„Für mich waren die 1990er die Hochphase des Rocks.“ – HANNES PRÖSTLER (DREAMER DREAMER) im mica-Interview

Ein Klangbild, das die Energie und den Spirit des 90er-Jahre-Alternative-Rock aufgreift und mit modernem Feingefühl verbindet – das präsentiert DREAMER DREAMER, das Soloprojekt von Hannes Pröstler aus Wien, auf seinem Debütalbum „New Face“. In einer packenden Mischung aus Spacegrunge, Shoegaze und Pop-Punk erkundet die Platte die emotionalen Höhen und Tiefen, die mit dem Ende einer toxischen Beziehung einhergehen. Mit neun eindringlichen Songs gelingt Pröstler ein gleichermaßen persönliches wie mitreißendes Album, das mit seiner Vielseitigkeit und Authentizität begeistert. Im Interview mit Michael Ternai spricht Hannes Pröstler über seine Faszination für den Rocksound der 1990er Jahre, warum DREAMER DREAMER ein One-Man-Projekt ist und wie wichtig Musik beim Verarbeiten von Krisen sein kann.

Wie alt bist du, wenn ich fragen darf?

Hannes Pröstler: Ich bin 30 Jahre alt.

Ich frage, weil deine Musik ganz stark Erinnerungen an den Sound des Alternative-Rocks der 1990er Jahre erweckt. Ich bin mit dieser Musik aufgewachsen. Aber du warst zu dieser Zeit gerade erst geboren. Wie kommt jemand aus deiner Generation, der diese Zeit musikalisch nicht bewusst miterlebt hat dazu, in diese musikalische Welt einzutauchen?

Hannes Pröstler: Das ist erst recht spät passiert. Dadurch, dass ich 1994 geboren worden bin, waren meine Kindheit und Jugend die frühen 2000er. Ich bin mit Linkin Park aufgewachsen und habe dies ganze Nu Metal Sache voll abbekommen.

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Ich bin generell in einer musikalischen Familie aufgewachsen und habe als jüngstes Mitglied viel von den älteren Familienmitgliedern mitbekommen. So hat meine Schwester, die zwei Jahre älter ist als ich, mir viel Musik aus dieser Zeit nahegebracht. Auch von meinem Cousin, der jetzt 40 ist, habe ich einiges gelernt. Man kann also sagen, dass die Musik der 1990er Jahre für mich immer schon im Hintergrund präsent war, ich sie aber erst später richtig für mich entdeckt habe. Die Smashing Pumpkins zum Beispiel habe ich als Kind tatsächlich nie gehört. Ich habe die Band erst vor ein paar Jahren entdeckt und lieben gelernt. Vielleicht hat das auch etwas mit dem Älterwerden zu tun – man wird nostalgischer und denkt gerne an die eigene Jugend zurück.

Ich habe außerdem versucht, mich in Menschen hineinzuversetzen, die noch älter sind als ich und in den 1990ern aufgewachsen sind. Für mich waren die 1990er die Hochphase des Rocks. Der Rock war im Mainstream angekommen und sehr populär. Besonders fasziniert mich die musikalische Ästhetik dieser Zeit – die Art der Songs, das zugängliche Songwriting. Diese Richtung wollte ich auch bei meinem Album verfolgen: reduzierte, kurze Songs im klassischen Format.

Bild Dreamer Dreamer
Dreamer Dreamer (c) Pascal Schrattenecker

Die Einflüsse deiner Musik sind auf jeden Fall breit gestreut. Es scheint auch fast so, als ob die Titel der Songs deren Stil beschreiben. Zum Beispiel der Song „Placebo“, bei dem man die Band eindeutig heraushören kann, oder der Song „Mars“, der sofort die Band The Mars Volta ins Gedächtnis ruft. Das ist doch bestimmt beabsichtigt, oder?

Hannes Pröstler: Absolut. Es freut mich, dass dir das aufgefallen ist. Genau das war meine Absicht. Ich bin zwar kein großer Placebo-Fan und habe die Band auch noch nie live gesehen, aber irgendwie hat mich ihr Song „Every You and Every Me“ total erwischt. Ich kannte ihn natürlich schon, aber ich hatte ihn vorher nie so intensiv wahrgenommen. Da dachte ich mir: Wie kann ich diesen Song in meinen eigenen Stil übertragen? Ähnlich war es bei „Mars“. Ich bin ein großer Fan von The Mars Volta und wollte dieses hektische, progressive Gefühl, für das ihre Musik bekannt ist, in einem eigenen Song umsetzen.

Wie genau hat sich bei dir der Einstieg in die Musik gestaltet? Ich nehme an, du hast schon immer in Bands gespielt. Warum jetzt ein One-Man-Projekt? Wie und wann ist diese Idee entstanden?

Hannes Pröstler: Das war tatsächlich coronabedingt. Ich habe schon immer Musik gemacht; seit ich acht Jahre alt bin, spiele ich Gitarre. Musik war also immer ein Teil meines Lebens. Mit Corona konnte ich dann aber nicht mehr mit meiner Band spielen – Proben war ja quasi unmöglich. Also dachte ich mir, ich muss irgendwie lernen, alleine Musik zu machen, und richtete mir ein kleines Home-Studio ein. Ich begann, Producing zu lernen und experimentierte auch mit Hip-Hop-Beats. Da es mir zu dieser Zeit nicht besonders gut ging, verlor ich mich ein wenig in der Noise-Musik. Irgendwann merkte ich, dass ich am Computer schon ein bisschen was machen konnte.

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

War die Idee, in die Alternativerock-Richtung zu gehen eigentlich von Beginn an klar?

Hannes Pröstler: Ursprünglich hatte ich die Idee, Dreamer Dreamer als moderne Version von Pink Floyd zu gestalten – epische Lieder von 15 Minuten Länge. Das wäre für mich etwas komplett Neues gewesen. Aber da ist einfach nichts rausgekommen. Ich fragte mich also, welche Bands ich in meiner Jugend am meisten gehört hatte. Das waren Bands wie Linkin Park, Green Day und etwas härtere Sachen. Metal konnte ich nicht machen, weil ich nicht schreien kann. So kam ich schließlich auf den Alternative Rock der 1990er Jahre. Ich wollte eingängige Songs machen, die kurz und einfach sind und die ich natürlich singen und spielen kann. Ich musste auch einiges herumexperimentieren, um meine richtige Stimme zu finden. Ich habe extrem viel Zeit damit verbracht, herauszufinden, wie ich eigentlich klingen möchte, auch den Rest meines Lebens. Dieses Solo-Projekt soll dauerhaft ja bestehen bleiben. Auch der Inhalt der Texte war mir wichtig. Das Schreiben der Lyrics war eine große Herausforderung.

Weil sie so persönlich waren?

Hannes Pröstler: Auch, aber da ich damals eine schwere Zeit durchlebte, hatte ich in dem Sinn irgendwie Glück im Unglück. Nachdem ich eine schwere Trennung hinter mir hatte, hatte ich die emotionale Kapazität, all meine Gefühle und alles, was in meinem Kopf herumschwirrte, einfach herauszulassen. Das war einerseits eine große seelische Befreiung. Musik wurde mein Ventil, meine Art, das Ganze zu verarbeiten. Andererseits stellte es mich vor die Herausforderung, einen Weg zu finden, diese schweren Themen in eingängige Songs zu übersetzen, mit denen sich auch andere identifizieren können. Früher hat mir Musik oft geholfen, durch Krisen hinwegzukommen, und genau das wollte ich auch mit meiner eigenen Musik für andere erreichen.

Hast du eigentlich Unterstützung und Feedback von außen erhalten oder war es tatsächlich von vorn bis hinten ein Solo-Projekt?

Hannes Pröstler: Es war größtenteils ein Solo-Projekt. Das Schlagzeug hat Petra Fraißl eingespielt. Zudem hatte ich auch jemanden, der mir als Qualitätskontrolle diente – meinen guten Freund Jan Lesjak. Er kennt mich gut und hat mir geholfen, die Songs objektiv zu betrachten. Es war wichtig für mich, jemanden zu haben, der mir ehrlich sagt, was funktioniert und was nicht.

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Welche Rolle spielt das Live-Spielen für dich? Und was kommt nach diesem Album?

Hannes Pröstler: Live zu spielen ist für mich genauso wichtig wie das Songwriting. Ich liebe es, vor Publikum zu stehen, mit anderen Musikern zu jammen und mit ihnen Songs zu erarbeiten. Aber ich genieße auch die kreative Freiheit, alleine Songs zu schreiben und zu produzieren. Für mich ist es wichtig, die Balance zu haben – sowohl das gemeinsame Schaffen als auch das Alleinsein im Studio. Das kommende Album wird wahrscheinlich ein wenig weniger schwer und emotional sein, aber ich werde immer der Art von Musik treu bleiben, die tief bewegt und echtes Gefühl vermittelt.

Was sind deine Erwartungen für die Zukunft? Denkst du, es wird der große Durchbruch kommen?

Hannes Pröstler: Ich habe große Erwartungen an mich selbst und an meine Musik, aber ich versuche, realistisch zu bleiben. Das Ziel ist es, Musik zu machen, die mich erfüllt und die andere anspricht. Wenn ich mit meiner Musik Menschen berühren kann, dann habe ich schon gewonnen, egal wie groß die Bühne ist. Aber klar, ein bisschen träumen tue ich trotzdem – eine Weltreise mit meiner Musik, das wäre der absolute Traum.

Herzlichen Dank für das Interview.

Michael Ternai

++++

Dreamer Dreamer live
5.12. Kramladen, Wien

++++

Links:
Dreamer Dreamer (Instagram)
Dreamer Dreamer (Facebook)