In den kommenden Wochen widmet sich mica-music austria der Film- und Medienmusik in Österreich. Zusammengestellt und geschrieben wurde die Serie von dem Komponisten und Vize-Präsidenten des Österreichischen Komponistenbundes Alexander Kukelka. Der zweite Teil befasst sich mit der Geschichte der Film- und Medienmusik in Österreich von 1970 bis 2010.
1970 – 1980 Der Neue Österreichische Film
Als Neuer Österreichischer Film wird das österreichische Filmschaffen ab etwa 1970 bezeichnet. Eine exakte Abgrenzung ist nicht möglich, doch wird der Spielfilm Moos auf den Steinen aus dem Jahr 1968 in der Filmwissenschaft wegen seiner inhaltlich und stilistisch deutlichen Unterscheidung von früheren österreichischen Filmen häufig als erster Neuer Österreichischer Film bezeichnet. Seinen ersten Höhepunkt erreichte der Neue Österreichische Film in den 80er-Jahren, als das österreichische Filmschaffen mit einigen ausgezeichneten Werken auf die Weltkarte des Films zurückkehrte. Einen erneuten Aufschwung erfährt der österreichische Film seit der Jahrtausendwende mit vorwiegend sozialrealistischen Dramen und Dokumentationen, die jährlich eine bislang ungekannte Vielzahl an internationalen Festivalnominierungen und -auszeichnungen verzeichnen.
Als Anfangspunkt dieser Ära der Österreichischen Filmgeschichte wird neben Moos auf den Steinen (1968) auch die Avantgardefilm-Bewegung der vorigen Jahre als Wegbereiter des Neuen Österreichischen Films eingestuft, da sie das österreichische Filmschaffen um bisher ungekannte Ausdrucksformen und Inhalte bereicherte. Neben aktuellen Themen wie Verwahrlosung der Gesellschaft und Jugend, Benachteiligung von Frauen und weiteren avantgardistischen Einzelleistungen beschäftigte sich der Neue Österreichische Film jedoch auch mit dem Alltagsfaschismus und dem Zweiten Weltkrieg.
Mit „Neu“ ist im Neuen Österreichischen Film jedoch kein Qualitätskriterium gemeint, sondern die von Grund auf neu entstehende österreichische Filmszene, die nach dem Untergang der anspruchslosen Unterhaltungs-, Musik- und Heimatfilme der Nachkriegszeit aufblühte.
1980 – 1999
Nach dem historischen Tiefstand der heimischen Filmproduktion in den 1970er-Jahren erfuhren die 1980er-Jahre aufgrund zahlreicher Erstlingswerke junger Regisseure sowie vermehrter Produktion innovativer und gesellschaftskritischer Amateur- und Spielfilme einen Aufschwung. Die bedeutendsten Vertreter des österreichischen Avantgarde- und Experimentalfilms hatten mittlerweile jedoch unterschiedliche Wege eingeschlagen. Während Valie Export im Jahr 1980 den Österreich bei der Kunstbiennale in Venedig vertrat, lehrte Peter Weibel an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien und Peter Kubelka verfolgte eine Professur an der Kunstakademie von Frankfurt am Main. Gemeinsam mit den anderen österreichischen Avantgarde- und Underground-Filmern trugen sie jedoch bereits wesentlich dazu bei, dass die Österreichische Filmgeschichte nach 1945 international überhaupt zur Kenntnis genommen wird.
In den 1990er-Jahren fand der gesellschaftskritische Neue Österreichische Film seine Fortsetzung. Die Komödienproduktion wurde mit den so genannten „Kabarettfilmen“ wiederbelebt. Diese greifen ein Prinzip auf, welches bereits zur Stummfilmzeit begründet wurde – das Einsetzen beliebter Kabarettisten als Filmschauspieler. Eine Neuerung war jedoch, dass nun auch typische negative Charaktereigenschaften von Österreichern dargestellt und karikiert werden konnten, ohne beim Publikum auf Ablehnung zu stoßen. Diese Facette verdankt das Kabarett und der Kabarettfilm vor allem Helmut Qualtinger, der mit der unbeschönigenden Darstellung von Österreichern bereits in den 1960ern Aufsehen erregte.
Typische Beispiele für solche Filme sind Paul Harathers „Indien“ (1993) mit Josef Hader und Alfred Dorfer, Harald Sicheritz’ „Muttertag“ (1993) mit Roland Düringer und Alfred Dorfer in jeweils einem halben Dutzend Rollen sowie fast der gesamten restlichen österreichischen Kabarettszene in den weiteren Rollen, oder auch „Freispiel“ (1995), ebenfalls von Harald Sicheritz. Diese Filme lockten bis zu 230.000 Besucher in die Kinos, sind aber auch im Fernsehen Jahr für Jahr erneut Publikumsmagnete.
2000 – 2010
Die Jahrtausendwende brachte eine Internationalisierung und Spezialisierung eines Teils des österreichischen Films auf Dramen und Dokumentarfilme mit gesellschafts- und sozialkritischem Hintergrund mit sich. Barbara Albert markierte 1999 mit dem Melodram den Beginn einer neuen Ära international beachteten österreichischen Filmschaffens. Als erste österreichische Produktion seit 1948 wurde der Film für den Hauptpreis der Filmfestspiele von Venedig nominiert und die Hauptdarstellerin Nina Proll erhielt den Marcello-Mastroianni-Preis als „beste Nachwuchsschauspielerin“. Angesichts der zunehmenden Festivalpräsenz und Auszeichnungen österreichischer Filme in den folgenden Jahren – etwa Michael Hanekes Die Klavierspielerin (2001), Ulrich Seidls Hundstage (2001), Virgil Widrichs Copyshop (2002), um einige der international meistbeachteten zu nennen – wird Nordrand in der Filmwissenschaft gerne als Wendepunkt des österreichischen Filmschaffens betrachtet.
Den Auftakt bei den international beachteten gesellschaftskritischen Filmen des neuen Jahrtausends machte Ulrich Seidl im Jahr 2001 mit „Hundstage“. Der Film, der unter anderem in Venedig den Großen Preis der Jury erhielt, erzählt auf schockierende Art und Weise Geschichten von abstoßenden österreichischen Charakteren. Einen unterhaltsameren gesellschaftskritischen Spielfilm stellte hingegen Hans Weingartners Low-Budget-Produktion „Die fetten Jahre sind vorbei“ dar, eine deutsch-österreichische Koproduktion welche auch im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes vertreten war.
Bei den Komödien wurde der Trend, Kabarettisten einzusetzen, mit Produktionen wie „Hinterholz 8“, „Poppitz“ und „MA 2412 – Die Staatsdiener“ höchst erfolgreich fortgesetzt. Der Kabarettist Roland Düringer spielte in allen drei Filmen, die zwischen 230.000 („MA 2412 – Die Staatsdiener“) und 620.000 („Hinterholz 8“) Besucher anlockten, eine der Hauptrollen. Auch im Bereich satirischer Grotesken konnten zwei Publikumserfolge verzeichnet werden. Regie bei „Komm, süßer Tod“ (2000) sowie dessen Fortsetzungen „Silentium“ (2004) und „Der Knochenmann“ (2008) führte abermals Wolfgang Murnberger. Alle drei sind Verfilmungen von Romanen von Wolf Haas, mit Josef Hader in der Hauptrolle.
Michael Glawogger trat in den 2000er-Jahren mit den international beachteten Spielfilmen „Nacktschnecken“ (2004) und „Slumming“ (2006), sowie dem Dokumentarfilm „Workingman’s Death“ (2005) hervor. Und der seit mehreren Jahren in Frankreich lebende und arbeitende Regisseur Hubert Sauper erreichte mit seinem Dokumentarfilm „Darwin’s Nightmare“ einen César, eine Auszeichnung bei den Filmfestspielen von Venedig und sogar eine Oscar-Nominierung als „Bester Dokumentarfilm“. Seit 1989 sorgt Michael Haneke mit menschliche Befindlichkeiten sezierenden Dramen für Aufsehen. Zu Weltgeltung kam er spätestens seit seinen weltweit vielfach ausgezeichneten Inszenierungen „Die Klavierspielerin“ (2001) nach dem Roman von Elfriede Jelinek mit Isabelle Huppert, „Code: unbekannt“ (2000) mit Juliette Binoche und „Caché“ (2005) mit Binoche und Daniel Auteuil. Erstere erreichte weltweit rund 2,5 Millionen Kinobesucher – die meisten davon in Frankreich, wo rund eine 700.000 Personen den Film besuchten. „Die Klavierspielerin“, eine Koproduktion mit Frankreich, ist somit die international erfolgreichste österreichische Produktion der letzten Jahre.
Die erfolgreichste Produktion des Jahres 2006 war Erwin Wagenhofers Dokumentarfilm We Feed the World. 2008 machte er auf ähnliche Weise die internationale Finanzwelt und die Globalisierung zum Thema seines nächsten Films Let’s Make Money. Höhepunkt der jüngeren Filmgeschichte aus österreichischer Sicht stellte die Oscar-Auszeichnung von Stefan Ruzowitzkys Die Fälscher (2007) im Jahr 2008 in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film und die Oscar-Nominierung 2009 für Revanche von Götz Spielmann dar. In den Jahren zuvor hatten Darwin’s Nightmare (2006) von Hubert Sauper in der Kategorie Bester Dokumentarfilm, Copyshop (2002) von Virgil Widrich als Bester Kurzfilm und 38 – Auch das war Wien (1987) in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film Nominierungen erhalten.
Seit 2005 werden jährlich zwischen 24 und 33 Filmen in österreichischer Mehrheitsproduktion (inklusive internationalen Produktionen mit österreichischer Minderheitesbeteiligung: 30 bis 33) hergestellt.