„Ich versuche, einen Zustand des Zwischendrinnen zu erreichen“ – GAILĖ GRICIŪTĖ im mica-Interview

Im Rahmen seines Artists in Residence-Programms stellt das BUNDESKANZLERAMT in Kooperation mit KULTURKONTAKT AUSTRIA ausländischen Kulturschaffenden Stipendien zur Verfügung. Im Frühsommer 2017 war die litauische Komponistin und Musikerin GAILĖ GRICIŪTĖ zu Gast in Österreich. Marie-Therese Rudolph stellte Fragen zu ihren zahlreichen Auslandesaufenthalten und wie diese sich in ihrer Arbeit niederschlagen sowie zu ihren vielfältigen künstlerischen Ausdrucksformen.

Sie studierten in Norwegen, Finnland, Deutschland und Litauen. Warum entschieden Sie sich für diese Auslandsaufenthalte? Was unterscheidet das litauische Universitätssystem von den anderen, die Sie kennengelernt haben?

Gailė Griciūtė: Der Fokus bei meinen Studien lag immer auf der Musik und dem Klang. Aber im Verlauf meiner unterschiedlichen Lebensphasen gab es immer wieder Wendungen und Zwischenschritte um dieses Feld zu erkunden sowie verschiedene Sichtweisen kennenzulernen. Ich habe meine Studien nie im Kontext des Studiensystems betrachtet, vielmehr war es mir wichtig, was ich von wem lernen und welche Projekte ich entwickeln konnte.

Nachdem ich acht Jahre im Ausland gelebt hatte, erhielt ich die Gelegenheit, ein Orchesterstück für das Litauische Jugend Symphonie Orchester zu schreiben. Es gibt auf der ganzen Welt wunderbare Künstlerinnen und Künstler und Denkerinnen und Denker. Ich bin für jede Gelegenheit dankbar, von ihnen zu lernen und meine Ideen weiterzuentwickeln, genauso auch dafür, Raum und Zeit für Experimente zu haben und mich in ein kreatives Laboratorium begeben zu können.

Sie haben ein Jahr in Bhutan gelebt. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Destination?

Gailė Griciūtė: Ich wollte etwas über Vajrayana Buddhismus lernen und in einem Land leben, in dem das kulturelle Erbe so authentisch wie möglich bewahrt wurde. In Bhutan konnte ich mein musikalisches Wissen mit der Erfahrung die buddhistische Tradition zu leben verbinden.

Welche KomponistInnen schätzen Sie beziehungsweise wer hat sie in Ihrer künstlerischen Arbeit beeinflusst? 

Gailė Griciūtė: Es gibt so viele Komponistinnen und Komponisten, die mich inspirieren, da ich ständig auf der Suche nach unbekannter Musik und Kunst bin. Diese Entdeckungen sind eine wichtige Quelle kreativer Energie für mich. Die Einflüsse verändern sich in bestimmten Phasen, für den aktuellen Moment möchte ich Christian Wolff und Michael Pisaro explizit erwähnen.

Sie sind schon mehrfach von philosophisch-literarischen Fragestellungen für eine Komposition ausgegangen, etwa bei „This Too Will Pass“ und „Sordid Signs“. Beide Werke beziehen sich auf Jean Genets „Tagebuch des Diebes“. Wie finden Sie Ihre Quellen? Wie gehen Sie an ein neues Werk heran?

Gailė Griciūtė: Der erste Schritt ist immer eine Idee, die von vielen Dingen ausgelöst werden kann, etwa von einer bestimmten Kombination von Umgebungsgeräuschen oder einer Verkettung von Ereignissen, oder einer Gemeinschaft und deren wechselseitigen Beziehungen. Manchmal habe ich auch Ideen, die sehr gegensätzlich sind, wie etwa eine klanglich-akustische Atmosphäre und ein Gedanke, der mich beschäftigt. Diese beiden Ansätze entwickle ich dann weiter und versuche sie zu dorthin zu bringen, wo sie aufeinandertreffen.

Ihr Aufenthalt in Bhutan schlug sich in dem Werk für Orchester, „Thangtong Gyalpo“ (2016), nieder. Können Sie das näher ausführen?

Gailė Griciūtė: In meinen kreativen Arbeitsprozessen versuche ich oft, einen Zustand des Zwischendrinnen zu erreichen – diese utopische Idee wird dabei häufig zu einer treibenden Kraft. In meiner Komposition „Thangtong Gyalpo“ fand sich dieser Ansatz sehr unmittelbar: in einer Brücke. Thangtong Gyalpo war ein Mönch und Ingenieur, der im 14./15. Jahrhundert lebte. Er soll 58 Kettenbrücken in Tibet und Bhutan erbaut haben. Dieses symphonische Werk beruht auf einer spiegelähnlichen Struktur, die aus Segmenten besteht, die sich allmählich von einem ins andere verwandeln und die Zuhörerschaft durch einen harmonisch und rhythmisch unsicheren Zustand leiten. 

Sie konzipieren auch Sound- und Lichtinstallationen. Wie nähern Sie sich diesen Arbeiten künstlerisch an, welchen Themen widmen Sie sich?

Gailė Griciūtė: In allen Bereichen, in denen ich arbeite, bleiben meine Interessen stets dieselben und die Werkzeuge, die ich verwende, greifen ineinander. Als Pianistin, Komponistin und Klangkünstlerin Interesse ich mich für Klang, sein Verhalten in Raum und Zeit, Wechselbeziehungen, Manipulationen, die Vielfalt von Schichtungen und Existenzen. In meinen Kunstwerken ist Klang ein Impuls auf einer Karte von Ereignissen, er ist ein Werkzeug um geistigen Raum für neue Wahrnehmungen von Realität zu erschaffen und die Erfahrung der unvermeidlichen Bindung zwischen einem selbst und der umgebenden Welt. Ich interessiere mich für relative Objektivität, subjektive Wahrnehmung und deren Grenzbereiche.

Sie sind an zwei Improvisations-Kollektiven beteiligt: Mold und das Duo Weld Mignon. Was ist Ihre Rolle in diesen Ensembles und welche Musik machen Sie miteinander?

Gailė Griciūtė: Weld Mignon ist ein Kollektiv mit dem Elektronikmusiker Antanas Dombrovskij. Gemeinsam entwickeln wir ein erweitertes Instrument aus einem Klavier. Wir nehmen auf und überarbeiten Klänge eines präparierten Klaviers und bauen daraus eine elektronische Klangstruktur, die während der Live-Performance mit strukturierter Improvisation gefüllt wird. Das Ensemble Mold hingegen, bestehend aus Dalius Naujokaitis (Schlagzeug), Dovydas Stalmokas (Saxophon), Aaron Keane (Bass) und Dominykas Vyšniauskas (Trompete), improvisiert frei.

Wie war Ihr Aufenthalt in Wien? Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen?

Gailė Griciūtė: Es war eine wunderbare Gelegenheit, mich völlig auf meine Arbeit zu konzentrieren. Es bedeutet einen großen Luxus für mich, ausreichend Zeit zum Komponieren zu haben. Und dann gibt es ja nie ausreichend davon, was die Frage nach der Finanzierung des Lebens betrifft.

Wie sehen Ihre aktuellen Projekte und Pläne aus?

Gailė Griciūtė: Momentan arbeite ich mit dem deutschen Künstler Janusch Ertler an einem Videokunstprojekt, mit meinem langjährigen künstlerischen Partner Thuy-Han Nguen-Chi an einer Filmmusik. Mit ihm betreibe ich auch das Künstlerkollektiv Technologies of Non|Self. Aber die größte Herausforderung ist derzeit zweifellos die Uraufführung meiner Oper im Frühjahr in Vilnius, produziert von Operomanija.

Vielen Dank für das Gespräch

Marie-Therese Rudolph

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Gailė Griciūtė, geboren 1985 in Kaunas (Litauen) ist eine Komponistin, Klangkünstlerin und Improvisationsmusikerin. Sie schloss ihre Studien an der Sibelius Musikakademie in Helsinki (Finnland) 2011 und an der Litauischen Akademie für Musik und Theater 2015 ab. Sie war Gasthörerin an der Städelschule in Frankfurt am Main in der Klasse von Douglas Gordon im Jahr 2014 und verbrachte das Jahr 2013 im Königreich Bhutan. Gailė Griciūtė ist Mitglied des Künstlerkollektivs Technologies of Non|Self.

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Gailė Griciūtė
Gailė Griciūtė (Soundcloud)