„ICH HAB HUNGER AUFS LEBEN“ – MAVI PHOENIX IM MICA-INTERVIEW

„Your boy made it out his flat“, schreibt MAVI PHOENIX in einem seiner letzten Insta-Postings. Da stand er noch am Meer, über ihm blauer Himmel, beim Dreh für sein neues Video auf Ibiza. Einen Realitätscheck später frieren wir in einer grauen Stadt. Wien hat ihn wieder. Wenn auch nicht für kurze Zeit. Am 25. Februar 2022 erscheint sein zweites Album: „Marlon“ wird es heißen, mit seinem Gesicht auf dem Cover. Es ist ein Bekenntnis zu seinem Namen, zu sich selbst. Aber vor allem zu seiner Transidentität. „Es soll auch der Letzte checken, dass ich das jetzt bin“, sagt der Künstler und meint: „Für mich war der Name ein Ausweg aus meinem damaligen Leben. Wie er einer Vergangenheit nachtrauert, die er nie erlebt hat, warum er stolz auf seinen Bart ist und wieso ihm seine Gute-Nacht-Lektüre peinlich ist, hat MARLON im Gespräch mit Christoph Benkeser am Donaukanal besprochen.

Demnächst erscheint deine zweite Platte „Marlon“. Deine Transition zum Transmann wird im Fokus stehen. Hast du dir einen Pool an Standard-Antworten zurechtgelegt?

Mavi Phoenix: Nicht zurechtgelegt, aber ich ertapp mich dabei, dass ich oft ähnlich antworte. Ich versuche aktiv dagegen zu steuern, weil nichts fader ist, als dauernd dieselben Dinge über mich zu lesen.

Trotzdem werden dich viele fragen, wie du dich jetzt fühlst.

Mavi Phoenix: Ja, dabei hab ich das schon mit „Boys Toys“ gesagt. Es kommt bei vielen nur nicht an. Für mich ist meine Transition voll natürlich. Ich probiere das nicht einfach aus. Es ist eine logische Entwicklung, die ich unbedingt machen will. Tatsächlich hab ich heut schon ein Interview gehabt, bei dem mein Gegenüber das überhaupt nicht gepackt hat …

Wie?

Mavi Phoenix: Der hat das nicht gecheckt. Er hat mich gefragt, ob ich jetzt ein heterosexueller Mann sei.

Das ist frech.

Mavi Phoenix: Übergriffig eigentlich.

Das trifft es besser, ja! Wie wenig kann man sich mit der Sache auseinandergesetzt haben …

Mavi Phoenix: Viele Leute haben überhaupt keine Berührungspunkte mit dem Thema Transsexualität. Die denken sich, ich sei gerade noch die Mavi Phoenix gewesen, die sie aus dem „Aventura“-Video kennen – wie geht es, dass ich auf einmal … Na ja, du weißt, was ich mein, oder?

I guess.

Mavi Phoenix: Dass ich jetzt ein Transmann und von der zierlichen Rapperin zu Marlon geworden bin, daran hätte zum damaligen Zeitpunkt niemand gedacht – ich übrigens auch nicht.

„GENAU, FUCK YOU!“

Nervt es dich, dass manche Menschen so wenig Verständnis dafür aufbringen?

Mavi Phoenix: Extrem – aber ich versuch zu verhindern, dass es mich nervt, weil ich mir von niemand den Tag versauen lassen will. Deshalb bin ich im Umgang mit anderen Leuten vorsichtiger geworden als früher. Das ist ein Problem, das bei mir liegt. Schließlich denke ja ich, dass andere Menschen anders über mich denken. Dadurch trete ich im Gespräch weniger selbstbewusst auf …

Es ist schrecklich, wenn da jemand sitzt, der dich nicht versteht und sich keine Mühe gibt, es zu tun. Da denkt man sich doch …

Mavi Phoenix: Genau, Fuck You! Das muss man sich wirklich denken, weil es gut für sein eigenes Wohlergehen ist. Außerdem muss man sich bewusst entscheiden, ob man die Energie aufbringen kann, sich mit so einer Person zu beschäftigen oder nicht.

Es sind ja nicht nur die zeitlichen Ressourcen, sondern auch die emotionalen. Es ist Arbeit, gegen Unverständnis zu argumentieren. Wie gehst du damit um?

Mavi Phoenix: In meinem Freundeskreis ist es old news. Öffentlich trete ich aber das erste Mal so auf. Das funktioniert oft gut. Schlechte Erfahrungen passieren eher selten und wenn, denk ich mir dann, vielleicht war es gar nicht bös gemeint, vielleicht hat die Person nur zu wenig Fingerspitzengefühl …

Na ja, das spricht nicht unbedingt für die Person.

Mavi Phoenix: Teilweise kommen wirklich Fragen, die gar nicht gehen. Man fragt einen cis-Typen oder eine cis-Frau auch nicht andauernd intime Fragen über seinen oder ihren Körper. Dass die Existenz als Transperson zu einem Debattierklub wird, finde ich schade. Ich setz damit ja kein Statement! Es wird von anderen zum Statement gemacht.

Mavi Phoenix (c) Tereza Mundilova

Das trifft es gut. Alle diskutieren mit, die wenigsten checken es. Dass es Leute wie dich gibt, die ihre Position in der Öffentlichkeit nutzen, um das Thema zu einem Thema zu machen, ist trotzdem cool.

Mavi Phoenix: Ich nehm mir aber auch raus, nicht darüber zu sprechen. Es muss sich nicht mein ganzer Output um das Thema Transsexualität drehen. Außerdem können sich alle selber vorstellen, wie arg es zu meiner Identität als Künstler beiträgt. Am Ende ist es doch das, zu was man mich macht.

Darf ich dich fragen, welche Gedanken du vor deiner Transition hattest?

Mavi Phoenix: Was es heißt, diesen Schritt zu machen, hab ich mich natürlich gefragt. Ich bin aber fearless in die Sache reingegangen. Schließlich wusste ich, dass es für mich nicht anders gehen wird. So konnte ich auch mit der Frage umgehen, ob und wie meine Karriere weitergehen würde. Das hat mir zuerst Angst gemacht. Denn die Mavi Phoenix von vor ein paar Jahren gibt es nicht mehr. Die Transition war das Ende ihrer Karriere. Und dieses Ende war wichtig, damit ich als Künstler weitermachen kann.

Es klingt in diesem Kontext ein bisserl blöd, aber du beschreibst den Inbegriff der Weiterentwicklung als Künstler:in.

Mavi Phoenix: Voll! Die Leute vergessen, dass sich jeder und jede andauernd verändert! Du wirst auch nicht dieselbe Person sein, die du vor fünf Jahren warst, oder?

Nein, natürlich nicht. Jedes Gespräch verändert. So wie jetzt.

Mavi Phoenix: Genau. Der Unterschied bei Transpersonen ist, dass man die Veränderung arg sieht. Die Leute vergessen dabei nur, dass sie sich genauso verändert haben. Nur eben anders.

Dieser Unwillen sich zu verändern ist schon etwas Urösterreichisches, nicht?

Mavi Phoenix: Na ja, ich spür das überall – die Leute wählen das, was sie kennen, weil sie sich damit wohler fühlen. Trotzdem steht die Zeit nicht still. Entweder man geht mit ihr, oder man verpasst alles!

In deinem Fall heißt das auch: Anschuldigungen zu ertragen.

Mavi Phoenix: Irgendwann sieht man die Situation wie aus einer Vogelperspektive. Dadurch erkenne ich, dass es zu 99 Prozent an der Person liegt, die mit mir ein Problem hat. Ich weiß, dass ich nichts Schlimmes getan habe. Es ist nicht mein Fehler, wenn jemand nicht damit umgehen kann.

Zu der Erkenntnis zu kommen braucht aber Zeit, nehme ich an.

Mavi Phoenix: Ja, aber selbst wenn du die Erkenntnis hast, ändert sie nichts an der Tatsache, dass es verletzend ist, wenn dich jemand scheiße behandelt. Mich ärgert es, wenn die Leute nicht damit klarkommen. Es ist einfach Dummheit.

Du hast ein Video zu deiner einjährigen Transition gemacht. Am Anfang sieht man eine offensichtlich gepisste Mavi, am Ende lächelt ein happy Typ in die Kamera.

Mavi Phoenix: Ja, voll! Als ich damit begonnen habe, war ich echt schlecht drauf. Ich hab gedacht, es würde ewig dauern. Dabei geht es ziemlich schnell, bis man erste Veränderungen wahrnimmt! Mittlerweile kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich früher anders war. Wenn ich Fotos von damals sehe, check ich natürlich, dass ich das bin. Aber es ist so crazy!

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Was denkst du, wenn du diese Bilder siehst?

Mavi Phoenix: Ich kann nachvollziehen, wie es für andere Leute wirken muss. Das frustriert mich einerseits, weil ich check, dass man meine Transition nicht nachvollziehen kann. Andererseits schau ich mir die Fotos eh nicht oft an.

Manche Transpersonen sprechen in dem Kontext von einer Erstgeburt und einer Zweitgeburt.

Mavi Phoenix: Das stimmt auf jeden Fall. Der Moment nach der Top Surgery war bei mir wie eine Zweitgeburt. Die OP ist hart – schließlich greift man in einen unversehrten Körper ein und das ist erst einmal schwierig zu verstehen. Da hab ich mir gedacht, es ist echt scheiße, dass man trans ist. Und der Gedanke ist vollkommen ok, weil der Prozess nicht so einfach ist. Trotzdem hab ich ein paar Tage danach gemerkt, wie viel besser es mir geht. Nicht nur äußerlich, auch innerlich.

Und stimmlich. Im Video, das du hochgeladen hast, hört man das auch. Es wird immer tiefer, bis ein boy im Stimmbruch in die Kamera spricht.

Mavi Phoenix: Ha ha, das wird sich auch nicht mehr ändern … vielleicht ein bisschen. Aber klar, es ist eine Veränderung. Meine alten Songs kann ich nicht mehr so singen wie früher. Das war der Moment, in dem ich realisiert habe, dass es die alte Mavi Phoenix nicht mehr gibt. Die Person ist noch da, aber die Stimme ist weg. Da hab ich mir schon kurz gedacht, fuck … es ist ein weinendes Auge dabei.

Aber nur eines.

Mavi Phoenix: Genau! Als ich das erste Mal wieder im Studio gestanden bin und mit meiner tiefen Stimme rumprobieren konnte, war das ein cooler Moment. Zu dieser Zeit entstand der Song „Tokyo Drift“ und ich hab geschrieben „the future? so bright!“ – einfach weil ich es mir einreden wollte.

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Wann hast du das letzte Mal geweint?

Mavi Phoenix: Letzte Woche. Als ich begonnen habe, Testosteron zu nehmen, konnte ich überhaupt nicht weinen. Mittlerweile kommt es wieder. Ich wein nicht viel, aber ich verdrück ein paar Tränchen. Das ist … auch gut! Viele Leute checken nicht, dass es nicht damit getan ist, die Hormone zu nehmen und die OP zu machen. Es geht danach nicht automatisch bergauf. Ich spüre manchmal auch eine Trauer. Dass ich mich diesem Prozess aussetzen musste. Und dass ich manche Situationen nie erlebt habe.

Wie meinst du das?

Mavi Phoenix: Ich habe manche Entwicklungen als Mann nie erlebt. Das kann ich nicht rückgängig machen.

Es ist eine Trauer um eine Vergangenheit, die du nie hattest.

Mavi Phoenix: Genau! Einerseits hab ich mein Leben in die Hand genommen und das gemacht, was ich machen wollte. Andererseits gibt es das Gefühl, dass man manche Dinge verpasst hat. So ist das Leben, es ist nicht immer geil.

Ich versteh den Gedanken. Man fragt sich wohl, wieso muss man das alles durchmachen.

Mavi Phoenix: Wieso bin ich nicht einfach ein Bub gewesen, ja!

„Ich will ja nicht trans sein, ich bin es“, hast du mal gesagt.

Mavi Phoenix: Ja, es ist keine Entscheidung, die man sich antun will. Allein die Entscheidung der Transition liegt bei dir.

„ICH LESE GERNE LUSTIGE TASCHENBÜCHER VON DONALD DUCK.“

Ich habe gerade das Buch „Identitti“ von Mithu Sanyal gelesen. Da geht es zwar nicht um Transsexualität, sondern um die Frage von Post-Race. Aber die überliegende Verhandlung von Identität ist vielleicht vergleichbar.

Mavi Phoenix: Ok, das muss ich mir mal anschauen.

Wie ist es bei dir mit dem Lesen?

Mavi Phoenix: Ich lese gern vor dem Einschlafen, das hilft bei mir voll gut.

Was liest du?

Mavi Phoenix: Das ist mir ein bisschen peinlich.

Egal was es ist, es muss dir nicht peinlich sein.

Mavi Phoenix: Ok, ich lese Lustige Taschenbücher von Donald Duck.

Kindheitserinnerungen!

Mavi Phoenix: Ja voll, ich hab die Bücher als Kind gelesen. Jetzt hab ich sogar ein Abo und bekomm jeden Monat ein neues Lustiges Taschenbuch.

Richtig gut.

Mavi Phoenix (c) Tereza Mundilova

Mavi Phoenix: Ich les aber auch andere Sachen – im Moment ein Heftl über David Bowie aus den 1970ern, das mir mein Papa zum Geburtstag geschenkt hat.

David Bowie als Chamäleon-Kunstfigur ist sicher spannend, oder?

Mavi Phoenix: Genau, der Umgang mit seiner eigenen Identität ist interessant. Er hat sich ständig verändert, war zu keiner Zeit derselbe. Damit kann ich mich identifizieren. Aber nicht nur, weil ich trans bin, sondern auch, weil sich Mavi Phoenix immer verändert hat. Wenn ich mir meine Entwicklung ab 2016 anschau … Ich war jedes Jahr anders.

Du hast dich ständig verändert, meinst du?

Mavi Phoenix: Ja, ich glaub, ich brauch ständige Veränderung. Gerade jetzt hab ich auch das Verlangen, etwas zu verändern – nicht unbedingt an mir, sondern …

Die Wohnung neu ausmalen?

Mavi Phoenix: Genau solche Dinge! Ich hab einen Hunger aufs Leben, will alles ausprobieren … gleichzeitig weiß ich natürlich, dass das ein Mega-Privileg ist!

Man muss nicht dauernd Highlife machen, kann das aber schon relativ sehen und das Leben auch appreciaten, oder?

Mavi Phoenix: Ja, man muss sich nicht für sich selbst schämen!

Hauptsache man reflektiert das eigene Handeln.

Mavi Phoenix: Das ist mehr, als viele andere machen, voll! Von Reflexion profitiert die Gesellschaft.

Davor fackeln wir das Patriarchat ab.

Mavi Phoenix: Vielleicht können wir alle neu anfangen im Metaverse.

Wärst du ein Metaverse-Typ?

Mavi Phoenix: Das würd mich voll reizen! Ich zock ja gern Playstation. Gerade spiel ich Assassin’s Creed Odyssey – da ist man ein Söldner im antiken Griechenland … Wenn ich das ein Wochenende lang durchzock, brauch ich ein bisserl, bis ich wieder ins echte Leben zurückkomm. Einfach weil ich denk, dass ich der Dude aus dem Spiel bin.

Du identifizierst dich mit dem Spiel?

Mavi Phoenix: Voll! Ich steigere mich richtig rein. Deshalb könnt das Metaverse für mich crazy werden.

Ist das so compulsive-obsession-artig?

Mavi Phoenix: Ha, ja! Das ist mir ein Begriff.

Wie zeigt sich dieser Drang sonst in deinem Leben?

Mavi Phoenix: Meistens fängt es mit einem Spiel an. Das zock ich dann ein, zwei Monate, bis es fad wird – dann kommt das Nächste, in das ich mich reinsteigere.

Es ist gut zu wissen, dass immer Nachschub kommt?

Mavi Phoenix: Ja, deswegen hab ich nie Drogen probiert.

Du warst immer straight-edge?

Mavi Phoenix: Immer clean, ja! Ich trink nicht mal Alkohol.

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„I’m drinking beer since I met you“, singst du auf dem Song „Leaving“.

Mavi Phoenix: Das war tatsächlich so, aber nur damals im Sommer.

Weil es dir nicht schmeckt?

Mavi Phoenix: Mir schmeckt Bier sogar ziemlich gut. Ich mag auch das Gefühl, wenn man ein bisschen betrunken ist. Allerdings vertrag ich kaum was. Und: Es gibt für mich nichts Schlimmeres, als sich am nächsten Tag krank zu fühlen.

Das sei so ein Boys-Ding, hast du mal gemeint. Nach einem Konzert zusammenstehen und Bier trinken.

Mavi Phoenix: Voll, aber ich sag dir: Teilweise fühl ich mich unter Typen überhaupt nicht wohl. Das hat sicher damit zutun, dass ich früher mehr mit Mädels unterwegs war … Ich will nicht sagen, dass es einen riesigen Geschlechterunterschied gibt, aber …

Man kann das schon sagen. Die Gesellschaft ist in Geschlechterrollen eingeteilt, denen man zu entsprechen hat.

Mavi Phoenix: Ja, das mein ich. In Männerrunden sind die Leute mehr für sich. Man chillt, ist lustig, aber lässt die anderen nicht so stark teilhaben an dem, was bei einem grad abgeht.

Da kommt wiederum das Bier ins Spiel. Männer können damit leichter über ihre Gefühle sprechen – toxic masculinity!

Mavi Phoenix: Es ist so! Allerdings gibt es viele Männer, die damit schon besser umgehen können.

Apropos besser damit umgehen: Dein Album heißt „Marlon“ – das ist nicht nur ein Bekenntnis zu deinem Namen, sondern auch zu deiner Identität, oder?

Mavi Phoenix: Das war der Grund, wieso ich die Platte so genannt habe, ja. Es soll auch der Letzte checken! Außerdem verbinde ich mit dem Namen viele positive Dinge. Für mich war er ein Ausweg aus meinem damaligen Leben. Ich konnte Marlon werden. Gleichzeitig ist es ein goofy Name …

Goofy?

Mavi Phoenix: Aus einer Gaudi heraus hat mich eine Freundin so genannt. War ja irgendwie naheliegend … Marlene, Marlon … Jedenfalls blieb der Name hängen. Meine Mama hat gemeint, Marlon? Marlon Brando? Das ist kein guter Name! Ich hab aber gespürt: Das ist mein Name, das passt voll!

Steht der mittlerweile auch in deinem Pass?

Mavi Phoenix: Die Änderung des Personenstands ging ziemlich schnell, das mit dem Namen hat gedauert … Ich war also männlich eingetragen, aber mit meinem alten Namen. Schlussendlich hat es doch geklappt – ein wahnsinniges Gefühl!

Weil man es dann auch offiziell sieht, meinst du?

Mavi Phoenix: Man fühlt sich endlich anerkannt, genau.

„DIE TEXTE SIND MEIN TAGEBUCH.“

Auf dem Album sind einige Stücke, auf denen du Gitarre spielst. Das hat ein bisserl einen B72-Vibe. Ist der Nullerjahre-Indie wieder da?

Mavi Phoenix: Manche Songs gehen voll in die Indie-Richtung, stimmt schon. Auf „Marlon“ wird es aber auch Hip-Hop geben. Und den Pop hab ich nicht verlernt.

„Leaving“ ist die Gitarrenhymne der Platte.

Mavi Phoenix: Ich mag den Song auch. An der Gitarre konnte ich mich kreativ neu ausleben. Außerdem wollte ich damit zeigen, dass ich ein ernstzunehmender Musiker bin. In der Vergangenheit hatte ich oft das Gefühl, dass dieser Aspekt untergegangen ist. Die Leute sollen aber wissen, dass ich die Songs selber schreibe und mit Alex [The Flipper, Anm.] produziere.

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Bei „Only God“, dem ersten Stück auf dem Album, wird es sofort persönlich.

Mavi Phoenix: Die Texte sind mein Tagebuch. Was ich schreibe, ist das, was ich erlebe und durchmach. Indem ich diese Erlebnisse aufschreibe, werde ich mit ihnen fertig. Deswegen denke ich beim Schreiben nie daran, was ich rüberbringen möchte – es passiert durch die Verarbeitung automatisch.

In den letzten Jahren bist du in deinen Songs immer persönlicher geworden. Bei „Marlon“ hat man das Gefühl, dass du eine neue, tiefere Ebene in dir frei legen konntest.

Mavi Phoenix: Ich habe das Outing gebraucht, weil mir das Mavi-Phoenix-Ding in den letzten Jahren entglitten ist.

Wie meinst du das?

Mavi Phoenix: Ich konnte nicht mehr kontrollieren, was die Leute über mich denken.

Du warst immer die coole Mavi Phoenix.

Mavi Phoenix: Dass die Leute ein Bild haben, ist eh klar. Ich hab es aber unterschätzt. Und gleichzeitig gehasst. Mein Außenbild hatte nichts mehr mit meinem Innenleben zu tun. Deshalb musste ich mich öffentlich outen, um weiterhin Musik machen zu können.

Als Frau wolltest du alles tun, um dich nicht als normale Frau zu fühlen. Und als Typ willst du alles tun, um dich als normalen Typen zu fühlen. Zumindest hast du das mal so ähnlich gesagt.

Mavi Phoenix: Trotzdem liegt mir was daran zu zeigen, dass ich ein leiwander Künstler bin.

Und nicht nur der average guy?

Mavi Phoenix: Wenn alle glauben, dass ich als Marlon nur der normale Kumpeltyp bin, taugt mir das nicht. Ich bin schon voll der Künstler!

Ist dir das „average-guy“-Ding ein bisserl auf den Kopf gefallen? Du bist dadurch angreifbar geworden, aber es hat auch …

Mavi Phoenix: Die Magie verloren, ja. Dabei hieß die erste EP noch „Young Prophet“, dann kam „Boys Toys“ …

Du bist vom Propheten zu Marlon geworden. Eine Entzauberung?

Mavi Phoenix: Oh Gott, stimmt!

Manche machen den umgekehrten Weg. Das ist nicht grad sympathischer.

Mavi Phoenix: Früher war ich viel überheblicher, so nach dem Motto: Keiner macht das so gut wie ich. Mittlerweile bin ich „Marlon“.

Was möchtest du mit der Platte erreichen? Ist es für dich ein Übergang, oder gibt’s einen klaren Weg?

Mavi Phoenix: Es ist das Fundament für das, was kommen wird. Es geht um Liebe, um Beziehungen …

Wir reden jetzt schon lang. Darf ich dich fragen: Bist du aktuell in einer Beziehung?

Mavi grinst. Wir stehen an einer Ampel. Er lasst sich mit der Antwort Zeit.

Mavi Phoenix: Ja, schon! Ich hatte eine kurze Dating-Phase, wo ich schon so war, wie ich jetzt bin. Für mich war das als Mann … neu! Eine humbling experience! Auf Tinder wird man gleich mal geghostet, das ist schon anders …

Als?

Mavie Phoenix: Davor! Ich bin einige Male verletzt worden – das merkt man manchen Songs an. Trotzdem war das Dating als Mann eine coole Erfahrung. Wenn man so mit jemandem schreibt … das hat sich angefühlt wie beim ersten Mal.

Du holst damit deine männliche Pubertät nach. Kann man das sagen?

Mavi Phoenix: Voll! Und die ist noch nicht zu Ende.

Bist du stolz auf deinen Bart?

Mavi Phoenix: Es könnt mehr sein, aber es ist …

Ein Anfang!

Mavi Phoenix: Und es wird auch noch. Es dauert halt.

Schön, dass wir heute so offen reden konnten. Danke für deine Zeit und für das Gespräch!

Christoph Benkeser

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Links:
Porträt über Mavi Phoenix (The Gap)
Mavi Phoenix (Homepage)
Mavi Phoenix (Instagram)
Mavi Phoenix (Facebook)
Mavi Phoenix (Wikipedia)