„Ich persönlich würde mich jetzt nicht als lupenreinen Jazzmusiker bezeichnen“ – WOLFGANG PUSCHNIG im mica-Interview

Der international erfolgreiche Jazzmusiker (Saxofon, Flöten, Klarinette) und Komponist WOLFGANG PUSCHNIG spielt anlässlich seines sechzigsten Geburtstags, den er am 21. Mai 2016 feiert, einen Konzert-Zyklus im WIENER KONZERTHAUS und arbeitet an neuen Alben. Im Interview mit Petra Ortner sprach der Künstler über die Musik, seinen Werdegang und was man in den nächsten Monaten alles erwarten darf.

Wann haben Sie beschlossen die Musik zu ihrem Beruf zu machen?

Wolfgang Puschnig: Ehrlich gesagt nie [lacht]. Es war nie ein Beschluss. Ich empfinde das Ganze auch bis heute nicht als einen Beruf den ich ausübe. Es hat sich sukzessive in mein Leben hineingearbeitet. Ich kann da gar keine genaue Trennlinie ziehen. Manches empfindet man eher als Arbeit und anderes nicht. Ich glaube grundsätzlich ist es so, dass man, wenn man etwas macht – das kennen Sie sicher auch – wo man seine Liebe reinhängt, empfindest man es nicht als Arbeit.

Hatten Sie zu Beginn auch sowas wie einen Plan B?

Wolfgang Puschnig: Nein, einen Plan B hat es nie gegeben. Begonnen hat es schon so, dass ich mal studieren wollte. Musik als Lehramt machen. Musik und Englisch. Ich bin dann aber sehr schnell abgebogen, weil das Geld zum Studieren nicht vorhanden war. Darum musste ich mir selbst helfen und da ich schon davor Musik machte und mein Herz daran hing, ist alles relativ rasch seinen Weg gegangen.

Es läuft jetzt eine vierteilige Konzertreihe. Wann wurde das ganze geplant?

Wolfgang Puschnig: Ich glaube, das ist ein Zyklus, der schon bestanden hat. Es waren auch schon andere dran. Ich glaube Thomas Gansch war schon mal, Muthspiel war einmal. Von den beiden weiß ich es. Und ich nehme an, dass die Verantwortlichen vom Konzerthaus mein fortgeschrittenes Alter zum Anlass genommen haben, mir da einen Zyklus zu geben [lacht]. Was mich natürlich freut. Vor etwas mehr als einem halben Jahr hatten wir die ersten Gespräche.

Das heißt, Sie hatten rund ein halbes Jahr für die Gestaltung der vier Abende Zeit?

Wolfgang Puschnig: Ja. Erst haben wir uns zusammengesetzt, ich machte eine Liste mit Dingen die ich gerne machen würde, und das Konzerthaus hat sich dann bestimmte Sachen ausgesucht.

Ich stelle es mir schwierig vor nach so vielen Jahren, die Sie Musik machen, ein paar wenige Sachen rauszusuchen.

Wolfgang Puschnig: Ja, das ist es auch. Natürlich, dadurch dass ich schon viel gemacht habe und ich eigentlich alles mag, war es mir auch lieber dass nicht ich die Endauswahl treffen musste.

Begonnen hat das Programm mit etwas Neuem, beziehungsweise Neuinterpretationen.

Wolfgang Puschnig: Ja, so gesehen waren es Neuinterpretationen. Die meisten Menschen die da mitspielten kenne ich schon etwas länger. Mit Jamaaladeen Tacuma zum Beispiel habe ich schon eine lange musikalische und persönliche Freundschaft. Ich war früher oft in Amerika, in Philadelphia. Wir machten einige Produktionen und viele, viele Konzerte miteinander. Ich mag es sehr, wenn ich mit Leuten arbeiten kann, mit denen ich schon ein wenig gemeinsame Erfahrung und Vergangenheit habe. Das macht das Ganze angenehmer. Jamaaladeen Tacuma durfte auf keinen Fall fehlen, weil er ein langjähriger Mitstreiter ist. Das Programm war ziemlich neu und in der Kombination noch nicht da. Von der Musik und dem Spirit her war es etwas, das mich schon länger begleitete. Ich hatte mit allen, die dabei waren, schon zuvor zu tun. Neu dabei war die Sängerin Asha Puthli, mit der ich, gemeinsam mit Jamaaladeen, erst einmal ein Projekt hatte.

Und das zweite Konzert?

Wolfgang Puschnig: Das ist ein „Stimmen-Festival“. Ich stehe sehr auf Stimmen. Eigentlich würde ich am liebsten singen, aber jetzt ist es schon zu spät [lacht]. Ich mag A-Cappella und dergleichen sehr gerne. Das Konzert ist ein totales Experiment, da habe ich noch überhaupt keine Erfahrungswerte. Es sind zwei Vocal-Ensembles, eines kommt aus Kärnten, eines aus Simbabwe. Drei Instrumentalisten sind noch dabei. Jon Sass an der Tuba, Christian Bakanič am Akkordeon und ich selbst. Da möchte ich eine Verbindung versuchen. Es wird eine Gegenüberstellung der zwei Vokal-Traditionen sein, und dann noch der Versuch ein gemeinsames Ding zu schaffen. Das wird interessant. Da weiß ich noch nicht was dabei rauskommt (lachen).

Sehr spannend finde ich auch das letzte Konzert.

Wolfgang Puschnig: Das ist spannend! Insofern, weil es das in so einer großen Besetzung bisher auch noch nicht gab. Wobei ich auf langjährige Erfahrungswerte mit den Koreanern zurückgreifen kann. Mit dem Chef der Truppe mache ich schon sehr lange immer wieder gemeinsame Sachen. Ich war auch vor einiger Zeit erst wieder in Korea mit meinem Saxophonquartett, das auch beim letzten Konzert dabei sein wird. Erst aber wollte ich schon mal gemeinsame Erfahrungen sammeln, da meine Quartett-Kollegen noch nie dort waren und die Koreaner noch nicht kannten. So müssen wir dann nicht bei null beginnen.

Jetzt noch zum Teil mit dem Titel „Sources: Homegrown“.

Wolfgang Puschnig: Ja, das ist die heimatliche Abteilung. „Homegrown“ hat nichts mit Drogen zu tun [lacht]. Wir sind alle hier geboren, aufgewachsen und sozialisiert worden. Auch in der Musik. Das Interessante ist noch, dass hier vier Dekaden von Musikern vertreten sind. Ich bin natürlich der Älteste, eh klar. Der nächste ist Paul Urbanek, dann Raphael Preuschl und der Jüngste ist Lukas König am Schlagzeug. Ihn kennt man wahrscheinlich von „König Leopold“.

Es wird auch zwei CDs geben im Jahr 2016?

Wolfgang Puschnig: Ja, aber nicht speziell von diesem Programm. Von dem Programm wird es eine CD von „Homegrown“ geben, die ist auch schon im Kasten. Sie kommt dann vor dem Konzert noch raus. Und dann wird es noch eine geben, die ich schon länger in Arbeit habe. Das wird, so wie es derzeit aussieht, eine Doppel-CD auf der ausschließlich Duos sind. Seinerzeit war meine erste Produktion auch mit Duos. Das war im Jahr 1988. Das mache ich jetzt noch einmal. Ursprünglich war es bei Universal Music und die wollten nun eine Kompilation mit alten Sachen machen und ich meinte „Ich finde es schon ok ein paar alte Sachen zu nehmen, aber ich möchte auch Neueres dabei haben.“ Jetzt habe ich praktisch eine Sammlung von Duos die sich von 1988 bis jetzt erstreckt. Diese Produktion wird dann wohl voraussichtlich nächstes Jahr im Mai veröffentlicht werden. Diese Duos sind ja so etwas wie persönlicher Luxus. So etwas wie in der Schule diese Freundschafts-Bücher. Kennen Sie die? [lacht] Meines ist halt musikalisch. Wir müssten ja eine Vierfach-CD machen, wenn ich alle, mit denen ich schon zu tun hatte, unterbringen wollen würde.

Irgendwo habe ich gelesen, dass Ihnen das intuitive Verständnis untereinander ganz wichtig ist.

Wolfgang Puschnig: Schon. Ja, das ist ein Luxus. Aber warum sollte man sich diesen Luxus nicht gönnen, wenn es möglich ist.

Ist dieses Verständnis beim Jazz besonders wichtig?

Bild Wolfgang Puschnig
Wolfgang Puschnig (c) www.puschnig.com

Wolfgang Puschnig: Ich glaube, das ist überall gleich wichtig. Nicht nur in der Musik, nehme ich einmal an. Das ist etwas, das jeder eigentlich kennt. Und das ist etwas, das manche Sachen erleichtert, wenn man mit jemandem zusammenarbeitet.

“Es treffen sich auch oft intuitiv die Leute, die zusammenpassen.”

Da gibt es sicher Musiker, mit denen Sie besonders gerne zusammenarbeiten weil Sie wissen, dass das sofort funktioniert.

Wolfgang Puschnig: Ja, da gibt es so viele. Da habe ich einen reichen Fundus. Sagen wir mal so [lacht]. Es treffen sich auch oft intuitiv die Leute, die zusammenpassen. Sonst trifft man sich vielleicht ein oder zwei Mal. Manche Leute bleiben einfach und manche kommen und gehen.

Im Jazz ist es ja öfter der Fall, dass man mit unterschiedlichsten Leuten zusammenkommt und spielt.

Wolfgang Puschnig: Genau. Das ist super, weil es so viel Austausch gibt. Die Kommunikation, die Inspirationen die man so bekommt. Es sorgt immer für eine gewisse Frische. Das ist auch wichtig.

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, welche Begegnungen, Erfahrungen, Punkte waren für Sie für die weitere Zukunft besonders wichtig?

Wolfgang Puschnig: Schwer zu sagen, denn ich habe das alles nie als Karriere gesehen. Fast immer, wo ich Menschen und Musiker traf, mit denen ich gearbeitet habe, hatten diese Menschen Einfluss auf das was ich machte. Als ich jünger war wahrscheinlich mehr. Da müsste ich Harry Pepl nennen, Hans Koller, Carla Bley, Jamaaladeen und noch viele andere. Nicht nur aus dem Jazz, auch aus anderen Genres, die da miteingeflossen sind. Vieles ist gar nicht so offensichtlich.

Muss man im Jazz für andere Genres offener sein als anderswo?

Wolfgang Puschnig: Müssen tut man gar nichts. Es gibt da auch Vertreter, die überhaupt nicht offen sind, die genauso streng und klassizistisch mit der Musik verfahren. So wie es zum Beispiel in der Klassik ist, wo sehr strenge Regeln angewendet werden. Aber müssen tut man gar nichts. Ich denke das ist von jedem eine persönliche Entscheidung und die persönliche Weltsicht.

Ich frage deshalb, weil ich oft das Gefühl habe, dass besonders Jazzmusiker sozusagen „alles machen“.

Wolfgang Puschnig: Ja, ja. Doch. Auch im Jazz gibt es alles. Wie in jeder Musik. Es gibt die ganz strengen Vertreter, dann die offeneren. Und so ist auch im Jazz alles vorhanden.

“Der Spirit dieser Musik und die Offenheit für alle Einflüsse hat diese Musik schließlich irrsinnig erweitert.”

Auf Wikipedia steht, dass zu Beginn die afroamerikanischen Jazz-Musiker den Begriff „Jazz“ ablehnten, weil der Begriff als rassistisch angesehen wurde. Was denken Sie darüber?

Wolfgang Puschnig: Nun, das ist eine sehr komplexe Sache. Da das Musik ist, die nicht aus unserer europäischen Tradition kommt. Ich persönlich würde mich jetzt nicht als lupenreinen Jazzmusiker bezeichnen. Es ist komplex, weil die ganze Geschichte dieser Musik schon mit Europa verbunden ist, interessanterweise. Aber der größte Anteil ist schwarze Kultur. Und da ist dann schon einmal Glatteis, wenn es um bestimmte Sachen geht. Ich würde nicht sagen, dass sie den Begriff abgelehnt haben, aber zu einem großen Teil war es schon so, dass die die Musik machten, welche aber von Weißen verkauft wurde. Der Spirit dieser Musik und die Offenheit für alle Einflüsse hat diese Musik schließlich irrsinnig erweitert. Jetzt ist es manchmal schon wie, wie soll ich sagen, es gibt schon ein Parfüm, das Jazz heißt und ein Auto. Es wird inzwischen so eine gewisse Romantik damit verbunden, die in der Realität überhaupt nicht vorhanden ist. Heute hat alles ein wenig diesen Bohemian-Touch und bei uns in Europa ist das Ganze ein wenig in die Kunst hineingegangen. Das hat mit unserem europäischen Denken und unserer Art zu tun. Die Musik hat auch schon ihre Stempel bekommen, ist eingeordnet, archiviert, analysiert – das ist der Jazz und das ist der Jazz. Es ist schwierig darüber zu sprechen.

Sie haben, wie sehr viele, mit der Blockflöte begonnen, dann kam die Geige.

Wolfgang Puschnig: [lacht] Ja, der typische österreichische Bildungsweg! Die Blockflöte. Bei der Violine habe ich schnell gemerkt, dass das nicht meines ist. Da bin ich über die untere Mittelstufe nicht hinausgekommen. Ich wüsste zumindest noch ein paar Positionen und welche Noten ungefähr wo sind.

Was war das bisher verrückteste oder ungewöhnlichste Instrument, das Sie gespielt haben?

Wolfgang Puschnig: Wahrscheinlich gibt es gar keine ungewöhnlichen Instrumente, es kommt immer auf den Rahmen an, in dem das gerade auftaucht. Wenn man bedenkt welche Perkussions-Instrumente es so gibt. Von Schrauben bis zu hohlen Nussschalen gibt es alles. In diesem Sinne kann ich gar nicht sagen, was das verrückteste war. Ich weiß nicht. Da war das, das ist ja schon ewig her! Welche Flashbacks du mir da gerade bescherst! Eine arabische Kniegeige, mit nur zwei Saiten. Die hat mir seinerzeit mal jemand mitgebracht und auf der habe ich ein wenig herumgefiedelt [lacht]. Etwas Extremeres fällt mir im Moment nicht ein.

Vielen Dank für das Gespräch.

Petra Ortner

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