Der Oberösterreicher JO STRAUSS steht seit mehr als zehn Jahren mit seinem musikalischen Projekt auf der Bühne. Ein besonderes Merkmal des Sängers ist die markante Reibeisenstimme. Diese hat der Musiker jetzt aber an den Nagel gehängt. Vier neue Singles hat er in den letzten Monaten unter dem eigenen Label veröffentlicht. Ein Album ist ungefähr in einem Jahr geplant. Neue Musik soll aber bereits davor erscheinen. Dafür ist JO STRAUSS derzeit auch auf der Suche nach starken Kooperationspartner:innen. Im Gespräch mit Ylva Hintersteiner hat er darüber gesprochen und auch warum der neue JO STRAUSS nicht mehr so klingt, wie der Alte.
Vergleicht man die neuen Singles mit den vorherigen Alben, ist der Gesang ein anderer. Du lässt die Reibeisenstimme hinter dir und entdeckst deine „eigene“ Stimme.
Jo Strauss: Ich bin mir selbst nicht ganz sicher, wie es dazu gekommen ist. Grundsätzlich habe ich mich sehr wohlgefühlt mit der Reibeisenstimme, und wenn mich jemand gefragt hat, warum ich so singe, habe ich immer geantwortet: „Weil das meine Stimme ist.“ In den letzten zwei Jahren habe ich jedoch immer mehr über meinen kreativen Output nachgedacht.
Zufällig bin ich in den Jahren davor in die Kabarettistenszene geraten, obwohl ich mich immer als Musiker gesehen habe. Ich habe halt zwischen den Liedern Geschichten erzählt, und die kamen gut an. So richtig wohlgefühlt habe ich mich auf den Kabarettbühnen in letzter Zeit aber nicht mehr. Daher wollte ich mich davon etwas zurückziehen.
Außerdem habe ich mich gefragt: Wie wird die Figur Jo Strauss, die ich konstruiert habe, eigentlich wahrgenommen? Wen stelle ich da eigentlich dar? Jo Strauss ist ein hyperintelligenter Studierter. Ich habe zwar auch studiert, aber trotzdem war diese Figur nicht ich. Mich hat die Frage beschäftigt: Wie viel davon ist Maskerade? Und wäre es nicht an der Zeit, diese Maskerade abzulegen?
Was verändert sich durch das Ablegen dieser Maskerade?
Jo Strauss: Es macht einen angreifbarer. Als originaler Jo Strauss habe ich auch Texte geschrieben, die sehr persönlich waren. Durch die Stimme konnte ich die Leute jedoch immer noch auf Distanz halten. Wenn ich diese aufgebe, gebe ich sozusagen die letzte Bastion auf. Meine eigene Stimme ist in keiner Form ausgebildet, und ich war mir nicht sicher, ob ich mir das zutraue. Ohne diese Distanz bin ich nun einer von ihnen. Doch letztlich hat mich die Entscheidung eher überkommen – weil es sich einfach richtig angefühlt hat.
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Der Charakter Jo Strauss bleibt aber?
Jo Strauss: Ja, der bleibt bestehen, und ich sehe auch keinen Grund, ihn aufzugeben, nur weil ich die Stimme verändere. Der Rest des Charakters fühlt sich immer noch richtig an.
Du bist in Linz geboren und hast in verschiedenen Städten gelebt, unter anderem in Berlin. Wie kam es dazu, dass du den Dialekt als deine lyrische Sprache gewählt hast und nicht Hochdeutsch oder Englisch?
Jo Strauss: Mit der Sprache war es ähnlich wie jetzt mit der Stimme. Frühere Musikprojekte waren auf Englisch. Eigentlich wurde mir in Berlin klar, dass ich, wenn überhaupt, Lieder in meiner Muttersprache machen will – alles andere wäre unglaubwürdig.
In Berlin wurde ich zum ersten Mal so richtig mit der Sprache konfrontiert. Man glaubt zwar, man könne Hochdeutsch, aber selbst nachdem ich vier Jahre dort gelebt hatte, merkten die Menschen schon nach dem zweiten Satz, dass ich nicht von dort bin. Durch diese Erfahrung entstand schließlich die Idee von Jo Strauss und dem Dialekt-Gesang.
„Es ist ein wenig so, wie wenn die Gitarre auf mich gewartet hat, bis ich die Maskerade ablege und dann machen wir gemeinsam Lieder.”
Eine weitere Veränderung zu den vorhergehenden Projekten – du greifst wieder zum „Stromruder“.
Jo Strauss: Für jedes Album, das ich skizziert habe, hat sich ein passendes Instrument gefunden – mal war es die Akustikgitarre, mal das Klavier. Bisher waren es ausschließlich akustische Instrumente.
Aus meiner Teenager- und Rockbandvergangenheit habe ich jedoch immer noch meine E-Gitarren. Bereits in den Anfängen von Jo Strauss ist mir eine E-Gitarre „zugefallen“ – eine, die man als Gitarrist einfach braucht. Damals hatte ich zwar nicht das Gefühl, dass ich jemals wieder mit einer solchen Gitarre spielen würde, habe mich aber trotzdem dazu entschieden, sie zu kaufen.
In den letzten zwei Jahren, während dieser Umdenkphase, habe ich dann immer öfter genau zu dieser Gitarre gegriffen – und sie ist maßgeblich für den neuen Sound verantwortlich. Es fühlt sich ein wenig so an, als hätte die Gitarre auf mich gewartet, bis ich die Maskerade ablege, und jetzt machen wir gemeinsam Musik.
Die Single „Am-Werden“ klingt wie ein Neuanfang – sind diese Lieder für dich eine Art Neuanfang?
Jo Strauss:Ja, das sind sie definitiv. Es ist allerhöchste Zeit, diese Maskerade hinter sich zu lassen. Das hat auch mit einem musikalischen Erwachsenwerden zu tun. Als Musiker – aber auch in anderen Bereichen – vergleicht man sich ständig. Als Gitarrist will man so spielen, dass andere Gitarristen beeindruckt sind, als Texter misst man sich an anderen Songschreibern. Das schwingt immer im Hinterkopf mit. Mir geht es darum, mich von diesem Vergleichen zu emanzipieren. Wenn jemand meine Musik nicht mag, ist das in Ordnung. Das bin ich mir selbst als Künstler schuldig.
„Ohne Dir“ hast du bereits 2016 veröffentlicht, es ist aber jetzt in einem frischen Soundgewand zu hören – wie kam er zu der Entscheidung den Song noch einmal aufzugreifen?
Jo Strauss: Im Zuge dieser Neuorientierung bin ich durch alle meine veröffentlichten und nicht-veröffentlichten Musikstücke gegangen. Dabei habe ich geschaut, welche Lieder tatsächlich aus meinem Herz heraus entstanden sind. Die Nummern nehme ich weiter mit und arrangiere sie eventuell neu. „Ohne Dir“ gehört da dazu.
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Im Lied „Winter“ geht es darum, dass eine Person den Winter gerne mag, das lyrische Ich jedoch überhaupt nicht. Am Ende steht es trotzdem mit der Person draußen in der Kälte. Wie wichtig sind Kompromisse – gerade beim Musikmachen?
Jo Strauss: Eine Band ist einer Beziehung nicht unähnlich. Es geht darum, den anderen genug Raum zu lassen und daraus zu schöpfen. Gleichzeitig ist es wichtig, klar zu sagen, was man will und was nicht. Ich habe das große Glück, dass meine Band nicht nur musikalisch und technisch versiert ist, sondern sich auch in die Musik hineinversetzen kann und weiß, wie man damit umgeht. Es kommt sogar hin und wieder vor, dass einer der Musiker sagt: „Dieses Lied braucht mein Instrument nicht.“
Ich habe immer grobe Vorstellungen von meinen Songskizzen, bin aber auch offen für Vorschläge. Oft entwickeln sich Lieder in ganz andere Richtungen, als ich es mir ursprünglich vorgestellt habe. Ich glaube, ich kann sehr gut damit umgehen, anderen ihren kreativen Raum zu lassen – und es ist mir auch wichtig, meinen Musikern genau diesen Raum zu geben. Es macht einen großen Unterschied, ob jemand die Musik nur herunterspielt oder tatsächlich Energie hineinsteckt, weil sie ihm am Herzen liegt.
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„Und oft sind es die grässlichsten Abschnitte im Leben, die schlussendlich zu etwas Schönem führen.”
Oft lösen sich deine Lieder inhaltlich erst am Schluss auf und haben eine Art Plot Twist. Ist das beim Schreiben eine bewusste Entscheidung?
Jo Strauss: Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Ich kann aber eine Anekdote aus früherer Zeit erzählen. Ich war einmal Gitarrentechniker und Lastwagenfahrer für Ludwig Hirsch. Mich hat das damals immer sehr fasziniert, wie Hirsch Lieder schreiben konnte und Geschichten erzählen konnte, mit denen man so mitgeht. Am Ende kommt dann irgendein Kniff, und entweder bleibt einem das Lachen im Hals stecken, oder es geht doch noch die Sonne auf. Das hat mich sicher beeinflusst.
Ich versuche aber schon bewusst, immer etwas Schönes im Grauslichen oder umgekehrt in meinen Texten einzubauen. Es gibt ja nichts im Leben in Reinform, und oft sind es die grässlichsten Abschnitte im Leben, die schlussendlich zu etwas Schönem führen.
Schon bei den letzten Alben, aber auch bei diesen Singles, gibt es sehr spannende und abwechslungsreiche Musikvideos. Wie wichtig ist es dir, deine Lieder auch visuell abzubilden?
Jo Strauss: Schon wichtig, weil man eine zusätzliche Ebene hinzufügen kann. Wir Menschen sind visuelle Wesen, und es ist einfach großartig, die Musik mit Videomaterial zu untermalen. Ich arbeite schon lange mit einem Kameramann zusammen, und mit ihm sitze ich dann immer zusammen und überlege, was möglich ist. Gerne würde ich das noch viel mehr machen, aber als kleiner Künstler ist das schwierig. Ohne Unterstützung von Leuten, die sagen, „Da machen wir schon was“, würde das nicht funktionieren. Ich muss auf meine Mittel achten. Aber grundsätzlich könnte ich den ganzen Tag neben der Musik auch Musikvideos machen und finde sie sehr wichtig.
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“Es entsteht etwas Neues und das hat sehr viel Kraft”
Es soll ab jetzt keine Sitzkonzerte mehr geben bei Jo Strauss – lädt der „neue“ Jo Strauss zum Tanzen ein?
Jo Strauss: Die Konzerte sind definitiv schmissiger als früher. Früher war alles ganz ruhig und extrem melancholisch. Da konnte man ja gar nicht stehen, sonst wären die Leute umgekippt. Jetzt ist es schmissiger, flotter und rockiger. Wir haben schon ein paar Stehkonzerte gespielt, und es funktioniert. Es ist zwar keine Rock-Show im klassischen Sinne, aber zumindest eine gute Indie-Pop-Show. Mir macht das auch Spaß, die Musik wird lauter und bekommt wieder so einen jugendlichen Drive. Es entsteht etwas Neues, und das hat sehr viel Kraft.
Zum Abschluss, was kann man sich von der neuen Seite von „Jo Strauss“ erwarten?
Jo Strauss: Das ist auch eine Frage, die man sich stellt: Stoße ich die Leute, die mich als melancholischen, ruhigen Jo Strauss mögen, vor den Kopf? Aber davon muss ich mich distanzieren, denn das ist jetzt genau die Musik, die ich machen muss. Textlich bleibt es genauso tiefgründig wie bisher und wird sogar noch viel ehrlicher. Es sind Themen, die wir alle kennen – die großen und kleinen Kränkungen des Lebens, und die arbeite ich auf der Bühne für die Leute und für mich auf.
Mir ist es aber wichtig, nicht mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, sondern immer Interpretationsraum zu lassen. Jeder kann sich dann selbst etwas dazu denken.
Vielen herzlichen Dank für das Gespräch!
Ylva Hintersteiner
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