Peter Jeidler aka P.TAH und Martin Winkler aka KINETICAL machen Hip Hop seit 20 Jahren und kennen die Szene in- und auswendig. Aus Anlass ihrer gemeinsamen neuen EP „Actuate“ (Duzz Down San) führt das Gespräch von ihren Anfängen in den Nullerjahren, bis hin zu traurigen Bekenntnissen über die Zukunft einer der Protagonisten. Dabei werden die Veränderungen der Hip Hop Szene in Österreich beleuchtet. Warum Linz nicht mehr der zentrale Hotspot für Rapmusik in Österreich ist und Social Media uns vermutlich stärker beeinflusst als unser direktes Umfeld, erzählen P.TAH und KINETICAL im Mica Interview. Das Gespräch führte Dominik Beyer.
Ihr macht schon seit einigen Jahren immer wieder gemeinsame Sache. Was verbindet euch zwei?
Martin Winkler: Uns verbinden die 140 bpm. Also alles was in Richtung UK Bass geht. Da sind wir beide down. Das ist ja eher ein unübliches Tempo. Vor allem im Mainstream und US Hip Hop. Das ist schon ein Sport. So ein Tempo muss man auch mögen. [lacht]
Peter Jeidler: Wobei sich das in den letzten Jahren verändert hat. Trap wurde allgegenwärtig und beeinflusst fast alle R&B und Pop Produktionen. Als wir UK Grime gefeiert haben, hat hierzulande keiner viel damit anfangen können. Aber kennen tun wir uns über einen gemeinsamen Freund, mit dem ich die BLVZE Parties veranstalte. Kinetical hatte mit ihm schon vor Jahren ein Soundsystem in Linz, und somit war klar, dass wir irgendwann mal was gemeinsam machen.
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„Bislang war Linz immer die Hip Hop Hauptstadt. Das ist aber jetzt überhaupt nicht mehr so.“ (Kinetical)
Die nationale Entwicklung im Hip Hop ist enorm in den letzten Jahren. Wie beurteilt ihr das?
Peter Jeidler: Es gibt heute genauso viel wackes wie dopes. Genauso wie früher. Aber es hat sich nicht nur der Hip Hop im deutschsprachigen Raum verändert, sondern die Musikwahrnehmung allgemein. Es kommt unfassbar viel raus. Jeden Freitag geschätzt zweihundert Singles nur Deutschrap. Dadurch ist alles sehr schnelllebig. Ein Grund dafür ist, dass es finanziell und technisch einfacher wurde selbst Musik zu produzieren. Diese zu veröffentlichen, genauso. Und das verändert das Business. Ich kann aber nicht beantworten, ob das in eine gute oder schlechte Richtung geht. In Summe ist Hip Hop riesig geworden.
Martin Winkler: In den letzten fünf Jahren sind vor allem richtig viele junge Leute nachgekommen in der Szene. Bislang war Linz immer die Hip Hop Hauptstadt. Das ist jetzt überhaupt nicht mehr so. In Wien hat sich eine ganz neue Szene entwickelt. Und das feier ich sehr. Die Diversität in der Rapmusik.
“Ich glaube das Fm4 eher ältere Leute bedient mittlerweile.” (P.tah)
Beeinflusst eine größere Hörerschaft und Aufmerksamkeit auch die eigene Kunst?
Peter Jeidler: icht im deutschsprachigen Raum.
Martin Winkler: Man sieht wie sich UK Grime in den letzten zehn Jahren verändert hat. Stark in Richtung Trap und US Rap, weil jeder merkt, dass sich das besser verkauft. Das hat uns sicher auch beeinflusst.
Peter Jeidler: Aber nicht marktwirtschaftlich, weil wir geglaubt haben, dass das besser geht. Musikalisch schon. Mittlerweile sind wir mehr von Drill oder Two Step beeinflusst.
Spielen Radiosender eine entscheidende Rolle zur Verbreitung von Hip Hop? Oder seid ihr autark in eurer Szene?
Peter Jeidler: Ich würde schon sagen.
Martin Winkler: Auf jeden Fall für junge Leute.
Peter Jeidler: Ich glaube das FM4 mittlerweile eher ältere Leute bedient.
Martin Winkler: Der Focus auf Hip Hop hat zugenommen. In meiner Jugend war FM4 der Indie-Sender. Das wollte ich natürlich nicht hören. Für mich gab es nur Rap. Mittlerweile höre ich jeden Tag die FM4 Morning Show und freue mich, wenn Little Simz läuft. Wir selber würden uns jedoch schon freuen, wenn wir noch stärker im Radio vertreten wären.
Peter Jeidler: ber wir freuen un,s wenn mal eine Single von uns läuft.
Martin Winkler: Da ist die Unterstützung schon da. Für deutschsprachigen Rap, der sich meist an ein sehr junges Publikum richtet, spielen Radios hingegen eine untergeordnete Rolle. Da sind Spotify und andere Medien schon wichtiger.
Peter, du bist auch Pädagoge. War Rap Musik schon immer ein Sprachrohr um dein Umfeld zu erziehen?
Peter Jeidler: Der Innsbrucker Rapper Worst Messiah (fka Wisdom), den ich sehr schätze, hat mir mal gesagt, wir wären sehr teachy unterwegs. Ich hingegen sehe das eher als politisches Statement. Meine linke Überzeugung, die ich versuche, zu verbreiten. Ich finde es besser, innerhalb eines Songs ein paar soziokulturelle Verweise oder gesellschaftskritische Lines hineinzuwerfen, als einen ganzen Song zu so einem dieser heißen Themen zu schreiben. Meistens kann das jemand anderer doch besser auf den Punkt bringen als Musiker:innen, also Schriftsteller:innen oder Philosoph:innen in Büchern…
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Peter, du hast mal gesagt, Rap ist ein guter Spiegel um die Jugendkultur zu verstehen. Was liest du aus den Texten der neuen jungen Generation?
Peter Jeidler: Also ich lese einerseits viel Schlager und Wohlfühlsound. Auch Liebestexte. Anderseits liest man das, was beispielsweise auch jedem Hollywood Mafiosi Film den Anreiz gibt. Kriminalität, Drogen und Sex. Kann ich natürlich nachvollziehen. Das fasziniert in einem bestimmten Alter sehr. Kommt nicht von ungefähr, dass der 1990er und 2000er Rap in den USA durch weiße Vorstadt kids groß geworden ist, die das hauptsächlich gekauft haben. Das ist die Faszination für das konträre Programm. Das funktioniert immer noch gut. Sowohl in England, als auch in den USA und Deutschland.
„Hip Hop ist in Deutschland schon ein ganz schöner Einheitsbrei geworden. Österreich ist sicher diverser.“ (KInetical)
Hat Hip Hop in Österreich im Vergleich zu Deutschland einen Aufholbedarf hinsichtlich Bandbreite und Stellenwerk betrifft?
Martin Winkler: Hip Hop ist in Deutschland schon ein ganz schöner Einheitsbrei geworden. Österreich ist sicher diverser. Aber da ist natürlich immer Luft nach oben. Ich finde es immer schade, auch wenn ich das jetzt als englischsprachiger Rapper aus Österreich sage, wieviel in Österreich auf Hochdeutsch gerappt wird. Vielleicht verkauft es sich besser? So viel ist so nah am Deutschrap. Die Gefahr ist durchaus real, dass das von diesem Einheitsbrei geschluckt wird und uninteressant wird. Ich habe auch ein paar Kollegen beobachtet, die zu Beginn ihrer Karriere noch Dialekt gerappt haben, und dann ins Hochdeutsche geswitcht sind. T-Ser ist so ein Beispiel. Der war immer schon ein riesiges Talent. Ich hab ihn für die Mundart gefeiert, aber als er dann auf Hochdeutsch veröffentlicht hat, ist es ihm dann aufgegangen.
Peter Jeidler: Man sagt der Jugend auch grundsätzlich nach, dass sie sich in den letzten zehn Jahren viel mehr an der deutschdeutschen Sprache orientieren. Weil das Hochdeutsche durch Soziale Medien einen großen Einfluss auf uns hat.
Martin Winkler: Sicher. Man sieht etwas, das im Nachbarland funktioniert.
Peter Jeidler: Die haben schon mit zwölf Jahren gewisse Ausdrücke verwendet, die wir gar nicht gekannt haben. Social Media hat teilweise einen größeren Einfluss, als die Leute aus deiner Umgebung.
Ihr habt mittlerweile beide feste Jobs abseits der Musik. Gibt euch das einen freien Kopf zum Musik machen, oder raubt es euch die Zeit?
Peter Jeidler: Mal mehr mal weniger. Man wird schon freier, weil man nicht mehr den finanziellen Druck hat, sich anzubiedern.
Martin Winkler: Der Fokus geht leider verloren. Die wenige Zeit, die man zur Verfügung hat, wird zwar effizienter genutzt, aber es ist schon hart, wenn man nach einem langen Tag aus dem Büro kommt, und dann Zuhause nach dem Essen und der Hausarbeit nochmal kreativ werden möchte. Dabei habe ich noch nicht mal Frau und Kinder. Auf der anderen Seite bin ich auch froh, bei diversen Drum n Bass Clubnights die ich gehostet hab, nicht mehr den Motivator spielen zu müssen. Das macht man auch, weil man über die Runden kommen will, und die Musik auch seinen Job nennen möchte. Während Corona fiel das dann weg. Dem trauere ich aber nicht mehr nach.
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Ihr veröffentlicht auf einem sehr diversen Label (Duzz Down San). Was wären eure Ziele für zukünftige Projekte. Sind Kollaborationen geplant?
Peter Jeidler: Duzz Down Sun hat sich mittlerweile eher reduziert auf Veröffentlichungen aus dem Bekanntenkreis. Wir tun uns als Label Betreiber schwer ganz neue Sachen rauszubringen, weil wir kein Sprungbrett bieten können. Ich würde mich auf ein Dialektrap-Album von Kinetical sehr freuen.
Martin Winkler: Versprechen kann ich es nicht. Wobei ich dieses Jahr mehr in Mundart geschrieben habe als auf Englisch. Im Sommer habe ich „Wavetape“ mit Pirmin gemeinsam veröffentlicht. Das ist ein Tiroler Nachwuchskünstler auf dem Label. Der wirklich super cool produziert. Sehr talentiert. Da wird noch mehr passieren.
Unterscheidet ihr Hip Hop Produzenten von denen, die Bands produzieren?
Martin Winkler: Wenn ich ehrlich bin, kenn ich die, die Bands produzieren, gar nicht. Das ist schon eine andere Szene.
Peter Jeidler: Wenn wir von Produzenten reden, meinen wir oft auch Beatmaker. Aber Freunde wie Mirac oder Testa sind natürlich viel mehr als das. Sie komponieren, effektiveren, mixen, recorden, bringen sich ein, geben essentielles Feedback.
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Könnt ihr euch eine Produktion mit jemanden abseits der Hip Hop Szene vorstellen? Eine Kollaboration mit einer Band?
Martin Winkler: Ich habe lang mit Band gespielt. Zuerst mit der Basic Sound Band in Linz. Danach drei Jahre mit iLLbiLLY HiTEC in Berlin. Würde ich sofort wieder machen. Ist aber leider ein logistisches und finanzielles Desaster. Das Gefühl, was erschaffen zu haben, ist so aber viel stärker. Wenn man einen Song mit Klavier oder Gitarre beginnt zu erarbeiten, und daraus dann etwas entwickelt, hat das für mich eine andere Qualität als einen fertigen Beat zu picken, um danach als Add-On noch meinen Sechzehner darauf zu legen.
Peter Jeidler: iesbezüglich bin ich das Gegenteil von Kinetical. Ich fand Hip Hop mit backing Band nie so cool wie reduzierte elektronische Beats. Ich feier simple Loops, über die ich rappe. Der Song entsteht durch meine Stimme und den Inhalt der Lyrics. Aber das ist natürlich eine ästhetische Frage.
Was bringt die Zukunft?
Martin Winkler: Soloalbum und Tour mit Live Band ist ein großes Ziel. Und ein unplugged Konzert möchte ich irgendwann noch spielen.
Peter Jeidler: Wenn du so direkt fragst, möchte ich gerade aufhören mit Rap. Generell Musik machen, werd ich nicht sein lassen, aber das Ausbleiben der Livekonzerte während der Pandemie, durch die ich immer sehr viel Energie zurückbekommen habe, hat mich alles verstärkt überdenken lassen. Das Feedback für meine Produktionen, steht in keinem Verhältnis zur investierten Arbeit. Ich kann auch nicht mehr so Musik machen, wie ich gerne wollen würde. Durch Familie und Arbeit müsste ich mich dreiteilen. Ich möchte nicht auch noch zusätzlichen einen TikTok-Account bestücken müssen. So mach ich lieber einen Schlusspunkt. Ich schleich mich aber nicht davon. Zum Abschied wird noch eine letzte Solo EP erscheinen.
Das tut mir Leid zu hören. Bedanke mich aber herzlich für das Gespräch.
Dominik Beyer
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Live:
17.12.’22 – Rockhouse, Salzburg // Club 101 – Rub A Dub Conference (w/Kinetical)
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