„Ich verstehe das donaufestival als ein Festival mit der Tradition des Traditionsbruches“ – THOMAS EDLINGER im mica-Interview

„Du steckst mich an“, so lautet der Titel und damit das theoretische Leitmotiv des diesjährigen DONAUFESTIVALS in Krems. Von 28. April bis 6. Mai 2017 findet die erste Ausgabe unter der künstlerischen Leitung von THOMAS EDLINGER mit einigen programmatischen Erneuerungen statt und lässt einiges erwarten. Das Line-up erstreckt sich dabei wie gewohnt über zwei Wochenenden, zwischen Musik, Performance und bildender Kunst mit Fokus auf künstlerische Annäherungen an das Leitmotiv Empathie und darüber hinaus. Am Programm stehen Acts wie etwa MOOR MOTHER, STIAN WESTERHUS, SCRITTI POLITTI, EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, GONJASUFI, YVES TUMOR, DEAVHAVEN u. v. m. Im Gespräch mit Ada Karlbauer erzählte der Kurator THOMAS EDLINGER über Ambivalenzen der Empathie, die Gebrochenheit als zeitgemäße Ausdrucksform und die Spannung zwischen Vergangenheits- und Gegenwartsfetischismus.

In diesem Jahr findet das donaufestival erstmalig unter Ihrer Intendanz statt. Was ist neu, was bleibt?

Thomas Edlinger: Ich verstehe das donaufestival als ein Festival mit der Tradition des Traditionsbruches. Ich maße mir nicht an, das Festival neu erfinden zu können oder zu wollen. Ich werde aber neue Akzente und Nuancierungen setzen, oder es zumindest versuchen. Was konkret neu ist: die Entwicklung und Bearbeitung eines Leitmotives, diesmal das der Empathie. Das Leitmotiv wird auch in Form einer zusätzlichen Publikation, einem Reader weiterbearbeitet, der zum Zeitpunkt des Festivals erscheint und auf einem USB-Stick zusätzlich noch Musik aus dem Festivalprogramm enthält. Zusätzlich neu sind verschiedene Formate: „Stockholm-Syndrom“, ein Überraschungsformat, das eine Stunde dauert, das man auch nicht googeln kann und jeden Tag bekannt gegeben wird und stattfindet. Auch gibt es einen neuen Spielort, die Dominikanerkirche in Krems. Eine große, säkularisierte Kirche im Stadtzentrum von Krems, in der auch die Performance „Habitat“ von Doris Ulrich mit 30 Performerinnen und Performern zur Aufführung gelangt.
Neu sind auch die Festivalzentrale mit Bar und DJ-Betrieb und die „Theory & Talk“-Formate. Einerseits verhandeln diese das Thema der Empathie und deren Ambivalenzen und Widersprüche, andererseits gibt es aber auch noch Gespräche, etwa eine Musikvideo-Präsentation und ein Gespräch über die nomadische Musik des 21. Jahrhunderts und die digitalen Bedingungen, die in diesem Kontext diskutiert werden.

“Technische Medien tendieren dazu, die Arbeit der Empathie zu ersetzen oder zumindest so zu tun, als ob […]”

Die erste Ausgabe steht unter dem Titel „Du steckst mich an“. Empathie, Einfühlungsvermögen und sozialer Klebstoff sind dabei die Schlüsselwörter. Warum haben Sie gerade dieses Thema als „Leitthema der Gegenwart“ ausgewählt?

Thomas Edlinger (c) Ingo Pertramer

Thomas Edlinger: Im Spätsommer 2015 ist mir die Empathie-Diskussion erstmalig aufgefallen: Die ganze Welt von Regierungsstellen abwärts bis zu NGOs haben im Zuge der Flüchtlingswelle mehr Empathie eingefordert. Barack Obama hat den Kampf gegen das angebliche oder tatsächliche Empathie-Defizit in einer Rede für wichtiger als den Kampf gegen das Budgetdefizit gehalten. Man sieht also, Empathie wurde von wichtigen und mächtigen Politikern in Anspruch genommen, zumindest in der Rhetorik. Das hat mich dazu gebracht, auch darüber nachzudenken. In künstlerischen Zusammenhängen war das Reenactment von Ai Weiwei ein wichtiger Punkt, der ja bekanntlich einen angeschwemmten, toten Körper eines dreijährigen syrischen Buben nachgestellt hat. Sein Argument war, dass er mehr Empathie, Mitleid, Solidarität und kritisches Handeln erzeugen wollte. Die Kritikerinnen und Kritiker haben ihm eine Profilierung auf Kosten eines toten Kindes vorgeworfen. Das waren – neben der Frage der Bewertung von Empathie in der politischen Kunst zwischen Mitleid und Engagement und der Funktion von medienverstärkter Einfühlung in der Popmusik – für mich die unmittelbaren realen Ausgangspunkte.
Das Allerwichtigste ist: Empathie ist ein sehr ambivalenter Begriff. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung, dass mehr Empathie nur gut sein kann, glaube ich, dass die Diskussion darüber sehr differenziert geführt werden muss. Empathie ist auch ein Schlüsselbegriff für Populistinnen und Populisten, denn auch diese beanspruchen die Einfühlung, die realen Probleme der sogenannten kleinen Leute für sich.

Empathie kann aber auch ganz anders verwendet werden. Gerade in künstlerischen Zusammenhängen ist es sehr interessant, dass wir heute alle bestimmten Medienbedingungen ausgesetzt sind. Technische Medien tendieren dazu, die Arbeit der Empathie zu ersetzen oder zumindest so zu tun, als ob – indem sie Einfühlung vergrößern beispielsweise durch ein Close-up auf eine Träne. Auch durch eine First-Perspektive-Kamera, die heute durch die digitalisierten Medien fast jeder haben kann, von Selfie-Kultur usw. Überall erzeugen Medien die Illusion, man wäre ganz nah dabei. Man wäre mittendrin und könnte dadurch die Perspektive eines anderen Menschen unmittelbar einnehmen. Das führt auch zu vielen politischen Verwerfungen, denn, das ist auch ein wichtiger Punkt, Empathie hat immer etwas mit Parteinahme zu tun. Wenn wir Empathie zeigen, entscheiden wir uns sozusagen für die Position einer Perspektive. In politischen Konflikten führt zu viel Empathie oft dazu, die notwendige Distanznahme für einen ausgeglichenen Blick auf eine Konfliktlage nicht mehr gewährleisten zu können.

In welcher Form spiegeln sich diese theoretischen Überlegungen im konkreten musikalischen und performativen Programm wider?

Thomas Edlinger: Natürlich illustriert nicht jede einzelne Position dieses Thema, aber es gibt schon einige Arbeiten, die ganz konkret künstlerische Mittel zur Bearbeitung von Empathieproblemen einsetzen. Zum Beispiel die Arbeit von Doris Ulrich, wo verschiedene Intensitäten aufeinandertreffen: Einer zittert, der andere schwitzt oder bebt, daraus entsteht dann eine Art Gemeinschaft von unterschiedlichen Körpern vor Ort. Oder auch die Arbeit „Seeing Difficulties“ von Vika Kirchenbauer, die auch mit Wärmebildern operiert. Mischungen, die sowohl zudringlich als auch eindringlich sind, sich aber nicht entscheiden können, ob sie eher den Bildern einer Überwachungskamera gleichen oder einer Kamera. Es gibt natürlich auch einige Arbeiten, die nicht unmittelbar mit der Thematik zu tun haben.

“[…] gegenwärtige Musik, die davon erzählt, dass die Stimme eben nicht mehr einen einfachen Ausdruck finden kann.”

Welche Rolle spielt Sound konkret als Medium innerhalb dieses Diskurses? Was für ein kritisches oder subversives Potenzial kann Sound noch zugeschrieben werden?

Thomas Edlinger: Bei Sound interessiert mich vor allem das Phänomen, welchen Stimmen oder Positionen man sich emotional nahe fühlt, wodurch wird man emotional erwischt? Ich glaube, dass man oft nicht von großer Ehrlichkeit oder authentischen Ausdruck oder dem, was darunter verkauft wird, erwischt wird, sondern von den Musikformen, die von der Gebrochenheit oder der Unmöglichkeit des authentischen Ausdruckes handeln. Beispiele aus dem Programm wären Stian Westerhus, William Craig und auch Moor Mother. Alles gebrochene, gegenwärtige Musik, die davon erzählt, dass die Stimme eben nicht mehr einen einfachen Ausdruck finden kann. Diese stehen ganz im Gegenteil zu Musik, die ich als Befindlichkeitspop bezeichnen würde, der von Gefühlen spricht, aber keine hat.

Das Line-up versammelt sehr unterschiedliche Acts – von aktuelleren Stimmen und Entwicklungen wie beispielsweise Moor Mother, Tommy Genesis und Elysia Crampton bis hin zu Heroes der Musikgeschichte wie etwa Einstürzende Neubauten. Welche Perspektiven ergeben sich durch solche künstlerischen Dialoge?

Thomas Edlinger: Vielleicht kann man das am Beispiel des zweiten Tages erzählen: Am zweiten Tag erinnert der Musiker und DJ Jace Clayton an die Musik von Julius Eastman, einen afroamerikanischen Minimal-Music-Komponisten, der auch ein Mitglied der New Yorker Downtown-Szene war und jetzt wiederentdeckt wird. Clayton übermalt dabei eine Pianoarbeit elektronisch. Julius Eastman wiederum war mit Arthur Russell damals in New York in künstlerischen Kontakt. Über ihn zeigen wir auch am zweiten Wochenende eine Dokumentation. Russel ist wiederum eine sehr wichtige Inspirationsfigur für den zeitgenössischen Produzenten, Komponisten und Cellisten Oliver Coates. Es gibt solche Verbindungslinien zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die Einflussnahmen nachzeichnen können und die sich auch im Festivalprogramm abbilden. Eine andere Linie ist sicherlich auch das Erbe von so Art-Pop- und Post-Punk-Bands wie Scritti Politti und This Is Not This Heat, die beim Festival auch wieder gezeigt werden. Generell habe ich gedacht, dass wir keinem reinen Gegenwartsfetischismus huldigen wollen, sondern eine Art Eignungsverhältnis zwischen solchen Positionen, die eine ausgewiesene Geschichte aufweisen und auch einen Kanon gebildet haben. Diese werden in eine Spannung gesetzt mit gegenwärtigen, riskanten und noch nicht gesicherten Positionen.

Welche Position möchten Sie mit dem donaufestival einnehmen? International, aber auch im Rahmen einer völligen Neustrukturierung der österreichischen Festivallandschaft wie etwa der Übernahme der Festwochen und neuen Festivalformaten wie Hyperreality?

Thomas Edlinger: Die Frage beantwortet sich ohnehin durch die Programmierung. Wir sind kein Clubfestival und wir streben das auch nicht an. Ein Clubkultur-Festival macht auch großen Sinn in einer großen Stadt, aber in einer kleinen Stadt wie Krems finde ich das nicht so sinnvoll. Mich interessiert es generell mehr, ein Festival zu machen, das sehr heterogene Formate miteinander in Kommunikation bringt und das auch viel von Brüchen und Überraschungen in sich trägt und nicht von smoothen Übergängen oder von einer durchgängigen Atmosphäre geprägt ist, sondern von Vielfältigkeit.

Mit dem Aufruf „Lassen wir uns gemeinsam anstecken“ formulieren sie eine konkrete Aktion an das Publikum. Was sind ihre diesbezüglichen Erwartungen? Wann würden Sie das als gelungen bezeichnen?

Thomas Edlinger: Zunächst wenn sich eine tatsächliche Festivalatmosphäre einstellt. In dem Sinne, dass die Menschen auch aufnahmebereit für Dinge sind, die sie sonst vielleicht nicht so wahrnehmen würden, und sich auf Dinge einlassen. Im besten Fall erzeugt dies eine verdichtete Zeitzone von zwei Wochenenden, im besten Fall macht das auch was mit den Menschen, die das donaufestival in Krems besuchen. Vielleicht gehen sie ein wenig anders nach Hause, als sie gekommen sind. Das wäre eine schöne Vorstellung für mich. Um dem Ganzen noch einen kleinen Schein von Veränderungsfähigkeit und einen nachhaltigen Anstrich zu geben, gibt es eben diese Publikation, die man dann ein halbes Jahr später in die Hand nehmen kann und denken: „Da war doch was, da gibt’s ja auch ein paar Linien, die mit dem Festival zu tun hatten, die ich zuvor gar nicht so gesehen hatte.“ Das wäre eine Idealvorstellung von mir.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Ada Karlbauer

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