Der aus Kärnten stammende Gitarrist Gottfried Gfrerer ist ein umtriebiger Musiker: Neben Solo-Konzerten spielt er auch mit Kollegen wie Klaus Trabitsch, Bob Brozman und Dakota Dave Hull. Auch mit Hans Krankl steht er mit der Gruppe Monti Beton regelmäßig auf der Bühne. Zudem baut er seine Gitarren am liebsten selbst und repariert alte National-Resonatorgitarren aus den U.S.A.. Das Interview mit Gottfried Gfrerer findet deshalb auch in seinem Atelier statt, inmitten von alten Instrumenten. Das Gespräch führte Jürgen Plank.
Wir sitzen in deinem Atelier und du reparierst gerade Gitarren. Was machst du hier?
Ich mache gerade einen Tonring für eine Resonatorgitarre aus dem Holz Yellow Poplar, das sind die nächsten Instrumente, die ich für mich selbst baue. Heute spiele ich noch immer auf der ersten Gitarre, die ich selbst gebaut habe und die ist eigentlich schon ein bisschen kaputt.
Wieso baust du deine Gitarren selbst?
Weil ich am Markt nirgendwo gute Gitarren entdeckt habe, die die klanglichen Qualitäten wie die Instrumente aus den 1930er-Jahren haben und weil die alten Instrumente andererseits zu Schade für den Live-Einsatz sind, habe ich mich entschlossen, meine Bühneninstrumente, die ich live spiele, selbst zu bauen. Und zwar genau gleich wie die Gitarren aus den 1930er-Jahren und ich verwende dabei dasselbe Holz: Auf Deutsch heißt es Tulpenbaum bzw. auf Englisch Yellow Poplar. American White Wood sagt man auch dazu. Das ist ein Parkbaum, der mittlerweile auch in Europa wächst, der wird bis zu 60 Meter hoch und kann 2,5 Meter im Durchmesser sein. Dieses Holz hat ähnliche Eigenschaften wie Ahorn, es ist aber etwas weicher und um ein Drittel leichter.
Ahorn wird ja oft für Gitarrenbau verwendet.
Genau, auch für Geigen und Cellos. Das ist ein sehr musikalisches Holz. Resonatorgitarren sind aufgrund der Bestandteile aus Metall ohnehin ziemlich schwer, deswegen ist es gut für deren Bau ein leichtes Holz zu verwenden. Die ersten Gitarren, die ich gebaut habe, haben drei Kilo gewogen, das ist eigentlich wenig. Die Gitarren aus Metall, die man damals am Markt kaufen konnte, waren viel zu dick gebaut und haben viereinhalb Kilo gewogen. Die Gitarren, die ich jetzt baue, wiegen zweieinhalb Kilo, das ist natürlich ein erheblicher Unterschied.
Du spielst am liebsten mit Resonatorgitarren, was macht deren Faszination aus?
Erstens ist es Ende der 1920er-Jahre eine kühne Idee gewesen, solche Gitarren zu bauen, das war einfach eine Pionierarbeit. Und dieser kühne Gedanke ist immer noch dabei. Diese Modelle, die ich spiele, waren eigentlich immer unbeachtet. Mich fasziniert wie diese Instrumente funktionieren, wie sie klingen und wie musikalisch sie sind, man kann wirklich alles damit spielen. Damals sollten einfach lautere Gitarren gebaut werden. Bei den Instrumenten, die heute gebaut werden, steckt schon ein Klischee dahinter, das Klischee des schmutzigen, dreckigen Blues. Und dann muss der Klang irgendwie grauslich sein! Die Einstellung damals war anders, die National-Modelle klingen wirklich fast wie eine normale Gitarre. Ich habe begonnen, mit Resonatorgitarren live zu spielen, weil sie lauter sind und weil ich sie mit einem Mikrophon abnehmen kann. So kann ich die ganze Dynamik des Spiels auch live umsetzen, und nicht nur im Studio.
Früher wurden die Instrumente auf der Bühne nicht immer verstärkt.
Damals war Viel unverstärkt. Es gab in den U.S.A. so genannte Vaudeville-Truppen, die von Stadt zu Stadt gezogen sind, mit einem Programm, das von Zaubern bis Gesang und Tanz gereicht hat. Die haben z.B. in Theatern gespielt und dort musste man laut sein und ein Vaudeville-Künstler, George Beauchamp, hat sich von einem aus der Slowakei stammenden Instrumentenbauer in Los Angeles eine lautere Gitarre bauen lassen. Dabei wurden Anleihen am Grammophon genommen und so wurden bei den ersten Modellen drei kleine Lautsprecher aus Aluminium eingebaut, auf die die Saitenschwingung übertragen wurde. Später wurde ein großer Lautsprecher eingebaut, aus Aluminium. Und deswegen klingen diese Gitarren ein wenig wie alte Radios, weil sie so gebaut worden sind.
Heute bekommst du diese alten Gitarren, die du renovierst, aus den U.S.A. geschickt?
Genau, einmal habe ich eine Gitarre über Umwege vom Erstbesitzer bekommen, der sie 1939 im Alter von 12 Jahren gekauft hat und sein ganzes Leben damit gespielt hat. Die hat am Griffbrett Gruben von bis zu einem halben Zentimeter gehabt. In diesem Instrument war sehr viel Energie drinnen, das ist eine Super-Gitarre! Son House, der berühmte Blues-Musiker hat solche Gitarren, das ist das Modell Duolian, gespielt, das war das billigste und lauteste Instrument und war daher oft die erste Wahl für Bluesmusiker, wenn sie sich das leisten konnten. Eine Gitarre hat damals 32 US-Dollars gekostet, heute kostet so ein Modell in gutem Zustand zirka 3000 Euro.
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Du bist nicht nur Instrumentenbauer, sondern vor allem auch Musiker. Was spielst du denn am liebsten?
Meine Einflüsse sind sehr breit gestreut. Wenn ich danach gefragt werde, sage ich Bob Dylan, oder Simon & Garfunkel, oder die alten Bluesspieler. Aber auch Milli Vanilli ist ein Einfluss, weil ich die ja auch irgendwann gehört habe und alles, was man hört, nimmt man auf. Als Jugendlicher bin ich am Land mit Schlager und Klassik aufgewachsen und dann habe ich mich schon sehr mit der Stilistik der alten Bluesmusiker beschäftigt, die habe ich von den Platten herunter gehört. Vor allem von Big Bill Broonzey und Blind Willie McTell und auch das Fingerpicking der Folkmusiker der 1960er Jahre.
Hat dich auch der ‚Musiker’ von Milli Vanilli beeinflusst, der nicht gesungen hat, sondern nur schön war?
Sicher. (lacht) Da hat man gewusst, man muss gut aussehen, wenn man auf die Bühne steigt!
Du spielst auch mit Leuten wie Bob Brozman zusammen, wie ist das?
Mit Bob Broszman zusammen zu spielen geht eigentlich nicht, denn Bob ist kein Mannschaftskünstler, er ist ein Solist. Das ist vollkommen klar. Aber ich habe vor rund 15 Jahren einige amerikanische Künstler nach Österreich geholt und da war Bob schon eine gewisse Schlüsselfigur, weil er einer der ersten Musiker war, mit denen ich in Kontakt war und danach habe ich andere kennen gelernt. Zum Beispiel Woody Mann, mit dem habe ich in Europa wirklich oft zusammen gespielt. So etwas ist natürlich spannend, denn du musst als Mitmusiker einen Senf dazu drücken, der das Essen am Ende besser oder zumindest nicht schlechter macht. Das heißt, man muss lernen sich zurück zu nehmen, aber im entsprechenden Moment mit Mut etwas beisteuern. Das ist das Schwierige und das Schöne am gemeinsamen Musizieren. Wenn du viel solo spielst, ist es nicht leicht mit anderen zu spielen. Umgekehrt gilt das auch, wenn man selten solo spielt, fehlt das Fangnetz der Mitmusiker bei einem Solo-Auftritt und dann bist du eine One-Man-Band und spielst Rhythmus, Melodie und die Bassbegleitungen und singst auch noch. Für mich ist es generell spannend, so viel Verschiedenes wie möglich zu machen.
Du wirst in Kürze ins Studio gehen, um aufzunehmen. Wie wirst du dabei vorgehen?
Im Groben weiß ich schon, was ich machen möchte, aber ich habe noch kein fertiges Lied. Ich werde an den Lieder so arbeiten wie früher mit dem Vierspurgerät: Ich werde etwas aufnehmen, dann anhören und die Ideen, die mir dazu wieder einfallen, einarbeiten. Das ist ein Ping-Pong-Effekt und so geht es immer weiter und so werde ich die Lieder entwickeln. Mein kleiner Beitrag zur Geschichte von Resonatorgitarren ist, dass ich fast alles mit den Instrumenten aus den Jahren 1928 und 1929 aufnehmen werde. Normale Gitarren werden auch dabei sein. Die CD wird ‘Polychrome’ heißen, denn so hat die Lackierung geheißen. Das soll ein vielfarbiges Album werden.
Wird es auch musikalische Gäste geben?
Ich weiß noch nicht, was passieren wird, aber wahrscheinlich werde ich alles alleine aufnehmen. Ganz zurückgezogen, auf einem Bauernhof, den meine Eltern vor einiger Zeit gekauft haben. Es ist niemandem zuzumuten, dort längere Zeit zu sein, aber Geri Schuller wird mir ein paar gute Mikrophone borgen.
Live:
Mi 27.03.2013: Bob Brozman & Gottfried Gfrerer, Reigen, 20:30h
Im Rahmen des Vienna Blues Spring Festivals
Do 28.03.2013: Gottfried Gfrerer & Ripoff Raskolnikov, Freihaus, Schleifmühlgasse 7, 1040 Wien, 20:30h
http://www.gottfriedgfrerer.at