Statistik vorweg: 83 Veranstaltungen, 44 Konzerte und Performances, 16 Filmprogramme, 17 Projekte für Kinder und Jugendliche, über 200 musikalische, filmische und installative Arbeiten von 130 Künstlerinnen und Künstlern, 20 Uraufführungen (und etliche Erstaufführungen). Wien Modern, Österreichs größtes Festival für Musik der Gegenwart, beginnt am 1. November und dauert bis zum 1.Dezember. Nicht nur die Neue Musik (mit großem “N”), mit umfassenden Portraits des 2003 verstorbenen italienischen Komponisten Luciano Berio und des 1953 geborenen Österreichers Georg Friedrich Haas, weiters Beiträge von Friedrich Cerha, Beat Furrer, Klaus Lang, György Ligeti, Olga Neuwirth, Peter Ruzicka, Iannis Xenakis und über zwanzig weiteren Komponisten, sondern auch Erkundungen von Grenzbereichen zwischen komponierter und elektronischer Musik, ein Schwerpunkt zu “Klangapparaten” (inklusive eines dreitägigen Turntable-Festivals), das Festival “Dschungel Wien” für junges Publikum und erstmals auch ein eigener Filmschwerpunkt prägen das heurige Festival, das seit 1988 von der Stadt Wien gemeinsam mit der Wiener Konzerthausgesellschaft und der Gesellschaft für Musikfreunde in Wien sowie vielen weiteren Partnern ausgerichtet wird.
Opening: “Free Radicals”
Das bereits bei der Biennale in Venedig gezeigte Cross-Over.Projekt Free Radicals mit dem Klangforum Wien (Dirigent: Beat Furrer) setzt schon beim Eröffnungskonzert (1.11.) den Akzent auf die Erweiterung der musikalischen Wahrnehmung durch das Medium Film. Konzert und Kinematographie verschmelzen in einer Stakkato-Abfolge von kurzen Musikstücken und kurzen Filmen, die in ihrer Kombination neue Rhythmen, Spannungsbögen und Interferenzen zwischen Klang und Bild ermöglichen sollen. Mit den Augen hören, mit den Ohren sehen: In unerwarteten Kombinationen werden Filme und Kompositionen, teils eigens für das Projekt beauftragt und entstanden, aufeinander treffen.
Georg Friedrich Haas
Der derzeit in Basel lehrende und arbeitende Komponist, dem am 21. November mit dem Großen Österreichischen Staatspreis eine der höchsten Auszeichnungen der Republik verliehen wird, gehört zu den international am meisten aufgeführten seiner Generation. Seine faszinierenden, hoch expressiven musikalischen Gebilde von vielfarbiger Schönheit und bestürzender Tiefe beruhen nicht zuletzt auf einer von ihm seit mittlerweile zwei Jahrzehnten akribisch und experimentell betriebenen Erweiterung und Befreiung des etablierten temperierten Klangraums. In Haas’ kühnen Werken reiben sich an diesem spezielle Obertonspektren und daraus entstehende Mikrotonalität. Mit Spannung werden von ihm bei Wien Modern zwei Uraufführungen erwartet – das Konzert für Klavier und Orchester (Solist: Thomas Larcher) und das neue Werk REMIX (mit dem Klangforum Wien). In den zwölf seinem OEuvre gewidmeten Konzerten kann man von ihm weitere, vorwiegend jüngere Kompositionen hören, darunter die großen Orchesterwerke Poème, die Skrjabin-Transkription Opus 68, mit den Wiener Philharmonikern das Konzert für Violoncello und Orchester sowie seine bahnbrechenden fünf Streichquartette.
Luciano Berio
Der Klassiker der Moderne (1925-2003) bewegte sich als einer der ersten schon den fünfziger Jahren in Avantgarde-Bereichen der Elektroakustik, gleichzeitig ist sein musikalisches Universum stets auch als Dialog mit der Tradition zu hören, sein Verständnis von Musik blieb stets undogmatisch offen für verschiedenste stilistische Einflüsse bis hin zur Volksmusik. Das Berio-Portrait entfaltet an dreizehn Abenden ein Panorama seiner wegweisenden musikalischen Positionen von den frühen Werken der 1940er Jahre über selten zu hörende Tonbandkompositionen bis hin zu den virtuosen Solowerken des Sequenza-Zyklus’ und dem epochemachenden Orchesterwerk Sinfonia, das die Wiener Philharmoniker auf das Programm ihres Konzerts bei Wien Modern gesetzt haben. In österreichischen Erstaufführungen wird das RSO Wien weiters sein Concerto für zwei Klaviere und Orchester (unter de Billy) und Formazioni (unter Stefan Asbury) spielen, die Wiener Symphoniker bieten unter Peter Ruzicka das selten gehörte Meisterwerk Bewegung
Klaus Lang
ist der diesjährige Preisträger des Erste Bank-Kompositionsauftrags. Sein neues Stück “the book of serenity” wird am 12.11. im Konzert des Klangforum Wien uraufgeführt werden. Der Titel verweist auf Klaus Langs Bestreben, in dem Stück eine Klarheit zu erreichen, wie sie ein heiterer Himmel ausstrahle. Und: Die Figurationen der für sich genommen harmonisch ,langsamen’ Themen erscheinen im ,schnellen’ Allegro.
Erste Bank und Klangforum Wien bitten vor diesem Klangforum-Konzert auch zu einer Buchpräsentation: Der Wert des Schöpferischen (Autor: Daniel Ender) würdigt in einem Essay und achtzehn Portraitskizzen die bisherigen Preisträger des von Claudio Abbado ins Leben gerufenen und in der Vorschlag seines Jurors Lothar Knessl vergebenen Erste-Bank-Kompositionsauftrages.
Die kleine Klaus-Lang-Personale bei Wien Modern wird ergänzt durch ein von dem Komponisten selbst bestrittenen Orgelkonzert in der Augustinerkirche (24.11., Augustinerkirche), seine mit Schülern der Landesmusikschule Schwaz entwickelte Komposition für junge Stimmen und junges Orchester “Der rote Spiegel” (Peterskirche, 4.11., 14.30 Uhr) sowie einer Uraufführung mit dem Trio Gahl-Huang-Stump (Musikverein, Gläserner Saal, 25.11.).
Film: Retrospektive Frank Scheffer
Im Zentrum des Filmschwerpunkts bei Wien Modern steht eine viertägige dem niederländischen Filmemacher Frank Scheffer gewidmete Retrospektive, dessen filmische und dokumentarische Arbeit seit über zwanzig Jahren die Musik des 20. Jahrhunderts beobachtet. Bekannt wurde der Regisseur vor allem mit dem Film “Conducting Mahler” (1995) mit Claudio Abbado, Riccardo Muti und Sir Simon Rattle. Er begleitete Komponisten und Interpreten wie Pierre Boulez, Luciano Berio, Elliott Carter, Karlheinz Stockhausen, John Cage und Frank Zappa und versuchte, die Strukturen der musikalischen Komposition mit Mitteln der Montage und Kameraführung in den Film einzuschreiben. Der Eröffnungsfilm dieser Retrospektive ist Scheffers vor 20 Jahren mit John Cage und Elliot Carter gedrehter Film “Time is Music”. Weitere Events des Film-Schwerpunkts sind das Tanzprojekt I am a mistake (Text, Choreographie, Bühnenbild, Regie: Jan Fabre, Musik: Wolfgang Rihm, Film: Chantal Akerman) oder der Stummfilm Aelita: Queen of Mars von Yakov Protazanov (UDSSR 1924) mit Live-Musik an Orgel und Theremin – dem von einem Russen 1919 erfundenen ersten elektronischen Instrument der Musikgeschichte.
8.11. (ab 20 Uhr): Time is Music (NL 1987) und Filme über Edgard Varèse und Luciano Berio (22 Uhr); 9.11. (ab 18.30 Uhr): Luciano Berio, Karlheinz Stockhausen (Helicopter String Quartet und elektronische Musik); 10.11. (ab 14.00 Uhr): The Nature of Space und Experimentalfilme, (ab 18 Uhr) John Cage, (ab 20 Uhr) Frank Scheffer & Nader Mashayekhi, (22 Uhr) Frank Zappa; 11.11. (11 und 12.30 Uhr) Gustav Mahler, (14 Uhr), Schönberg, Strawinsky, (16 Uhr) Pierre Boulez – Eclat, (18 Uhr) Carte blanche Frank Scheffer, (21 Uhr) Elliot Carter.
Klangapparate und Turntables
von mechanischen Automaten über elektrisch betriebene Maschinen bis hin zu elektronischen Instrumenten und Turntables: Dieser Schwerpunkt bei Wien Modern in der zweiten Novemberhälfte bietet Ausstellungen im Semper-Depot (15.-22.11) und in der Alten Schmiede (24./25.11.), begleitet von Lectures mit den Erfindern und Konstrukteuren sowie Konzerten und Performances. Acht Arbeiten werden gezeigt, vier davon österreichischer Provenienz: Volkmar Klien zeigt seine mixed media installation “Relative Realitäten” (Lecture-Demonstration am 15.11., 18 Uhr); Martin Riches (Berlin) eine “Talking Machine” aus 32 computergesteuerten Orgelpfeifen (Konzert 14.11., 21 Uhr), Winfried Ritsch seinen Autoklavierspieler, für den sich auch Peter Ablinger interessiert (21.11., 18 Uhr). Carsten Nicolai ermöglicht mit bausatz noto Endlos-Loops (Performance 14.11., 22 Uhr), Peter Brandlmayr & Bibiane Blauensteiner präsentieren die audiovisuelle Installation EPR/I (19.11., 18 Uhr) und Frank Bretschneider den DDR-Oldtimer Subharchord, ein elektronisches Instrument für Rundfunk-, Film- und Fernsehstudios (Performances 20., 22..11., 23 Uhr). In der Alten Schmiede zeigt Jakob Scheid sein maschinelles Streichquintett aus Geigenmaschinen (24.11., 17 Uhr) und tags darauf widmen sich drei heimische Virtuosen dem Theremin (15.11., 17 Uhr).
Das Instrument Plattenspieler steht im Mittelpunkt eines dreitägigen Turntable-Festivals im Semper-Depot (16.-18.11): Mit Claus van Bebber (D), Sebastian Buczek (PL), DJ DSL (A); Institut für Feinmotorik (D), JSX (A), Joke Lanz (CH), Norbert Möslang (CH); dieb 13 (A), Otomo Yoshihide (J), eRikm (F), Maria Chavez (US), Billy Roisz (A). Und zwei label nights sich zwei unabhängigen Indie-Labels (TAG, 29.&30.11.) .
Dschungel Wien Modern
Bereits zum vierten Mal gibt es in Kooperation mit dem Theaterhaus Dschungel Wien im Museumsquartier zwischen 3. und 18.11. eine eigene Festivalreihe für junges Publikum. Außerhalb des Stammhauses steht das Orchesterkonzert Der rote Spiegel (Klaus Lang) auf dem Spielplan (s. o.), weiters ein Konzert der jugendlichen backbeat boys aus Tirol auf dem Yppenplatz. Im DSCHUNGEL WIEN gibt es für die Allerkleinsten Plis /Sons (französisches Papier- und Musiktheater) sowie die Produktion “Schaf” (ab 5 Jahren). Uraufführungen: Aus dem Mund (Christian, Reiner, Malin Rosenqvist und Maja Osojnik); Das kleine Ei das Detektivin werden wollte (Wiener Klangwerkstatt/Bruno Liberda); Hans im Glück (Companie Smafu/ Musik: Oskar Aichinger).
Weitere Projekte
Felix Kubin (3.-5.11.) Tanzquartier Wien; Apartment House (11.11.) Schömer Haus, Neue Musik in St. Ruprecht (3 Konzerte, 16.-18.11.), Projekt Hans Zender (27.11., Universität für Musik), Rihm /Fabre (1.12., Konzerthaus); Konferenz re-tribution (International Conference on digital music education and training (DMET), mica – music austria, 12.11. – SIEHE AUCH: mica aktuell- Hausnachrichten).
Karten und Infos
Wien Modern
Lothringerstraße 20
1030 Wien
Tel.: (++43-1) 242 002
Fax: (++43-1) 242 00 110
Generalpass: Zum Preis von ? 75,- (ermäßigt ? 48,-) genießen Generalpassinhaber freien Eintritt zum größten Teil der Veranstaltungen von Wien Modern, für einige davon ausgenommene Veranstaltungen gibt es Ermäßigungen. Einzelkarten sind an der Konzerthauskassa, an den Abendkassen des jeweiligen Veranstaltungsortes und über www.wienmodern.at erhältlich.
DSCHUNGEL WIEN
Theaterhaus für junges Publikum
Museumsplatz 1
1070 Wien
Tel. 01/522 07 20-20
www.dschungelwien.at
Rechtzeitig zur Eröffnung erscheint wieder der Almanach, bereits erschienen ist eine WIENMODERN-Beilage der Stadtzeitschrift “falter”.
Infos, Vorberichte, Interviews und das “Wien Modern-Tagebuch” laufend auf unserer Website www.mica.at