Er macht gerade die Matura, hat keine Ambitionen als TikTok-Hustler, dafür aber eine Plattensammlung, für die man sich in den 80ern nicht hätte schämen müssen. TOBIAS HAMMERMÜLLER ist Kopf der Band LAUNDROMAT CHICKS und Teil von etwas, das mal eine Jugendbewegung war. Demnächst erscheint auf SILUH RECORDS das Debüt „Troubles“ – eine Platte, die auf FM4 zur Nachmittagsekstase ansetzen könnte. LENA PÖTTINGER, THERESA STROMER, SALAMIRECORDER und TOBIAS HAMMERMÜLLER schrammeln schließlich an einem Sound, den die gesammelte FM4-Redaktion aus ihrer eigenen Jugend kennt: Indie, Sorte: New Wave, Abteilung: Post-Punk. Warum er nach der Schule sicher nicht beim Bundesheer landet, wieso Yung Hurn immer noch urgeht und was die Serie Stranger Things mit der eigenen Musik zu tun hat, erzählt HAMMERMÜLLER im Gespräch mit Christoph Benkeser.
Tobias, du kommst aus St. Pölten. Was tut sich dort?
Tobias Hammermüller: Nicht viel, um ehrlich zu sein. Es gibt ein paar jüngere Künstler:innen, einige Punk- oder Alternative Rock-Bands … aber sonst ziemlich wenig, was Jugendliche ansprechen würde.
Das klingt verschlafen.
Tobias Hammermüller: Das Ding ist: Alle, die sich für Musik oder Film interessieren, fahren die halbe Stunde nach Wien. Deshalb passiert in St. Pölten nichts. Weil alle woanders hinfahren. Und weil es vor Ort außer dem Cinema Paradiso keine coole Venue gibt.
Das bringt ein bisserl Dorfpunks-Vibes auf.
Tobias Hammermüller: Stimmt eh. Mit zwei Freunden von mir, habe ich sicher schon fünf oder sechs Bands gestartet, aber nie wirklich was draus gemacht. Einfach, weil wir keine anderen Leute gefunden haben, die motiviert gewesen wären, unsere Musik zu spielen.
Du bist aktuell noch in der Schule, machst grad Matura, oder?
Tobias Hammermüller: Ja, voll. Die Mündliche kommt noch. Bisher bin ich aber überall positiv.
Ich erinnere mich traumatisiert daran zurück und beneide dich nicht darum.
Tobias Hammermüller: Na, die Zentralmatura hat’s eh einfacher gemacht. Wenn du einen Dreier im Jahreszeugnis hast, brauchst du nur 30 Prozent bei der Matura und bist durch. Man muss sich halt Fächer aussuchen, in denen man halbwegs gut ist.
Welche sind das bei dir?
Tobias Hammermüller: Bei der Schriftlichen hab ich Deutsch, Englisch und Französisch genommen. Mathe muss man machen, da hatte ich einen Vierer.
Also die Sprachen. Und beim Rest halt durch.
Tobias Hammermüller: Ja, ich hatte die schlimme Vorstellung, dass alle meine Freunde bereits fertig sind und ich die blöde Nachprüfung machen muss. Deshalb hab ich eineinhalb Wochen durchgelernt. Das ging sich aus.
Bist du ein guter Lerner?
Tobias Hammermüller: Ich war es lange nicht. In diesem Jahr musste ich aber lernen zu lernen. Während Corona war die Sache schließlich ganz anders, oft wurden Schularbeiten abgesagt, die Note war stärker von den Hausübungen abhängig …
Ich verstehe schon. Wie blickst du auf die Schulzeit zurück?
Tobias Hammermüller: Ich bin nicht so gerne in die Schule gegangen und hatte Aufmerksamkeitsprobleme. Während der Stunden hab ich deshalb oft herumgekritzelt und aus dem Fenster geschaut. Trotzdem hatte es einen Charme, weil man mit Gleichaltrigen seine Zeit verschwendet. Mittlerweile bin ich aber froh, dass es bald aus ist.
Weil das System Schule nicht für alle funktioniert.
Tobias Hammermüller: Ich schau mir lieber eine Doku an, als dass jemand vor mir steht und irgendwas runterredet. Außerdem will ich mir aussuchen, was mich interessiert.
Das kannst du bald machen …
Tobias Hammermüller: Ich weiß noch nicht, ob ich studieren will. Wenn, dann was mit Film. Davor muss ich aber sowieso noch den Zivi machen …
Warst du schon bei der Stellung?
Tobias Hammermüller: Ja, ich bin sechsertauglich, aber dort war so eine ungute Stimmung. Alle Grundwehrdiener wollten sich vor einem aufspielen, haben uns rumkommandiert … Vielleicht macht das die Uniform aus einem. Oder das urfrühe Aufstehen in Kombination mit dem Essen, das überhaupt nicht lecker ist.
Ich kann mich erinnern: Am Ende hab ich ein Autohefterl und ein Red Bull bekommen.
Tobias Hammermüller: Das Paket hab ich gar nicht mitgenommen. Dafür hab ich die Badeschlapfen eingesteckt, die sind wirklich bequem!
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Immerhin etwas von der Sache mitgenommen! Lass uns aber ein wenig über deine Musik reden. Wie bist du in St. Pölten sozialisiert worden?
Tobias Hammermüller: Mein Papa hatte im Auto immer das Beatles-Best-of-Album mit dem großen Einser auf dem Cover. Das haben wir uroft gehört. Aber auch Beach Boys, die Fantastischen Vier und Falco.
Wann hast du dich davon losgerissen?
Tobias Hammermüller: Wirklich weggestoßen hab ich mich gar nicht, weil ich als 13-Jähriger mit David Bowie oder Nirvana genau die Musik entdeckte, die mein Papa auch schon gehört hatte. Ich bin also zuerst auf ältere Künstler:innen gestoßen und erst später zu modernem Indie-Rock gekommen.
Du bist 2004 auf die Welt gekommen, hast aber zuerst in der Vergangenheit nach Neuem gesucht.
Tobias Hammermüller: Meine Generation wächst mit Retro-Zeugs auf. Als ich zehn war, kam der Film „Guardians of the Galaxy“ in die Kinos. Der Soundtrack bestand aus Soft Rock-Hits aus den 70ern. Ich hab mir das komplette Album auf den iPod geladen und dadurch zum Beispiel David Bowie entdeckt.
Ich find es immer spannend zu hören, wie Menschen zum ersten Mal auf Musik stoßen, die sie berührt. Man kann heute viel mehr entdecken, auch durch die Verfügbarkeit im Internet.
Tobias Hammermüller: Und TikTok! Das hat alles auf den Kopf gestellt. Ich hab die Pixies zum Beispiel vor drei Jahren entdeckt. Mittlerweile kennen sie aber so viele in meinem Alter, weil „Where Is My Mind“ uroft als Track in viralen TikToks benutzt wurde. Oder Surf Curse. Die machen schon seit zehn Jahren Musik. Letztes Jahr kam ihr Song „Freaks“ in urvielen TikToks vor. Mittlerweile spielen sie Welttourneen.
Bist du TikTok …
Tobias Hammermüller: User? Na ja, ich hab die App nicht, aber es gibt ja die Instagram-Reels, da schau ich schon TikToks.
Was ist deine Bildschirmzeit am Tag?
Tobias Hammermüller: Auf jeden Fall zu viel! Das ist aber nicht schlimm, es wird nur ein Drama draus gemacht. Außerdem find ich das, was auf TikTok passiert, ursuper! Es ist cool, dass andere Leute so zu neuer Musik finden können.
Ich find auch. Es ist da. Wieso sollte man es auch nicht nutzen?
Tobias Hammermüller: Ja, in den 70ern und 80ern waren die Szenen viel stärker getrennt. Entweder war man Punk oder Mod oder halt was anderes. Mittlerweile hören alle alles. Das find ich gut.
Das Argument der fehlenden Zuordnung kommt nur von Leuten, die der Vergangenheit nachtrauern. Dabei passiert gerade in der Durchmischung viel Neues.
Tobias Hammermüller: Mich hat letzthin ein Interviewer gefragt, ob ich mit meinem New Wave-Sound die Gen Z ganz ausgrenze und mich nur an die Generation davor richte. Überhaupt nicht! Gerade in der letzten Zeit ist urviel Musik erschienen, die sich an diesem Stil ausrichtet.
Eh! Da könnte man dich auch gleich fragen, ob du mit deiner Musik die Stimme einer Generation sein willst.
Tobias Hammermüller: Ich fand das aber immer cool, wenn es eine Band gab, nach der sich urviele Jugendliche gerichtet haben – wie damals bei den Strokes oder bei Oasis.
Gibt’s das heute gar nicht mehr?
Tobias Hammermüller: Vielleicht mit Leuten wie Yung Hurn oder so.
Der geht noch immer?
Tobias Hammermüller: Urviele versuchen seinen Social-Media-Stil nachzumachen. Also urrandom zu posten und so … Letztes Jahr hab ich einen 13-jährigen Skater aus Deutschland kennengelernt. Er hat mich gefragt, ob ich Yung Hurn kenn. Man merkt halt, der ist urgroß. Aber mir war er immer schon wurscht.
Er ist halt Influencer.
Tobias Hammermüller: Das kann man auch cool machen. Also Musik zu machen, zusätzlich eine Kunstperson zu sein und die echte Person vom Social-Media-Auftritt zu lösen – das eröffnet eine neue Ebene, um sich auszudrücken. Leider bin ich darin nicht so gut.
Man muss schon krass extrovertiert dafür sein, oder?
Tobias Hammermüller: Ich tu mir schwer so zu tun, als wär ich urgehypt über das, was ich mach. Wenn ich Ankündigungen mach, schreib ich halt, was passiert. Andere übertreiben viel mehr. Das kann ich nicht.
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Es ist schwierig authentisch rüberzukommen, aber seine eigenen Prinzipien nicht außen vor zu lassen.
Tobias Hammermüller: Gleichzeitig muss es so wirken, als wär es einem wurscht.
Wie gehst du damit um?
Tobias Hammermüller: Ich versuch nur das zu posten, was mir selber nicht am Nerv gehen würd. Es muss mir also gefallen. Schließlich will ich nicht berühmt werden oder so.
Du willst nicht berühmt werden?
Tobias Hammermüller: Na, das wär doch urstressig!
In Wien können alle berühmt sein.
Tobias Hammermüller: Aber nicht berühmt berühmt!
Wo ziehst du da die Grenze?
Tobias Hammermüller: Berühmt berühmt ist für mich, wenn man Hardcore-Fans hat, die alle deine Songs kennen; die sich anziehen wie man selbst; auf alle Konzerte gehen, verrückt nach einem sind.
Du hast lieber deine Ruhe.
Tobias Hammermüller: Auch wenn ich weit davon entfernt bin, denke ich trotzdem darüber nach, wie ich es gern hätte.
Ein virales TikTok mit einem Laundromat Chicks-Song …
Tobias Hammermüller: Voll, oder man rutscht in die richtige Spotify-Playlist, wird von irgenwelchen Lo-fi-Kanälen regepostet und …
Bezeichnest du deinen Sound als Lo-fi?
Tobias Hammermüller: Eigentlich nicht. FM4 hat gemeint, es sei Lo-fi – weil halt Reverb und Echo drauf ist. Für mich klingt es aber richtig gut. Das ist großteils Wolfgang Lehmann zu verdanken. Die ersten Demos hab ich schließlich alle allein aufgenommen.
Alles?
Tobias Hammermüller: Na ja … Bass, Gitarre, Keys und Schlagzeug. So viel ist das nicht. Außerdem sind die Drums oft einprogrammiert.
Das hört man gar nicht.
Tobias Hammermüller: Dass es echt klingt, muss man lernen. Aber wie das geht, verrat ich hier nicht.
Das ist ein bisserl wie bei DJs, die nicht verraten, welche Songs sie spielen.
Tobias Hammermüller: Ich leg jetzt schon eine Zeit lang auf, aber das würd ich nicht machen. Trotzdem hat es natürlich einen Reiz, wenn man etwas entdeckt, das noch niemand kennt. Vor allem auf Vinyl.
„DAS ALBUM BLEIBT, ES IST EINE ERINNERUNG AN DIE MUSIK.“
Wie bist du zum Plattensammeln gekommen?
Tobias Hammermüller: Ich hab früher viele alte Bands gehört und mich dafür interessiert, wie man in der Vergangenheit Musik abgespielt hat. Dadurch bin ich zu Vinyl gekommen. Das ist aber nicht unbedingt überraschend. Urviele Leute in meinem Alter haben mittlerweile einen Plattenspieler.
Was macht für dich den Reiz aus?
Tobias Hammermüller: Es macht Spaß, die Platte in die Hand zu nehmen. Außerdem kann die Musik nicht einfach verschwinden wie auf Spotify. Das Album bleibt, es ist eine Erinnerung an die Musik.
Du beschreibst das schön. Glaubst du, dass das Interesse auch mit Serien zusammenhängt, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen?
Tobias Hammermüller: Voll! Vor allem „Stranger Things“ und Steven Kings „It“ haben sicher eine Retro-Welle ausgelöst. Zuletzt kam ja die neue Staffel von „Stranger Things“ raus. In einer Szene kommt der Song „Running Up That Hill“ von Kate Bush vor – auf einmal hören ihn urviele junge Leute zum ersten Mal. Er wird neu bekannt, das ist schon cool!
Weil er immer noch als Song funktioniert.
Tobias Hammermüller: Oder wieder funktioniert! Vielleicht ging einem dieser cheesy Song in den 80ern voll auf die Nerven. Trotzdem findet man nach all der Zeit etwas Neues drin. Vielleicht lässt sich in 20 Jahren sogar in „Shape of You“ von Ed Sheeran was Cooles finden.
Oder in den Laundromat Chicks. Wobei: Die sind ja schon cool!
Tobias Hammermüller: Dabei ist es kein Throwback-Projekt zum alten New Wave-Sound. Es klingt so, weil ich letztes Jahr viel Musik in diese Richtung gehört hab. Zukünftig wird es vielleicht etwas Folkiges werden.
Danke für deine Zeit!
Christoph Benkeser
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Links:
Laundromat Chicks (Instagram)
Laundromat Chicks (Soundcloud)
Laundromat Chicks (Bandcamp)
Siluh Records (YouTube)
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