex Live
Spitting Ibex Live (c) Thomas Lieser

Gibt es etwas, was ihr speziell mit diesem Album verbindet?

Tanja Peinsipp: Ich habe das vorhin schon angedeutet: für mich ist dieses Album emotionaler, weil ich da ein paar Geschichten von mir aufgearbeitet habe. Bei „Surface“ geht es zum Beispiel um das Verhältnis zu meiner Mutter. Das kennt vermutlich eh jeder, dass man Erlebnisse mit Eltern hat, die nicht so cool sind. Besonders ist für mich, dass mehr Texte als beim vorigen Album von mir sind und dass ich mich getraut habe, diese doch intimen Texte zu schreiben und in die Welt hinaus zu tragen. Ich habe da mehr von mir preisgegeben.

Hast du das Gefühl, dass du durch das Aufarbeiten Dinge abgeben konntest?

Tanja Peinsipp: Ganz abgeben wahrscheinlich nicht, aber es wurde ein Schritt in die richtige Richtung gemacht. Mich hat es sehr gefreut, dass Flo als Produzent und die ganze Band mir das zugetraut und mir diesen Spielraum gegeben haben, die Texte zu schreiben. Ich habe da viel von Flo gelernt. Dass er mir vertraut und mich einfach machen hat lassen, hat mir extrem viel Sicherheit gegeben. Ich habe einen Raum bekommen, um weiter zu lernen und zu wachsen. Dafür steht dieses Album für mich.

Wie sieht das bei den anderen aus?

Florian Kittner: Dieses Album wird für mich für immer mit der Corona-Zeit in Verbindung sein, weil es genau in dieser Zeit entstanden ist. Das letzte Album ist im Jahr 2020 erschienen, da haben wir Ende Jänner 2020 das Release-Konzert im Porgy & Bess gespielt. Zwei Monate später war Lockdown und das war für uns ein Schock. Das war für uns sehr schlecht, weil man ein neues Album natürlich so oft wie möglich live präsentieren will. Die Kunst- und Kulturszene war stark betroffen. Nachdem wir den Schock verdaut haben, ging es schon daran, neues Material zu schreiben. Die Stimmung dieser Zeit findet sich auf dem Album wieder.

„Eigentlich haben wir nur wenige Streaming-Konzerte gespielt“

Wie habt ihr auf die Herausforderungen der Corona-Phase reagiert? Habt ihr mehr auf Streaming und Videos gesetzt?

Valentin Zopp: Eigentlich haben wir nur wenige Streaming-Konzerte gespielt. Das Streaming aus dem Porgy & Bess war schräg. Eine schwierige Erfahrung, wenn man ohne Publikum vor 5 Leuten, den Technikern, spielt.

Tanja Peinsipp: Wir sind einfach eine Live-Band. Ich performe gerne, spüre die Leute und habe gerne dieses gemeinschaftliche Erlebnis mit dem Publikum. Das ist einfach unser Fokus und mich hat das auf jeden Fall getroffen, dass das weggefallen ist. Auch den Rest der Band, weil wir uns alle sehr bemüht haben und vier Wochen nach der Veröffentlichung des letzten Albums der Lockdown begonnen hat. Wir hätten noch als Vorband von Tank and the Bangas im Flex gespielt, das wäre toll gewesen!

Wird das Konzert nachgeholt?

Tanja Peinsipp: Nein, die waren ja dann für den Grammy nominiert und sind jetzt wohl schon zu groß fürs Flex.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

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Spitting Ibex live:
15. Dezember 2022, Arena, Wien
17. Dezember 2022, Dom im Berg, Graz

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