Sie machen seit fast 20 Jahren Musik und haben sich dabei noch nie so richtig aus der Bahn werfen lassen, obwohl es schon einige Stolpersteine in ihrer Karriere gab. GARISH ist nicht nur eine der bekanntesten österreichischen Bands, sondern fast eine Institution. Auf jeden Fall hat sich die Band mit ihrer Annäherung an die Hamburger Schule einen Namen im deutschsprachigen Musikraum gemacht. Ihr Album „Trumpf“, das 2014 erschien, punktete mit einer sehr zurückhaltenden Instrumentierung und lyrischen Texten. Auf ihrer neuen Platte „Komm schwarzer Kater“ (Ink Music/VÖ 03.02.) ist die Lyrik geblieben, aber die Melodien haben einen Zahn zugelegt. Der Sänger THOMAS JARMER sprach mit Anne-Marie Darok über schwere Zeiten, politische Partizipation und die Vorbildwirkung von Musikerinnen und Musikern.
Wenn man das musikalisch reduzierte Album „Trumpf“ mit dem Album „Komm schwarzer Kater“ vergleicht, erscheint einem letztere Platte wie das reinste Party-Album. Welche Vision hatten Sie für dieses Album?
Thomas Jarmer: Wenn es zuvor der Reiz der Momentaufnahme war, dann war es bei diesen neuen Stücken notwendig, sie Spur für Spur zu formen. Nach einiger Zeit hat sich ein Ensemble an Instrumenten und Klängen herausgestellt, mit dem wir das gesamte Album eingespielt haben. Wir hatten vorab keinen fixen Plan, aber vielmehr genug Ahnung und Intuition.
Was war zuerst, die Lyrics oder die Musik?
Thomas Jarmer: Den Anfang macht immer die Musik. Und viel mehr als früher spielen dabei Rhythmik und Gangart eine große Rolle. Manche Stücke schicken ein sehr konkretes Szenario voraus, andere wiederum lassen mehr Raum für den spielerischen Zugang. Ich bin in dieser Phase mittlerweile sehr aufmerksam geworden, wenn es um kleine Details, um Ereignisse geht, die dann sehr spontan zum Anlass des Textes werden könnten.
Im Video zu „Unter Strom“ spielt der Songtext die absolute Hauptrolle. Ist das ein Abbild davon, wie Sie Musik konsumieren, also mit starkem Fokus auf die Lyrics, oder wollten Sie einfach diesen bestimmten Song erden?
Thomas Jarmer: Das spielt sich bei jedem anders ab. „Unter Strom” ist als Atempause beabsichtigt, dementsprechend simpel und eindringlich sollte auch dieses Video als erstes Zeichen der Platte sein.
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Vor Ihrem letzten Album „Trumpf“ schrieben die Medien fast schon geschockt darüber, dass Sie sich als Band fast aufgelöst hätten, dass Sie als Bandkollegen schon in alle Richtungen geblickt und nur in letzter Minute wieder zusammengefunden hätten. Wie erinnern Sie sich mit etwas Distanz an diese Munkeleien von 2014 zurück?
Thomas Jarmer: Die Vorbereitungen und Probearbeiten zu „Trumpf“ haben uns als Band sehr viel abverlangt, da diese im Laufe der Zeit zu einer Art Choreografie von fünf unterschiedlichen Egos wurde. Ein Kraftakt – buchstäblich. Der Schlagabtausch als Teil dieses Prozesses ist nichts Ungewöhnliches in unserer Zusammenarbeit, aber zum ersten Mal hatten damals einige von uns Zweifel daran, dass diese Zerreißprobe nach wie vor produktiv enden wird.
„Wir waren von den ersten Stücken, die in dieser Zeit entstanden sind, sehr überzeugt, fanden aber nicht die richtige Form dafür.“
Seit jenem Album ist es ein wenig ruhig um Sie geworden, wenn man die mediale Realität betrachtet. Haben Sie die letzten zwei Jahre intensiv mit der Produktion von „Komm schwarzer Kater“ verbracht oder sich eine Verschnaufpause gegönnt?
Thomas Jarmer: Wir wollten nach „Trumpf“ möglichst rasch wieder an neue Musik rankommen – das ist dann auch so geschehen. Wir waren von den ersten Stücken, die in dieser Zeit entstanden sind, sehr überzeugt, fanden aber nicht die richtige Form dafür. Nachdem wir Garish zu viert neu formiert hatten, war das auch gleichzeitig der Anlass, um neue Kreise zu ziehen. Wir haben uns an Stefan Deisenberger gewandt, in dessen Studio dann in akribischer Weise – Spur für Spur – diese neue Platte einspielt wurde.
Wenn man als Band schon so lange im Business ist wie Sie, spürt man dann eigentlich einen stärkeren Schaffensdruck als in den Anfangszeiten, oder hat man, da man bereits etabliert ist, größere Freiheiten, so zu arbeiten, wie es einem gefällt?
Thomas Jarmer: Ich denke, weder noch – mit jedem Album ändern sich unsere Ansprüche an die Musik, an den Austausch untereinander. Wenn man den Status einer etablierten Band hat, könnte man auch Erwartungshaltungen bei seinem Publikum schüren. Wir haben das, wenn auch unbewusst, immer ausgeklammert, wenn es darum ging, in welche Richtung es uns zieht. Und schlussendlich können wir ohnehin nicht aus der eigenen Haut raus.
„In dem erkennbar zu sein, was in der Musik verpackt ist, hat einen sehr zeitlosen Wert für uns.“
Wenn man auf Ihrer Homepage nach dem Begriff „Garish“ sucht, dann erscheinen nicht nur Texte über Ihren Werdegang, sondern noch viel mehr Artikel, in denen die Musik anderer Bands mit Ihrer verglichen wird, und auch Interviews, in denen Künstlerinnen und Künstler Sie als Vorbild angeben. Wann haben Sie als Band eigentlich das erste Mal gefühlt, dass Sie Einfluss haben?
Thomas Jarmer: So konkret nehmen wir das nicht wahr – obwohl es uns schmeichelt, keine Frage. Und wie fühlt sich es an zu wissen, dass man etwas kreiert hat, was für andere Menschen eine Vorbildwirkung hat? In dem erkennbar zu sein, was in der Musik verpackt ist, hat einen sehr zeitlosen Wert für uns.
Viele Musikerinnen und Musiker schreiben kritische Texte über die Gesellschaft und die Politik, sprechen sich aber nicht konkret für eine Partei oder eine politische Richtung aus. Sie haben im Bundespräsidenten-Wahlkampf klar Stellung hinter Alexander Van der Bellen bezogen. Haben Sie da irgendwelche „Nachwirkungen“ aus der Öffentlichkeit gespürt, seien es positive oder negative?
Thomas Jarmer: Eine Grundhaltung zu politischen Themen muss sich nicht auch gleichzeitig in einer Parteizugehörigkeit widerspiegeln. Parteipolitik hat hier auch nach wie vor keinen Platz. Für uns war es der richtige Zeitpunkt, um sich einzumischen, weil es dabei auch um alltägliche Selbstverständlichkeiten geht, die Van der Bellen verkörpert.
Was sind die wichtigsten Tipps, die Sie einer Band geben können, die in ihren Startlöchern steht?
Thomas Jarmer: Ach, Tipps. Wir hatten von Anfang an keine Eile, irgendwo anzukommen. Solange es sich im Moment richtig angefühlt hat, war es gut. Aber um es an Schlagwörtern festzumachen – Inspiration und Eigenwilligkeit, daraus ergibt sich im besten Fall dann alles von allein.
Welche Tipps hätten Sie selbst gerne bekommen und welche Empfehlungen hätte man Ihnen lieber nicht geben sollen?
Thomas Jarmer: Wir haben selbst genug ausprobiert und in den Sand gesetzt, so kommt man zur der Chance, seine eigenen Schlüsse beziehungsweise mitunter auch den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.
Das Jahr 2016 gilt als ziemlich unbeliebt, weshalb alle froh sind, dass endlich 2017 angebrochen ist. Wie schauen Ihre Pläne für das neue Glücksjahr aus?
Thomas Jarmer: Für uns war es ein heftiges, schlussendlich aber ein gutes Jahr. Nun wieder raus auf die Bühne, in neuer Konstellation und mit neuer Musik.
Vielen Dank für das Gespräch.
Anne-Marie Darok
Garish live
03.03. Freiraum, St. Pölten
04.03. Cselley Mühle, Oslip
09.03. Posthof, Linz
10.03. Weekender, Innsbruck
11.03. Kulturhofkeller, Villach
16.03. p.p.c., Graz
17.03. ARGEkultur, Salzburg
18.03. Spielboden, Dornbirn
24.03. Arena, Wien
26.03. Milla, München
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