„Numavi Records“ entstand Anfang der 2000er-Jahre im steirischen Weiz und entwickelte sich in den letzten beiden Jahrzenten zu einem bedeutenden Teil der österreichischen und internationalen Musiklandschaft. War man anfangs noch hauptsächlich von (Post-)Punk geprägt, wurden die musikalischen und künstlerischen Interessen der LabelbetreiberInnen immer vielseitiger, sodass heute die Bandbreite der auf dem Label angebotenen Musik absolut beeindruckend ist. Ulrich Rois traf sich mit den Gründungsmitgliedern SUSI SCHWARZ und MARIO ZANGL zu einem Gespräch über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von „Numavi Records“.
„This Band Could Be Your Life” lautet der Titel eines Buches von Michael Azzerad über einige der grundlegenden Bands der amerikanischen DIY-Szene der 1980er-Jahre. So liest man dort zum Beispiel über die Geschichte von Black Flag, Hüsker Dü, Sonic Youth, Minutemen und einigen anderen Bands, die quasi synonym mit der Frühzeit des Independent Rock sind.
Die meisten dieser MusikerInnen kamen ursprünglich aus der Punk-/Hardcore-Szene und haben durch ihr unablässiges Touren DIY-Strukturen geschaffen, die teilweise heute noch aufrecht sind und Auftrittsmöglichkeiten für tourende Bands in vielen amerikanischen Städten bieten. Gleichzeitig wurden auch die Vertriebsstrukturen für Musik revolutioniert. Viele Bands gründeten eigene Labels, einige wurden zu wichtigen Plattformen für die Verbreitung eigenständiger Musik. So zum Beispiel „SST“, das hauptsächlich von dem Black-Flag-Gitarristen Greg Ginn betrieben wurde und auch „Merge Records“ der Superchunk-Gründungsmitglieder Laura Ballance und Mac McCoughan. Diese Entwicklungen lösten auch international eine Welle an Labelneugründungen aus und inspirierten viele MusikerInnen dazu, selbst aktiv zu werden und die Kontrolle über die Verbreitung der eigenen Musik nicht abzugeben.
Fast zwanzig Jahre später entstand im steirischen Weiz ein Label, das alle diese Tugenden beispielhaft vereinte. Auch bei „Numavi Records“ war der Wunsch, einfach selbst tätig zu werden und der eigenen Musik beziehungsweise der von Freundinnen und Freunden eine größere Plattform zu geben, ein Hauptgrund für die Labelgründung. Vor den ersten Releases war „Numavi“ allerdings hauptsächlich als Veranstaltungskollektiv tätig. Gründungsmitglied Susi Schwarz erinnert sich an diese Zeit und die erste Veröffentlichung: „2002 waren wir noch in Weiz, wo wir eben alle herkommen. Damals haben wir festgestellt, dass wir alle in Bands spielen, und wir haben beschlossen, uns zusammenzuschließen. Anfangs vor allem, um Konzerte zu veranstalten. Dann haben wir langsam erste Sachen veröffentlicht. Zuerst auf CD-R in Kleinstauflage. Die erste Veröffentlichung war die von THE LACERATIONS. Die Band änderte später ihren Namen in KILLED BY 9V BATTERIES. Dann folgten Veröffentlichungen der Bands MILE ME DEAF, ZUCHTHAUS UND I HATE THE SUN.“ Mario Zangl ergänzt: „Einige experimentelle Grindcore-Geschichten waren damals auch dabei.“
Zu Beginn machte das Label viele CD-ROMs, aber auch andere Formate, die dem DIY-Gedanken entgegenkamen, wie zum Beispiel Kassetten und sogar Floppy Disks. Mittlerweile werden hauptsächlich Platten produziert. Der Startschuss dazu fiel 2006 in einer Kooperation mit Siluh Records. Dabei handelte es sich um eine Split-LP mit Killed by 9V Batteries und Picture Eyes. Die erste eigenständige Numavi-Records-Veröffentlichung auf Vinyl war dann im Jahr 2013, und zwar „Tinker“ von Robotra.
In bester DIY-Tradition war von Beginn an auch das Organisieren von Konzerten ein wichtiger Teil der Labeltätigkeit. Vor „Numavi“ gab es in Weiz bereits „Kulturpirat“, ein Punk-Kollektiv, das viele Veranstaltungen organisierte und mit dem auch die zukünftigen Numavi-Leute oft zusammenarbeiteten. Als schließlich „Numavi“ gegründet wurde, schlossen sich die meisten der ehemaligen „Kulturpiraten“ an und das Kollektiv wuchs dann quasi in die neue Organisation mit ein. Anfangs lag der Fokus auch weiterhin auf dem Veranstalten von Konzerten, erst langsam entwickelte sich aus dem Konzertkollektiv auch ein Label.
„Numavi“ funktioniert auch weiterhin zu großen Teilen als Kollektiv. Im Laufe der Jahre hat sich allerdings eine gewisse Aufgabenverteilung herauskristallisiert, die in Anbetracht des Outputs des Labels und der vielen Konzerte, bei denen sie als VeranstalterInnen auftreten, auch notwendig erscheint. So wird das Label (und seit Kurzem auch der Verlag) hauptsächlich von Susi Schwarz und Mario Zangl geführt. Bei den Konzerten hingegen sind es wesentlich mehr Menschen, die unter dem Numavi-Banner tätig werden. Nur so können die große Zahl an Veranstaltungen und die örtliche Verteilung bewältigt werden. Denn obwohl Susi Schwarz und Mario Zangl mittlerweile in Wien bleiben, finden nach wie vor viele Numavi-Veranstaltungen in Graz statt. Die beiden betonen auch, dass es ihnen wichtig ist, Release-Konzerte für Numavi-Veröffentlichungen immer in Wien und Graz anzusetzen. Da die Wurzeln von „Numavi“ in Weiz und Graz liegen, soll eben auch die steirische Musikszene nicht vergessen werden. In Graz findet am Tag vor Silvester auch die jährliche „Tweety Party“ statt, die sich mittlerweile zu einer legendären Institution entwickelt hat. Dort versammelt sich meist eine sehr große Anzahl an Bands aus dem Numavi-Umfeld, um das Jahr gebührend zu verabschieden. Oft kommt es in diesem Zuge auch zu außergewöhnlichen Sets und One-off-Projekten. Für die Durchführung der „Tweety Parties“ findet sich dann auch die größtmögliche Anzahl an Numavi-Leuten ein. Insgesamt besteht das Kollektiv derzeit aus mehr als zwanzig Menschen.
Auf die Beweggründe angesprochen, weshalb sie denn ursprünglich mit dem Veranstalten von Konzerten begonnen haben, kommen Susi Schwarz und Mario Zangl wieder auf die Grundinspiration des DIY-Gedankens zu sprechen. „Also, ich glaube, bei uns allen war es so, dass wir schon immer von dem DIY-Spirit beeinflusst waren, nachdem wir alle eben auch schon früher die ganzen 80er-Punk-Sachen gehört hatten und in der ganzen Szene eigentlich alles selbst gemacht worden war. Eben dieser Gedanke: ‚Du musst ja nicht auf ein Label warten, mach es doch einfach selbst!‘ Das hat uns eben schon alle inspiriert, kommt mir vor. Zudem sind wir alle zusammen kreative Menschen. Wir machen viel, nach dem Motto: ‚Also schaun wir mal, hauen wir was raus, machen wir Videos dazu!‘“, so Mario Zangl. Für Susi Schwarz sei auch ein Faktor gewesen, „dass wir vorher schon mit ‚Kulturpirat‘ mitbekommen haben, dass so etwas funktionieren kann. Da haben wir eben auch schon ein bisschen Wissen mitgekriegt, wie man Sachen aufstellen kann und so, und dann haben wir gemerkt, dass wir so etwas auch selbst können. Und das ist eben alles so ein riesiger Freundeskreis in Weiz, der sich eben auch durch die Musik gefunden hat.“
Von Beginn an war „Numavi“ auch immer von einem sehr kollaborativen Geist geprägt. Das trug dazu bei, dass das Kollektiv nicht nur fest in der Kulturlandschaft von Weiz, Graz und Wien verwurzelt war, sondern auch immer schon mit internationalen Bands und Labels zusammengearbeitet hat. So gab es zum Beispiel auf „Numavi Records“ Veröffentlichungen von Bands aus Kroatien (Vlasta Popić), Serbien (VVhile) und Deutschland (Van Urst, No Jaws) und es wurde für manche Releases auch mit anderen Labels zusammengearbeitet, besonders häufig mit „KIM & Wilhem show me the Major Label“, aber auch unter anderem mit „Cut Surface“, „Rock Is Hell“, „Fettkakao“ und „Moonlee Records“. Das Album „More“ der serbischen Formation VVhile war sogar eine Coproduktion von gleich fünf Labels, „Dirtcult Records“ aus den USA, „Twintoe Records“ aus Deutschland, „Pop Depresija“ aus Serbien, dem bandeigenen Label „Jazz Chairs“ und eben „Numavi Records“. Dieses unbedingte Bekenntnis zu kollektivem und kollaborativem Arbeiten hat „Numavi“ nicht nur zu seinem Status als nicht mehr wegzudenkende Institution der DIY-Szene verholfen, es ist vor allem in Zeiten fortschreitender Isolation und dem politischen Zurückdrängen sozialer und kultureller Strukturen immer auch ein politisches Statement. Auf diesen Aspekt der Arbeit angesprochen entgegnet Mario Zangl, dass sie natürlich auch politische Menschen sind und sich engagieren.
Für Susi Schwarz war es einfach auch schon einmal ein politischer Act zu sagen: „Wir sind jetzt ‚independent‘ und machen das einfach selbst. Also, auch zu sagen, dass man unabhängig ist und die vorgegebenen Muster nicht einfach wiederholen will, sondern dass man sich selbst damit entwickeln und selbst schauen will, wie weit man gehen kann, und bei diesen Schritten dann auch selbst ausloten und austesten will, was für einen passt. Mit anderen dabei in Kooperation zu treten, ist eine klare Geschichte, das braucht und muss man. Insofern ist Community also immer wichtig, sei es in Weiz, Graz oder Wien. Allein kommt man halt nicht viel weiter, man ist halt keine Insel.“
Mario Zangl weiter: „Wir kommen halt auch alle aus diesem linken Punk-Ding und speziell am Anfang war es auch einfach ganz wichtig, da ein politisches Statement nach außen zu setzen. Das finde ich auch nach wie vor sehr wichtig. Nur finde ich, dass Musik nicht unbedingt politisch sein muss. Personen natürlich schon, aber die Musik kann auch darunter leiden, wenn das politische Statement zu sehr im Vordergrund ist.“
Susi Schwarz meint, dass man ja auch viel mit Versprechungen arbeitet und darauf vertraut, „dass das irgendwann eingelöst wird. Man verlässt sich aufeinander und schaut darauf, dass das gemeinsam wächst. Da ist es schon wichtig, dass man eine gemeinsame Basis hat, und da gehört bei uns auch das Politische dazu.“
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Diese Betonung des kollaborativen Gedankens und ein scheuklappenfreier Zugang zu Musik haben „Numavi Records“ im Laufe der Jahre dazu gemacht, was es jetzt ist: eines der interessantesten und spannendsten Plattenlabels nicht nur Österreichs, sondern der Welt. Auch das vergangene Jahr war ein sehr ereignisreiches für „Numavi“. So gab es unter anderem neue Veröffentlichungen der Wiener Wave-/Post-Punk Formation Gran Bankrott, der steirischen Hardcore-Band Red Gaze, der Grazer Indie-Gruppen Cryptic Commands und Land Of Ooo, des Wiener Trip-Hop-Künstlers DEATHDEATHDEATH sowie eine Best-of-Veröffentlichung von Robotra und eine Wiederauflage zum zwanzigsten Veröffentlichungsjubiläum des Albums „aufrecht“ von Flowers In Concrete. Allein schon die musikalische Bandbreite dieser Veröffentlichungen aus dem Jahr 2019 bietet einen Hinweis darauf, wie vielfältig das Labelprogramm von „Numavi Records“ angelegt ist. Anstelle von Genre-Einheitsbrei wird hier auf Eigenständigkeit, den Mut zum eigenen musikalischen Ausdruck und menschliche Integrität Wert gelegt. Auf die Frage nach entscheidenden Kriterien, die eine Veröffentlichung beziehungsweise einen Act interessant für „Numavi“ machen, antwortet Susi Schwarz: „‚C – U – N – T. Creativity, Uniqueness, Nerves and Talent‘, das müssen unsere Artists mitbringen! Das ist frei nach Ru Paul zitiert, aber trifft es natürlich!“ Vor allem bezüglich der Uniqueness pflichtet Mario Zangl seiner Partnerin bei: „Es kann schon schräg sein, was wir machen, aber es muss halt eigen sein, für sich stehen.“
Susi Schwarz weiter: „Wir haben uns da schon breiter aufgestellt, was das Musikalische anbelangt, weil wir uns ja selbst auch entwickelt haben, was unseren Musikgeschmack anbelangt. Es ist nicht mehr alles nur Punk, wie es das zum Beispiel war, als wir vierzehn waren, sondern man fragt sich auch, woher das alles kommt und wohin das alles geht. Wir sind mitgewachsen und dementsprechend ist eben auch die Band-Auswahl breiter geworden. Jetzt haben wir also von Grindcore bis Dream Pop ziemlich viel und alles dazwischen.“
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Dieser Anspruch, sich ständig zu verändern und neu zu fordern, gilt nicht nur für die Musik, auch „Numavi“ selbst, als Label und Veranstaltungskollektiv, hat im Laufe der Jahre viele Veränderungen durchgemacht und ist daran gewachsen, ohne die eigenen Wurzeln aus den Augen zu verlieren. So wurde im vergangenen Jahr auch ein Musikverlag gegründet, der die Aufgabengebiete von „Numavi“ noch um einige Bereiche, wie etwa die Abwicklung von Lizensierungen, erweitert. Man darf also gespannt sein, was 2020 und die weitere Zukunft noch so bringen. Als kleinen Ausblick auf die erste Hälfte des neuen Jahres kann jedenfalls schon verraten werden, dass das Label selbst sowie einige darauf vertretene Artists verstärkt disziplinenübergreifend arbeiten wollen und dabei unter anderem in Theater, Film und bildender Kunst tätig sein werden. Außerdem sind Veröffentlichungen von Bird of the Year, Red Mass, My Friend Peter, Crush, F.E.I.D.L., Zinn, Oxyjane, Musheen und DEATHDEATHDEATH in Vorbereitung. Mit Sicherheit kann allerdings davon ausgegangen werden, dass „Numavi Records“ weiterhin ein essenzieller und spannender Hub für kreative Menschen bleiben wird.
Ulrich Rois
Links:
Numavi Records (bandcamp)
Numavi Records (Facebook)