Dass Hans Platzgumer immer schon den Ruf eines „Hans-Dampf-in-allen-Gassen“ hatte, liegt nicht nur an seinem schier unüberschaubaren Werkkatalog, sondern vor allem an seiner Fähigkeit, scheinbar mühelos zwischen den unterschiedlichsten Genres und Sparten zu wechseln. So ist Platzgumer bekanntlich seit knapp über 20 Jahren auch als Schriftsteller sehr aktiv und erfolgreich. Nun legt er mit dem beim Wiener Verlag bahoe books erschienenen Büchlein „What Goes Up Must Come Down. Kleine Geschichte der Popmusik” eine ebenso persönlich gefärbte wie gekonnt reflektierte Beschreibung aktueller Pop-Zustände sowie der damit verbundenen Befindlichkeiten zwischen Hoffen und Bangen vor. Der flott geschriebene und dabei teilweise bis ins kleinste Detail fulminant ausformulierte schmale Band gehört zu den derzeit wohl gelungensten und zugleich ernsthaftesten Auseinandersetzungen mit Popmusik in Zeiten wie diesen. Für mica hat Didi Neidhart ein Interview mit Hans Platzgumer geführt.
Der Buchtitel „What goes up must come down“ entstammt dem 1969 veröffentlichten Song „Spinning Wheel“ der us-amerikanischen Band Blood, Sweat & Tears. Wie bist du darauf gestolpert und was hat es damit auf sich?
Hans Platzgumer: Der Song erklomm zwar in jenem Jahr, in dem ich geboren wurde, die Spitzen der Charts und ist ein großartiges Stück, das praktisch jede und jeder kennt, aber für mich spielte er eigentlich erst ab 2024 eine Rolle. Da begann ich, dieses Büchlein zu schreiben.
Ich war über die Jahre immer wieder von unterschiedlichsten Leuten gefragt worden, ob ich in meiner Rolle als Essayist nicht wieder einmal etwas über Musik schreiben wolle. Ich hatte verschiedene Ideen und vage Ansätze, aber mir fehlte das literarische Grundthema, an dem sich ein Text aufbauen ließ. Nach und nach kristallisierte sich heraus, dass ich über die Schnelllebigkeit und das ekstatische Auf- und Ableben im Pop – und auch des Pop selbst – schreiben wollte.
Und plötzlich – wahrscheinlich war es auf der Toilette, wo ich üblicherweise derartige Ideen habe – kam mir dieser Song, diese Hookline in den Kopf. Damit war klar, wohin die Reise geht.
Im Buch definierst du Popmusik immer wieder als „Ausflucht und Zuflucht“, als „Hort des launischen Diskurses“ für all die „Pop-Sonderlinge“ – von den „Renitenten und Nörglern“ bis hin zu den „Schulabbrechern und Normausbrechern“ –, denen es auch immer um „Autoritätsverweigerung“ ging. Aber gibt es dieses utopische Bild von Popmusik überhaupt noch?
Hans Platzgumer: Leider nicht mehr so stark wie in früheren Phasen des Pop. Darum geht es ja unter anderem auch im Buch – dass Pop im 21. Jahrhundert so gezähmt, vereinnahmt, analysiert, akademisiert und entwertet wurde, dass ihm Kraft und Spontanität verloren gingen. Das ist ein Verlust für uns alle, wenn diese Parallelwelt Pop als Form der Agitation aufhört zu existieren.
Doch teilweise gibt es sie immer noch. Es gibt nach wie vor Jugendliche, Szenen, Gruppen, die Musik als Ausdruck einer Lebensforderung verstehen und sich nicht um Konventionen scheren. Pop bietet sich solchen Nonkonformisten nach wie vor an.
„Es ist ein Verlust für uns alle, wenn diese Parallelwelt Pop als Agitation aufhört zu existieren.“
Als ein Kennzeichen für eine funktionierende und sich dabei immer wieder neu erfindende bzw. stilistisch erweiternde Popmusik arbeitest du an mehreren Stellen die vielfältigen Zusammenhänge, Durchdringungen und gegenseitigen Hasslieben zwischen unterschiedlichen (subkulturellen) Nischen sowie insbesondere zwischen dem sogenannten Mainstream und dem vermeintlichen Underground heraus. Doch bereits vor einigen Jahren bemerkte Diedrich Diederichsen, dass diese Dynamiken eher ins Stocken geraten sind. Für ihn manifestierte sich das damals in der Tatsache, dass die einzelnen Nischen ausgerechnet im 21. Jahrhundert – in dem alle Archive offen zugänglich sind – nicht mehr miteinander kommunizieren. Daher stellt sich die Frage, ob dieses Mainstream-Underground-Gefüge überhaupt noch so funktioniert oder ob es mittlerweile eher um den schnellen Austausch digitaler Produktionstools und Marketingstrategien geht.
Hans Platzgumer: Ja, die Kommunikation – daran hapert es wohl. Schon die Situationisten ahnten in den 1960ern, dass dies zu unserem Hauptproblem werden würde. Die in bestimmten Epochen verfügbaren Massenkommunikationsmittel definieren stets das Zusammenkommen, den Austausch und letztendlich die Energie der Menschen und ihrer Ideen in jener Phase. Leider regeln wir die Art und Weise, wie wir kommunizieren, mittlerweile größtenteils über „soziale Medien“. Wir passen uns deren Geschwindigkeit, Verfügbarkeit und Oberflächlichkeit an.
So hecheln wir nicht nur ständig irgendwelchen Heucheleien hinterher, die uns Zeit und Kraft rauben, sondern sind auch ununterbrochen Manipulationen und Gehirnwäsche ausgesetzt und zerfasern uns in kleinen Klüngeln. In dieser Scheinwelt, die zu unserem Hauptaufenthaltsort geworden ist, entstehen unzählige neue Abgrenzungen – nicht nur jene zwischen Over- und Underground. Der Underground wird in diesem System jedoch so weit an den äußersten Rand der Sichtbarkeit gedrängt, dass er praktisch keine Chance mehr hat, außerhalb der eigenen Gruppe wahrgenommen zu werden. Und wenn er es per Zufall doch wird, landet er sofort und ohne Umweg im Mainstream, wo er erstickt, bevor er Durchschlagskraft entfalten könnte.
Popmusik war ja immer mehr als nur Musik. Du machst das im Buch auch daran fest, wie sehr Popmusik immer auch „Einmischung in den Alltagsdiskurs“ bedeutet hat. Konkret schreibst du: „Von den Nachkriegsjahren bis ins frühe 21. Jahrhundert war Popkultur maßgeblich an allen westlichen gesellschaftspolitischen Umbrüchen beteiligt.“ Komischerweise finden solche Einmischungen im 21. Jahrhundert – trotz Banken- und Finanzkrise, Migration/Rassismus, Coronapandemie, Trump, Neofaschismen, Klima etc. – kaum noch statt. Schon nach 9/11 war es verdächtig still. Glaubst du, Popmusik hat dazu nichts mehr zu sagen, macht sich selbst mundtot – oder hat sie vielleicht eher erkannt, dass die ständige Bezugnahme auf eine glorreiche Polit-Song-Vergangenheit letztlich eine Selbstüberschätzung war?
„Selbstüberschätzung ist wichtig im Pop!“
Hans Platzgumer: Selbstüberschätzung ist wichtig im Pop! Quasi alle neuen Stile sind erst durch heillose Megalomanie bedeutend geworden – Hip-Hop, Punk etc. Pop darf borniert und unfair sein, darf präpotent sein, das ist sein Privileg.
Doch seit den 2000er-Jahren ist er vernünftig geworden. Vernunft und Kalkül sind ihm indoktriniert worden, sodass er inzwischen, bevor er um sich schlägt, erst die Gründe für sein Tun abwägen will. Er wird immer feiger, will korrekt und perfekt sein – und landet dadurch im Nichts. Er verliert seine Stimme.
Wann immer Pop etwas Aufsehenserregendes hervorgebracht hat, war er zuerst eine blinde Tat und hat sich erst im Nachhinein legitimiert. Ich glaube, Pop muss seine Radikalität wieder zurückgewinnen.
Als symptomatisch für den aktuellen Zustand der Popmusik pickst du dir das Trio Taylor Swift, Ed Sheeran und David Guetta heraus. Wieso? Was verbindet diese drei, und wofür stehen sie?
Hans Platzgumer: Swift ist heute einfach die Größte – gefälliger Mainstream-Pop fürs Guinness-Buch der Rekorde. Sie muss erwähnt werden. Ed Sheeran ist der Netteste unter all den Netten. Und Guetta steht für das Ausgehöhlte in der endlosen Flut des Hohlen. Irgendwie mag ich alle drei, aber wenn es sie nicht gäbe, wäre wenig verloren – es würden sich zahlreiche andere Beispiele finden lassen.
In deiner Kritik an den aktuellen Zuständen der Popmusik beziehst du dich an mehreren Stellen auf Guy Debord und dessen situationistisches Manifest „Die Gesellschaft des Spektakels“ (1967). Darin übt er eine radikale Kritik an den Verwertungs- und Entwertungsprozessen von Kunst und Kultur innerhalb kapitalistischer Gesellschaften. Debord kritisiert unter anderem die „Herrschaft der Wirtschaft über das gesellschaftliche Leben“ sowie eine schon damals bemerkbare Eventisierung aller Lebensbereiche. Wenn ich jedoch heute auf das Pop-Jahr 1967 (oder überhaupt auf das Jahr vor ’68) zurückblicke, erscheinen mir Debords Ausführungen eher überspitzt als tatsächlich so zutreffend wie heutzutage. Wie siehst du das? Sind Debords Thesen wichtige Übertreibungen mit wahren Kernen – oder eher eine generelle Ablehnung massenmedial erzeugter Kunstformen wie Popmusik, die sich kluge Popmusik dann aber auch zunutze machen kann?
Hans Platzgumer: Überspitzungen sind unverzichtbar in jeder Literatur. Nur durch sie sehen wir schärfer und klarer. Debords Werk ist ein literarisches, kein wissenschaftliches. Es geht nicht um eine faktische Wahrheit – diese ist immer komplexer und lässt sich niemals vollständig auf den Punkt bringen, erst recht nicht in einem aktionistischen Text. Literaten nehmen sich einen Teil der Wahrheit heraus, legen ihn unter die Lupe und machen ihn nachvollziehbar. Dadurch helfen sie uns, die Welt ein kleines Stück besser zu verstehen.
Das große Ganze werden wir nie durchschauen. Aber es ist wichtig, dass wir versuchen, Kausalitäten und Konsequenzen bestimmter Entwicklungen zu begreifen. Debord hat uns eine solche literarische Wahrheit präsentiert, hat seine Angel in die Zukunft ausgeworfen. Dass seine Kritik heute mehr denn je berechtigt ist, sollte uns zu denken geben. Sein Manifest beweist: Wir befinden uns seit einem halben Jahrhundert auf dem Holzweg – und bleiben dennoch stur darauf.
Laut Wikipedia hast du „am Innsbrucker Konservatorium Gitarre studiert“ und später in Wien ein „Diplomstudium der Elektroakustik“ abgeschlossen. Du bist also nicht der klassische Pop-Autodidakt, der sich (fast) alles selbst beigebracht hat. Dennoch scheinen „Pop-Akademien“ für dich ein rotes Tuch zu sein, weil der dort gelehrte „Professionalismus“ Pop weniger „besser“ macht, sondern ihn eher „zu Grabe trägt“. Was genau stört dich daran, und woran lässt sich das festmachen?
Hans Platzgumer: Die Akademisierung tut Pop nicht gut, weil die wichtigsten Dinge nicht unterrichtbar sind: visionäre Ideen, Euphorie, Experimentierlust, Ablehnung des Kanons, Autoritätsverweigerung.
Gelehrt wird hingegen genau das, was Pop langweilig und berechenbar macht – ihn standardisiert, optimiert, perfektioniert: das Nachahmen und das Spielen nach Regeln. Die bravsten Absolvent:innen dieser Akademien werden im Idealfall handwerklich gut gemachte, professionell klingende Produkte mit den geeignetsten Marketingstrategien auf einen übersättigten Markt werfen. Doch die Neugier und Leidenschaft, die sie vielleicht ursprünglich einmal musikalisch angetrieben haben, werden ihnen ausgetrieben worden sein.
Wohin das führt, zeigt sich in den Jazz-Akademien: Dort wird Bebop – einst eine der revolutionärsten und unangepasstesten Musikrichtungen überhaupt – auf 08/15-Schablonen und Formeln heruntergebrochen. Es werden Regeln vermittelt, an die sich alle zu halten haben, bis daraus eine erstarrte, spießbürgerliche, immergleiche Kunstform geworden ist. Es ist ein erschreckender Gedanke, dass Pop im Allgemeinen ein ähnliches Schicksal droht.
„Pop darf borniert und unfair, darf präpotent sein, das ist sein Privileg.“
Das Spannende an Popmusik war ja immer diese extrem enge Verknüpfung von (stets neuen) Produktions-, Distributions- und Rezeptionszusammenhängen. Neue Produktions-Tools – vom 8-Track-Recorder über den Kassetten-Multitracker bis hin zu Digitalen Audio Workstations –, neue Transport-Formate – von Schellack über Vinyl und CD bis hin zu MP3s – und die damit verbundenen „neuen Hörerfahrungen“ haben die Popmusik über viele Jahrzehnte geprägt. Dabei war auch immer klar, dass Aussagen wie „Das klingt ja alles gleich“ meist auf Unwissen oder Vorurteilen beruhten. Im Zeitalter der Digitalisierung, das du im Buch mit „Optimierungsdrang und reiner Gewinnorientierung“ beschreibst, scheint sich jedoch ein Bruch – oder zumindest ein Riss – mit der Art vollzogen zu haben, wie früher „alles gleich“ klang. Ein Label wie Motown hat ja schon in den 1960er-Jahren seine Soulhits bis zum Extrem nach bewährten Erfolgsformeln produziert. Da war ebenfalls viel Kalkül im Spiel. Aber was hat sich wirklich verändert? Oder sind unsere Ohren mittlerweile einfach so alt, dass Neues für uns „gleich klingt“?
Hans Platzgumer: Es geht nie darum, ob irgendetwas für irgendjemanden gleich klingt oder nicht. Wenn ein Sound, ein Beat, eine Formel neu ist und aufsehenerregend klingt, dann ist es wichtig, dass diese Musik möglichst viele Leute ansteckt und auf Reisen geschickt wird. Aus einem Steinchen wird dann eine Lawine.
Als Drum & Bass in den 1990ern aufkam, verstand der Großteil der Menschen die Rhythmik und das neue Konzept nicht. War das schnell oder langsam? Wie sollte man sich dazu bewegen? Breakbeats müssen immer erst in tausendfachen, nur leicht variierenden Versionen in die Welt gespült werden. Auf diese Weise stoßen sie eine Bewegung an.
Das neueste große Beispiel ist wahrscheinlich Reggaeton. Der Beat ist simpel, aber er funktioniert einfach sagenhaft gut und lässt sich in zahllosen Variationen gut oder schlecht umsetzen. Leider wurde er im Nu kommerzialisiert und weichgespült, wodurch er jegliche Coolness und Attraktivität verlor. Beim Baile Funk hingegen war das glücklicherweise nicht der Fall.
Schnell war beim Reggaeton der Punkt erreicht, an dem auch ich mich dabei ertappte, zu sagen, das sei zu dodeleinfach und immer dasselbe. Über Drum-&-Bass-Produktionen, die seit den späten Nullerjahren 1:1 das gleiche, auf den kleinsten Nenner heruntergebrochene Konzept wiederholen, sage ich das ebenfalls.
Wenn Pop in Wiederholungsschleifen gerät, ist das eine Weile lang wichtig und fruchtbar, doch irgendwann ist alles aufgebraucht, was einst da war. Dann wird es unerträglich. Diesen Punkt erreichte Motown beispielsweise selten – einfach, weil sich die Musikschaffenden von sich aus rasant weiterentwickelten. Allzu lange konnten die Executive Producers damals gar nicht am Immergleichen festhalten, weil sie dann schon wieder als altmodisch gegolten hätten.
Im Reggaeton ist das übrigens teils auch heute noch so. Letzten Monat war ich in Afrika, wo praktisch überall ausschließlich Reggaeton lief – aber teils in Neugestaltungen, die mich wirklich ergriffen und beglückten.
Ein Streaming-Dienst wie Deezer hat schon vor Jahren (auch in Print-Musikmagazinen) sinngemäß mit dem Slogan geworben: „Wieso über Musik lesen, wenn sie doch auch gleich gehört werden kann?“ – und damit der Kritik gleich jegliche Funktion abgesprochen. Auch du thematisierst das Verschwinden von Kritik als Bestandteil dessen, was Pop-Musik (bzw. jegliche Kunst) ausmacht. Nicht zuletzt sind in den letzten Jahren auch wichtige Organe der (diskursiven) Pop-Kritik eingegangen (Spex, Village Voice, Pitchfork etc.). Aber was bedeutet eine Pop-Musik ohne Kritik? Geht es wirklich nur noch um „Likes“ und das persönliche Missverstehen von Kritik als „Hate“?
Hans Platzgumer: In seinen Hochzeiten war Pop immer von mehr oder weniger fundierter Kritik begleitet. Dieser Diskurs verwurzelte ihn tiefer in der Gesellschaft – man musste sich quasi mit ihm auseinandersetzen, auf ihn eingehen.
Aktuell hat die läppische Oberflächlichkeit der sozialen Medien die Scherben dessen übernommen, was Kritik eigentlich nach wie vor sein müsste: eine ernsthafte Auseinandersetzung mit bestimmten Phänomenen – und nicht schnell hingewischte und ebenso schnell wieder vergessene Likes oder sinnlose, anonymisierte Hates. Wir landen hier wieder bei den bereits angesprochenen Massenkommunikationsmitteln, die unser Leben diktieren.
„Die Akademisierung tut Pop nicht gut.“
Für den britischen Pop-Theoretiker Mark Fisher waren die „Glory Days“ der Pop-Musik unter anderem auch deshalb möglich, weil es indirekte Förderungen durch sozialstaatliche Subventionen gab – etwa kostenfreie Studienzugänge, Studienbeihilfen oder Mietkostenzuschüsse. Das bedeutete, dass der Anspruch „Everybody Can Do It“ auch ökonomisch einigermaßen abgefedert war. Mittlerweile kann ich zwar mit einem Laptop kostengünstig jede Art von Musik produzieren, doch auch du schreibst angesichts des aktuellen Zustands der Pop-Musik von einem „Überlebenskampf“ und „multiplen Existenzbedrohungen“. Geht es dabei nur um die Gefahren durch Künstliche Intelligenz, oder ist mittlerweile schon mehr out of joint?
Hans Platzgumer: So tödlich mir direkte Förderungen für die Popmusik vorkommen – weil sie, ähnlich wie Akademien, durch Jurys und Vorgaben in vorgefertigte Richtungen gelenkt wird –, so wichtig erscheinen mir tatsächlich indirekte Unterstützungen: Steuerbefreiungen für Musikschaffende in prekären Verhältnissen, Mietzuschüsse für Proberäume oder Studios oder die Bereitstellung von Orten, an denen sich Musik frei und ohne Aufsicht von oben entwickeln kann.
Solche Möglichkeiten gibt es jedoch viel zu selten. Der Neoliberalismus mit seinen erbarmungslosen Marktzwängen und Strukturen, die wir mittlerweile als unabänderlich hinnehmen, erschwert die Weiterentwicklung der Popmusik enorm. Wenn jede Idee sofort in Geld umgewandelt werden soll, noch bevor sie sich überhaupt entfalten konnte, wird alles im Keim erstickt.
Die Künstliche Intelligenz fügt sich perfekt in diesen Mechanismus ein: Alles wird dadurch schneller, einfacher, praktischer. Die Menschen sind infantil begeistert von diesen Annehmlichkeiten – doch ob sie das wirklich in allen Lebens- und Kunstbereichen brauchen, fragen sie sich nicht.
Eigentlich wäre eine Verlangsamung der Welt in sämtlichen Bereichen notwendig, eine Vertiefung der Diskurse statt der zunehmenden bösartigen Polarisierung. Doch stattdessen setzen wir immer mehr auf Beschleunigung – und rasen sehenden Auges in unausweichliche Katastrophen.
Kaum jemand spricht darüber, dass KI die Energie-Ressourcen unseres Planeten wie kaum eine andere Technologie verbraucht – sie übertrifft dabei sogar das energieintensive Schürfen von Bitcoins. Es müsste uns allen klar sein, dass dies genau der Weg ist, den wir nicht einschlagen sollten, wenn wir die Selbstauslöschung noch verhindern wollen.
„Man kann den Dingen nur mit einer Extraportion Liebe und Fürsorge begegnen.“
Trotz all dieser eher wenig optimistischen Zustandsbeschreibungen scheinst du dennoch nicht vom Musikmachen lassen zu können. Anfang April erscheint mit Favorite Record (Noise Appeal Records) ein neues Album deines Projekts Convertible. Da stellt sich die Frage: Wie wirken sich die kritischen, teils desillusionierenden und melancholischen Analysen aus deinem Buch auf dein eigenes Schaffen aus? Wird es trotziger? Gelassener? Komplizierter?
Hans Platzgumer: Es wird liebevoller. Den Dingen kann man nur mit einer Extraportion Liebe und Fürsorge begegnen. Unter den derzeitigen Umständen ein Album zu produzieren, das rein musikalisch-künstlerische Ansprüche verfolgt, ist wirtschaftlich Irrsinn. Ich weiß, dass ich nicht einmal einen Bruchteil dessen zurückbekomme, was ich an Aufwand hineinstecke.
Das Naheliegendste wäre also: Ich lasse es bleiben, tue mir die sinnlose Arbeit nicht an. Doch sinnlos ist sie nur aus materialistischer Sicht. Künstlerisch gesehen kann ich mich entscheiden, die bestmöglichen Songs in der bestmöglichen Form zu produzieren – und wenn das gelingt, sie zu veröffentlichen. Dafür braucht es eine Menge Idealismus. Aber künstlerisch lohnt es sich nur, wenn dabei etwas wirklich Gutes entsteht. Sonst wäre tatsächlich alles sinnlos. Deshalb muss all das Herzblut hineinfließen, das zur Verfügung steht.
Wir haben vier Jahre an diesem Album gearbeitet. Es war keine verschwendete Zeit – im Gegenteil. Die Arbeit daran hat uns bereichert – wenn auch ausschließlich im Herzen.
Wenn du dir etwas für die Pop-Musik wünschen könntest, was wäre das?
Hans Platzgumer: Dass sie das Korsett abwirft, in das sie seit Jahren eingeschnürt ist. Dass sie beginnt, die Vorgaben zu ignorieren, die sie ersticken. Dass sie alles, was sie gelernt hat, vergisst – und von Neuem beginnt.
Eine Zäsur.
Hans Platzgumer: Vielleicht wäre echte Stille ein guter Anfang. Ein Jahr lang ohne Musik-Dauerberieselung. Kein Streaming. Generalstreik. Es wäre spannend zu sehen, was sich aus so einem Reset-Button entwickeln würde.
Didi Neidhart
++++
Hans Platzgumer: “What Goes Up Must Come Down. Kleine Geschichte der Popmusik” (bahoe books)
++++
Lesungen:
25.04.2025, Literaturhaus, 5020 Salzburg
29.04.2025, Literaturhaus, 1070 Wien
17.05.2025, Heppel&Ettlich, München
23.05.2025, Kosmos, 6900 Bregenz
28.05.2025, Stadtbibliothek, 6020 Innsbruck
05.06.2025, Analog, Wien
26.06.2025, Aegis, 89073 Ulm
++++