Man liegt ganz sicher nicht falsch, wenn man behauptet, dass sich Wien in den letzten Jahren zu einer Art europäischen Metropole der Weltmusik entwickelt hat. Zumindest gibt es keine Musik, keinen Sound, keine Klangtradition der Welt, die in der österreichischen Bundeshauptstadt nicht in irgendeiner Form praktiziert und zum Erklingen gebracht wird. Wirklich verwunderlich ist dieser Umstand ja nicht, denn seit vielen Jahren nun schon wählen sich MusikerInnen aller Länder Wien als ihre Wirkungs- und Schaffensstätte aus. Sie bereichern und beleben mit ihrem Schaffen die Szene und fördern deren musikalische Vielfalt, was mittlerweile auch international wahrgenommen wird.
Eine Szene der musikalischen Vielfalt
An einem einzelnen musikalischen Merkmal lässt sich der Sound der österreichischen Weltmusik nicht festmachen. Denn dafür sind die verschiedenen Stile einfach zu viele, deren Kombinationen zu unzählig. In Österreich trifft sich im musikalischen Sinn die gesamte Welt. Es vermischen sich der lokale Klang mit den Melodien, den Rhythmen und dem Geist anderer Kulturkreise. Was hierzulande entsteht, ist ein lebendiger Weltmusiksound, der sich ebenso aus dem originalen Wienerlied und der alpinen Volksmusik wie auch aus den musikalischen Traditionen des südosteuropäischen Raumes, Afrikas, Asiens und Südamerikas nährt. Damit nicht genug, schlagen die hiesigen Protagonistinnen und Protagonisten auch genüsslich musikalische Brücken – zum Klezmer, zur traditionellen jiddischen Musik, zum Jazz, Pop und Rock. Es gibt quasi nichts, was es nicht gibt. Und genau das macht die ganze Sache so spannend und aufregend.
Die Orte der Weltmusik
Natürlich kann sich eine Szene nur entwickeln, wenn auch die Rahmenbedingungen passen, wenn es auch die passenden Orte gibt, an denen sich die KünstlerInnen dem Publikum präsentieren und dieses für sich gewinnen können. Und diese finden sich in Wien in einer eigentlich hohen Zahl. Man denke nur das das Theater am Spittelberg, das mit einer kurzen Unterbrechung im Frühjahr dem weltmusikalischen Sound in all seinen Ausprägungen die Bühne bietet. Ein weiterer bedeutender Treffpunkt der Szene ist die Sargfabrik, die in ihrem Programm von Jazz bis Latin, vom Wienerlied bis hin zu den Musiken des Balkans und Orients nahezu alles abdeckt, was das Herz von Fans der Weltmusik begehrt. Und auch andere Locations öffnen ihre Tore für die globalen Sounds mehr oder weniger weit – das Wiener Konzerthaus mit einer eigenen Reihe, das Theater Akzent, der Reigen oder das Cafe Concerto. Sogar der angesagte Wiener Club WUK führt des Öfteren Weltmusikalisches in seinem Programm. Eine Location, die vor allem für die VertreterInnen der modernen osteuropäischen Musik viele Jahre als eine Art Wohnzimmer diente, ihren Betrieb 2014 aber einstellen musste, war der Ost Klub. Die Schließung bedeutete für die Weltmusik in Österreich einen herben Verlust. Nun ist aber für Ersatz gesorgt. Ende April 2017 startet in der Szene Wien, die von der Singer-Songwriterin RONJA* (Global Groove Lab) kuratierte Konzertreihe „SZENE WORLD“, die mit einem bunten musikalischen Mix aus heimischen Newcomerinnen und Newcomern, bereits etablierten Größen und internationalen Gästen ein breites Publikum ansprechen soll. Mit einem Fassungsvermögen von 460 BesucherInnen bietet die Szene Wien dafür auch die idealen Voraussetzungen. Sie schafft der Szene die Möglichkeit, sich im Rahmen von Konzerten und Clubevents einem größeren Publikum zu präsentieren. Dies sollte der Weltmusik in Wien einen weiteren Schub verleihen.
Festivals
Ein wichtiger Motor für die Weltmusikszene sind auch die in ihrer Zahl sehr vielen Festivals, die in Wien im Laufe eines Jahres stattfinden. Festivals wie etwa das Internationale Akkordeon Festival, das KlezMore Festival, das Festival Wean Hean, die Afrika Tage Wien, das Global Beatz Festival, das Festival Salam.Orient, das Festival Voice Mania und das Festival Wien im Rosenstolz – um nur einige wenige zu nennen – sorgen dafür, dass das Scheinwerferlicht eigentlich durchgehend auf das rege kreative Treiben der österreichischen Szene gerichtet ist. Die hohen Besucherzahlen in den vergangenen Jahren belegen, dass das Interesse am weltmusikalischen Sound da ist. Die Leute wollen etwas Neues kennenlernen und neue Musik erfahren. Sie strömen zu den Konzerten und fördern damit die erfreuliche Entwicklung, die die Weltmusik in Österreich aktuell nimmt.
Michael Ternai