Heutzutage ist es chic in einer Indie-Folk Band zu spielen. Da der Sound von der spärlichen Instrumentierung lebt, kann er leicht kopiert werden. Dabei vergessen viele, dass genau deswegen umso mehr Herzblut in der Musik stecken muss, um sie einzigartig zu machen. Zum Glück hat die österreichische Musikszene eine junge Sängerin, die getrost als Vorbild in Sachen Folk betrachtet werden kann.
Laura Rafetseder veröffentlicht Anfang November das erste Album ohne ihre Band Laura&The Comrats, und verzichtet so auch auf viele Instrumente. Basis ist die Akustikgitarre, die mit spärlichem Akkordeon, ein wenig Mundharmonika und der Fidel verziert wird. Auch das Wörtchen Indie braucht die Bezeichnung ihrer Musik nicht, da sie sich an den Wurzeln des Folk in den 1970er Jahren orientiert. Teilweise spürt man eine Verbundenheit zu Joni Mitchell, dann wieder erinnert ihre Stimme und die Atmosphäre, die sie mit ihr transportiert, an die Solo-Arbeit von Fleetwood Mac Sängerin Stevie Nicks.
Mitchell und Nicks sangen von einer Liebe, die eher schmerzt als glücklich macht. Selbst wenn sie den „Richtigen“ gefunden hatten, war das Gefühl von Fragen und Unsicherheiten überschattet. Genauso ist es bei Rafetseder. Schon 2007 erzählte sie im mica-Interview von ihrer Sympathie zur Dialektik, also zum Widersprüchlichen. Tag und Nacht, Kommen und Gehen, das Gute und das Böse – sie setzt diese Gegensätze ein, als seien es Magnete, die einander bedingen. Die meiste Zeit drehen sich ihre Texte um den Verlust, doch schon allein die Musik erlaubt nicht, dass man den Kopf hängen lässt. Sie vermittelt viel mehr Melancholie, was neben einem delikaten und genussvollen Gefühl, eine Gratwanderung zwischen Trauer und Hoffnung ist.
Am besten wird die Melancholie von irischen Klängen transportiert, wie in „ Ballad Of Zhanaozen“ oder „Down Tonight“. Im ersteren solidarisiert sie sich mit den kasachischen Ölarbeitern, deren Streik 2011 blutig niedergeschlagen wurde. Das zweite ist eines der epischen Stücke, das sich von einer verzweifelten Ballade zu einem erdigen Klagelied wird. Maritim ist es in „Rain Rain“, da das Akkordeon sehr nach Seemannsliedern klingt. Wiederum country-g ist „Autumn Leaves“, nicht nur wegen der Mundharmonika, auch die Vocalmelodie unterstützt dies.
Und auch wenn alle Songs sehr ehrlich und direkt sind, muss doch „The Day The Night Left“ hervorgehoben werden. Man hat das Gefühl, als würde man Rafetseder ganz nah sein. Die Geigenmelodie im Hintergrund harmoniert perfekt mit ihrer Stimme. Ihren Gesang hat sie hier zweimal eingesungen, und die Überlappung der beiden Stimmlagen ist so sanft, dass man fast genau hinhören muss. Auch wenn der eigentliche Text nur kurz ist, könnte man diesem Schlaflied noch lange zuhören.
Dass es das letzte Lied ist, macht einem bewusst, wie wichtig nicht nur Opener sondern auch die Schlusstracks sein können. Aus diesem Grund verlässt man das Album mit einem schläfrig, besänftigtem Gefühl, das angenehm nachwirkt. Und das ist es, was Laura Rafetseder einigen ihrer Folk-Kollegen voraus hat: Dass sie einen wirklich berühren kann.
Anne-Marie Darok