mica-Interview mit Shampoo Boy

Ein neues Trio mit alten Bekannten stellt sich vor: Mego-Boss Peter Rehberg und „Standard“-Musikjournalist Christian Schachinger, die vor 20 Jahren schon einmal zusammen in Bands gespielt und zwischenzeitlich ihre alte Combo Peterlicker reanimiert haben, sind nun mit Comfortzone-Labelbetreiberin Christina „Chra“ Nemec als Lärm-Trio Shampoo Boy aktiv. Dieser Tage erscheint auf dem für düsteren Post-Dubstep bekannten englischen Label Blackest Ever Black ihr Debütalbum „Licht“, die Live-Premiere folgt am 22. Juni beim Noise of Heart Festival in Innsbruck. Sebastian Fasthuber hat Christian Schachinger und Christina Nemec befragt.

Ich möchte mit der faulsten Musikjournalistenfrage beginnen: Wie seid ihr auf euren Namen gekommen?
Christian:
Peter und ich haben früher schon immer geschaut, dass wir möglichst doofe Bandnamen haben. Nach Peterlicker wollten wir etwas Unverfänglicheres, aber doch Sexies haben. Und es ist gerade dieser Friseur gestorben – wie hat der geheißen?
Christina: Vidal Sassoon.
Christian: In einem Nachruf habe ich gelesen, dass er als Shampoo Boy in einem Friseursalon angefangen hat. Der Name war noch nicht besetzt. Er klingt gut, hat im Wesentlichen aber genauso viel Bedeutung wie Goldene Zitronen.

Wie habt ihr wieder zusammengefunden?
Christian: Wir haben uns damals nicht zerstritten. Aber nachdem wir ein Jahr lang in einer Wohnung zusammengelebt haben, haben wir uns etwas auseinandergelebt, kann man sagen. Und mit der Hardcore-Laptopelektronik, die er dann gemacht hat, habe ich zu dem Zeitpunkt nichts anfangen können. Aber man hat sich unregelmäßig gesehen und es war immer eine Freundschaft da.
Dann war vor ein paar Jahren dieser „Neonbeats“-Sampler, den Walter Robotka gemacht hat. Der hat sich an Peterlicker erinnert, ich habe die Band schon vergessen gehabt. Er hat uns gefragt, ob beim CD-Präsentationskonzert nicht die alten Peterlicker auftreten wollen. Das haben wir nicht gemacht, weil uns Nostalgiescheiße nicht interessiert. Aber wir haben uns einmal getroffen und beschlossen, lieber gleich ein Album zu machen [„Nicht“, 2011 auf Mego erschienen]. Wir sind allerdings recht schnell draufgekommen, dass es vielleicht doch einen Grund gehabt hat, dass wir uns über 20 Jahre nicht gesehen haben. Es waren zwar alle sehr zufrieden mit dem Album, aber es war nicht das dringende Bedürfnis da weiterzumachen. Besonders Peter ist mittlerweile als musikalischer Direktor von dieser Rock- oder Antirock-Musik, die wir mit Peterlicker gemacht haben, weiter entfernt denn je.

Wie entstand dann Shampoo Boy?
Christian: Peter und ich haben uns gleich wieder verstanden. Ein sicheres Zeichen dafür ist, dass man nicht diskutieren muss. Man stöpselt an, spielt miteinander und es kommt auch noch etwas Interessantes heraus. Wir wollten den Sound offener machen, mehr Raum reinbringen, mehr Licht.

Und wie kam Christina ins Spiel?
Christian: Wir haben sie gefragt, weil wir ein bisschen frisches Blut wollten. Peter und ich als Duo, das wäre wie ein altes Ehepaar. Christina ist eigentlich die einzige Musikerin in der Band. Peter und ich können nichts, wir wissen aber, was wir tun. Wir haben eine erste Aufnahmesession mit vier Improvisationen gemacht, die alle gleich funktioniert haben. Dieses Freie, Lockere, schon sehr Strukturierte, aber nicht Totalitäre, Gesangsorientierte – das gefiel uns, da wollten wir hin.
Christina: Insgesamt haben wir neun Tage gearbeitet.
Christian: Es gibt nicht einmal Overdubs. Was wir gespielt haben, ist nur auf dem Mischpult fokussiert worden. Eigentlich die alte Can-Hippiescheiße!
Christina: Wir haben in Peters Homestudio aufgenommen. Es war ganz easy: Jeder hat sein Equipment aufgebaut, wir haben uns in Peters Soundkarte gestoppelt und während wir das erste Bier getrunken haben, hat er schon aufzunehmen begonnen. Für mich war es total unkompliziert.
Christian: Es ist die unkomplizierteste Band, in der ich je war. Es hat auch nie irgendeine Diskussion darüber gegeben, dass jemand ein Sound nicht passt. Jeder hat einfach den Sound eingestellt, den er sich gedacht hat.

Habt ihr die Stücke fürs Album aus längeren Improvisationen rausgeschnitten?
Christian: Nein, die Sachen sind ungefähr in Originallänge. Höchstens die letzte Minute – das Prostata-Auströpfeln – ist noch ediert worden. Die Länge von acht oder zehn Minuten pro Stück hat sich so ergeben. Irgendwann nickt man sich beim Spielen unweigerlich zu, weil man das Gefühl hat, jetzt sollte bald einmal ein Ende kommen.

Wie ist die Aufgabenverteilung innerhalb der Band? Es gibt einige fiese Frequenzen auf der Platte. Ich nehme an, die kommen von Peter?
Christian: Nein. Ich kann jetzt nicht für ihn sprechen, aber seine radikale Lärmphase hat er hinter sich. Er sagt immer: „Machen wir was Softes.“ Dreidimensionale Räume, Elektroakustik – das ist jetzt so sein Ding. Den Lärm haben Christina und ich gemacht. Er findet das aber schon geil. Es hat beim Aufnehmen eine Geigenbogen-Gitarre-Kratzspur gegeben, die nicht auf der Platte nicht mehr so hart ist – da ist er am Mischpult gesessen und hat gesagt: „This sounds so beautiful.“

Die Schönheit von Lärm?
Christian: Alle drei sind wir begeistert von Lärm. Wir verstehen Lärm nicht als negative Kraft, darum heißt es auch „Licht“. Ich finde Lärm nicht düster, sondern befreiend und hell. Wenn man einen Gussbeton da hat, der einem nicht gefällt, muss man reinbohren. Und darunter – „Unter dem Pflaster liegt der Strand.“ Bedrückend finde ich Formatradio.

Der Albumtitel „Licht“ ist demnach absolut unironisch zu verstehen?
Christian: Ja.
Christina: Ich würde niemals Musik machen, die irgendwie ironisch ist.
Christian: Was mich nicht mehr interessiert: Songs schreiben, auf FM4 kommen, in St. Pölten im Paradiso spielen. Das wäre vielleicht ironisch. Mir geht es bei Shampoo Boy darum, eine intensive Sache möglichst klar und präzise umzusetzen. Ich habe Quatsch gern, aber Ironie ist in der Musik eine ganz furchtbare Sache.

Bei allem Lärm geht es euch nicht um die Zerstörung von Struktur. Die Stücke haben alle einen Puls und sind nicht ganz formlos.
Christina: Ich versuche bei Shampoo Boy so wenig wie möglich und so viel wie nötig zu spielen. Auch wenn man keinen Drumcomputer dabei hat, hat man als Bassist doch einen Rhythmus. Wenn man einmal reinhaut und einen Effekt dazuschaltet, hört man eh, wie weit das gehen kann und wo es nötig wird, wieder etwa zu spielen. Und man muss eben achtgeben, was die anderen machen. Da hat sich herausgestellt, dass wir gut zusammenpassen. Auch Christian greift nicht alle drei Sekunden um.

Ihr seid auf dem sehr hippen englischen Label Blackest Ever Black gelandet. Wie das? Eigentlich hätte man erwarten können, dass die Platte auf Mego erscheint.
Christina: Wir haben auch schon eine Mego-Katalognummer dafür gehabt. Aber Peter hat spontan gemeint, er macht sich jetzt den Spaß und schickt denen die Rohmischungen von zwei Stücken.
Christian: Und die haben sich gleich am nächsten Tag gemeldet. Peter hat sich eine Plattenfirma und ein eigenes Querdenker-Imperium erschaffen. Der hat sich vorher noch nie bei einer Plattenfirma beworben. Soundmäßig passen wir dort eigentlich gar nicht richtig rein. Mit Dubstep oder Post-Dubstep haben wir nicht viel zu tun. Ich glaube aber, das Label will sein Spektrum erweitern. Der Labelbetreiber Kiran Sande ist ja ein gescheiter Oxford-Absolvent und kommt aus der Kodwo Eshun-Ecke. Der will raus aus dieser strengen Studenten-Basskammer.

Ihr habt bei Peter zu Hause aufgenommen und damit wohl kaum Kosten gehabt. Das Kapitel Förderungen, das bei Bands aus Österreich oft sehr wichtig ist, habt ihr demnach übersprungen?
Christian: Ich bin sechs Jahre lang im SKE-Förderausschuss gesessen und zu dem Schluss gekommen: Jeder, der dort ansucht, hat schon verloren, karrieremäßig. Ich wäre aber auch vorher nie auf die Idee gekommen, um Förderungen anzusuchen. Auch mit den früheren Bands haben wir die Sachen immer selbst finanziert.
Christina: Ich habe schon viel angesucht, weil ich auf meinem Label Comfortzone Sachen rausbringe, die sich so finanziell nie ausgehen würden. Meine Meinung dazu ist: Du kannst dir ein, zwei Alben fördern lassen. Wenn dann noch immer nichts weitergeht, wird es problematisch und frustrierend.
Christian: Mich interessiert das alles nicht mehr. Ich habe Peter vor vielen Jahren einmal gesagt, er soll doch einmal um eine Förderung ansuchen, etwa für ein Fennesz-Album. Er hat gemeint: Bis der Zuschuss bewilligt ist, hat er mit dem Gewinn vom Fennesz-Album schon wieder die nächsten drei Platten finanziert.

Wie schaut es mit Live-Spielen aus?
Christian: Die Live-Premiere ist in Innsbruck. Wir haben darüber hinaus einige Angebote, aber es scheitert ein wenig an Peters Reiseunlust. Er hat heuer mit KTL allein ungefähr 70 Live-Termine. Als der Mann von Blackest Ever Black gefragt hat, ob wir in Berlin spielen wollen, hat er gesagt: „It’s not one of our top issues.“ (Lacht) Aber wir werden das schon so drechseln, dass wir Angebote auch wahrnehmen werden.
Christina: Wir haben letzte Woche zum ersten Mal in einem Proberaum gemeinsam gespielt.
Christian: Bei Real-Lautstärke.
Christina: Das hat eigentlich ganz gut funktioniert. Jetzt müssen nur noch die jeweiligen Umstände passen.
Christian: Wir sind keine Club-Band. Speziell Peter hat viele schlechte Erfahrungen mit Häusl-Anlagen in Clubs gemacht. Wir haben schon gewisse Mindestanforderungen. Wenn die nicht erfüllt werden, geht es halt nicht. Sich einfach irgendwo hinzustellen und die Lautstärke nur auf Maximum zu stellen, wäre ein Missverständnis unserer eigenen Musik.

Werdet ihr die Stücke vom Album live aufführen?
Christian: Ja, zumindest in der Gewichtung der Sounds soll das auch live in der Form rüberkommen.
Christina: Die Herausforderung ist, 40 oder 45 Minuten die richtige Dynamik zu haben. Man darf nicht glauben, dass man mehr spielen muss, weil jetzt Publikum vor einem steht.
Christian: Es ist ein bisschen wie der alte Otto-Waalkes-Witz: „Fatherbull and Sonbull are standing on a hill. They look down in a valley, where they see a great flock of young crispy cows. Sonbull says to Fatherbull: Hey daddy bull, let’s run down and fuck one of them. Oh son, oh son, you bloody bastard, says Fatherbull, let’s walk down and fuck them all.“
Man darf beim Livespielen nicht gleich sein Pulver verschießen. Es hat gewisse Vorteile, wenn man schon etwas älter ist: Man muss nicht mehr immer der Lauteste sein und man muss nicht gleich alles in der ersten Minute spielen. Das ist der Fehler vieler Noise-Bands: Die gehen sofort auf die 100, oder sie gehen von der 100 nicht mehr runter. Bei uns brechen ja auch Nummern ein, Sachen verschwinden, tauchen wieder auf. Peter hat das auf der Platte auch sehr schön gemischt. Es hat einen Schwing und pulsiert, in meiner Welt zumindest.

Ihr wollt dann auch weitermachen als Shampoo Boy?
Christian: Auf jeden Fall. Wir fangen auch schön langsam wieder an. Wahrscheinlich werden wir beim nächsten Album andere Prämissen setzen. Mit Stimme zu arbeiten, würde mich nach wie vor interessieren, es muss ja nicht meine sein. Oder mit Streichern. Wir haben im Proberaum jetzt auch eine Nummer mit Rhythmus probiert. Da haben wir gemerkt, dass das vielleicht nicht ganz unser Ding ist. Was aber nichts macht.
Christina: Ausprobieren kann man alles.
Christian: Ja. Wenn man alt wird, hat man sehr viel Zeit.

Fotos Shampoo Boy: Pamela Russmann

 

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