GATAFIERA-Mode ist Empowerment. Ein Ritual. Eine wilde Katze. Und LUÍ und HOESÉ sind ihre Stimme: Mit explosiver Energie, queerer Punk-Attitüde und treibenden Latin-Beats sprengen GATAFIERA die Grenzen dessen, was Reggaetón und Baile Funk sein können. Was in einer Wiener WG begann, ist längst eine musikalische Kampfansage: an eine Szene, die zu oft cis, straight und männlich dominiert ist. Jetzt schreiben sie das nächste Kapitel: Am 21. April erscheint ihr Debütalbum „SUDACA ATACA“ – ein wütendes, lustvolles, befreites Statement gegen normative Gerüste und für die Community. Im Gespräch mit Ania Gleich erzählen sie, warum große Bühnen auch ihnen gehören, wie sie aus spontanen WG-Jams einen Live-Abriss gemacht haben und was das mit einer Katze auf Angriff zu tun hat.
Wie habt ihr euch kennengelernt und angefangen, zusammenzuarbeiten?
Luí: Wir kannten uns vom Modeln – wir waren in derselben Agentur. Dann hatten wir ein gemeinsames Shooting. Das war das erste Mal, dass wir uns wirklich begegnet sind. Ich kam rein, und er stand da – in seinem pinken Crop-Top.
Hoesé: Und ich war blond!
Luí: Ich habe es geliebt! Wir haben uns angeschaut und sofort connected.
Ihr hattet anfangs gar nicht geplant, Musik zu machen?
Hoesé: Nein, unser erstes gemeinsames Projekt hatte mit Musik nichts zu tun – es war eher Content-related. Wir nannten es House of Queerdose.
Luí: Das hat sich dann weiterentwickelt zum Faghouse. Deshalb soll unsere Produktionsfirma auch FAGHOUSE PRODUCTIONS heißen – weil hier bei uns nur Queers wohnen.
Hoesé: Unser Instagram-Account war anfangs nur ein Haus-Account.
Wie kam es dann zur Musik?
Luí: Als ich im Februar 2023 zu Hoesé eingezogen bin, wurde ich krank und hing zunächst nur mit meinem Laptop rum. Wir haben dann einfach aus Spaß in GarageBand gejammt – komplett ohne Karrieregedanken. Ich mache schon lange Musik, erst eigene Projekte, dann war ich ab 2021 als Session-Musiker unterwegs, bis GATAFIERA entstanden ist.
Ihr habt mal anderswo gesagt, dass ihr in Wien nicht viel feiern geht, weil euch die Musik fehlt. War das auch ein Grund für GATAFIERA?
Hoesé: Total! Wir haben Reggaetón und Baile Funk vermisst – aber wenn wir es dann doch mal gehört haben, war es voller misogynen Bullshit.
Luí: Also dachten wir uns: Wenn es das nicht gibt, dann machen wir es selbst.
Wie habt ihr euren Sound entwickelt?
Luí: Unsere Debüt-Single „Perreo Deculonizado“ war dieser Moment für uns.
Hoesé: Ja, weil wir darin Spanisch und Portugiesisch singen. In Wien sprechen wir sonst fast nur Deutsch oder Englisch, deshalb hat es sich total empowernd angefühlt, Musik in unseren Muttersprachen zu machen.
Luí: Es war unser Statement: Die Gatas sind da, um Chaos zu machen und sich ihren Raum zu nehmen.
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Wurde euch davon abgeraten, Musik auf Spanisch und Portugiesisch zu machen?
Luí: Oh ja. Von sehr vielen Männern.
Hoesé: Weißen Männern.
Luí: Weißen Männern namens Martin, Daniel, Max, Johannes … du kennst den Typ.
Natürlich – das sind meine Kollegen!
Hoesé: Genau!
Luí: Mir wurde so oft gesagt, dass es keinen Sinn ergibt, auf Spanisch oder Portugiesisch zu schreiben – dass es in Österreich eh floppen wird.
Und jetzt?
Hoesé: „Perreo Deculonizado“ läuft ein Jahr später immer noch auf FM4! Die Leute lieben es, selbst wenn sie die Lyrics nicht verstehen.
Wie würdet ihr euer Publikum beschreiben?
Luí: Baddies.
Hoesé: Vor einem Jahr hatten wir nicht mal vor, aufzutreten – wir wollten einfach nur Musik veröffentlichen.
Luí: Unser erstes Konzert war beim Circuito Latino, und es war wunderschön. Da waren Freund:innen, neue Leute und so viele Latinx, die wir vorher nie gesehen hatten.
Hoesé: Die Energie war unglaublich, und es wurde immer mehr.
Ihr habt 2024 beim Waves Festival gespielt – wie kam es dazu?
Luí: Das war einfach verrückt. Wir hatten gerade mal zwei Songs draußen!
Hoesé: Ich glaube, wir kamen genau zum richtigen Zeitpunkt. Latin Urban Music explodiert weltweit – bei jedem Boiler Room Set gibt’s Reggaetón und Baile Funk. Aber in Wien gibt es kaum Acts, die das wirklich produzieren.
Luí: Und es gibt einen riesigen Bedarf an FLINTA*-Spaces. Ganz ehrlich – wenn ich nicht selbst Teil von GATAFIERA wäre und davon hören würde: ich wäre auch gehyped!
Ihr habt also einfach selbst gemacht, was es noch nicht gab?
Luí: Genau. Wir haben die Lücke gesehen und sie gefüllt.
„MAN BRINGT NICHT EINFACH EINEN SONG RAUS UND WIRD SOFORT ZUM WAVES EINGELADEN!”
Die letzte Single „Let Me Cook“ habt ihr schon vor Waves geschrieben, oder?
Luí: Ja, die war für das Festival.
Hoesé: Wir hatten damals vier Songs und haben mit viel Gerede zwischen den Songs gerade mal ein 30-Minuten-Set spielen können.
Aber es hat funktioniert – ihr habt einen Eindruck hinterlassen.
Luí: Ich war ehrlich gesagt schockiert. Hoesé ist ein Musik-Baby, und ich bin der grumpy Grandpa, der schon zu lange in der Industrie ist. Ich dachte jedes Mal nur: Das ist nicht normal. Das läuft normalerweise nicht so ab.
Hoesé: Er meinte ständig: Man bringt nicht einfach einen Song raus und wird dann sofort zu Waves eingeladen.
Luí: Leute bewerben sich für Waves. Sie bekommen meistens keine Einladung. Ich hätte nie daran gedacht, mich zu bewerben – und dann kamen sie einfach auf uns zu.
Warum glaubt ihr, dass das passiert ist?
Hoesé: Weil es diesen riesigen Bedarf gibt – an FLINTA*-Künstler*innen, an anderen Stimmen. Gerade in diesem politischen Klima wollen viele Leute neue Perspektiven hören. Selbst wenn du die whitest bitch in Österreich bist und links stehst, willst du das.
Luí: Man spürt einfach, dass es gebraucht wird. Unser eigener Wunsch hat es erst möglich gemacht. Es ist ein kollektives Bedürfnis.
Denkt ihr, diese Bewegung ist authentisch? Oder seht ihr eine parallele Welle von Pinkwashing und Queerwashing?
Luí: Oh, voll. Es wird sich schon viel herausgenommen.
Hoesé: Wir haben das schon gesehen, bevor wir überhaupt Musik veröffentlicht haben.
Wie genau?
Luí: Wir haben an der Residency Question Me & Answer teilgenommen, die unser Projekt echt vorangebracht hat. Jeden Tag kam ein anderer Industry Professional und gab Workshops. Mit einem von ihnen hatte ich schon vorher Beef.
Hoesé: Oh mein Gott, der Typ.
Luí: Der war in dieses Not Afraid Festival involviert – das erste sogenannte Hip-Hop-Festival in Österreich. Und sie haben es irgendwie geschafft, kaum Artists of Color zu buchen. Für ein Hip-Hop-Festival!
Hoesé: Und Machine Gun Kelly war der Headliner! Also hatten sie offensichtlich ein Budget – sie haben sich nur aktiv dagegen entschieden, die Leute zu buchen, die diese Kultur erschaffen haben.
Luí: Und dann saß dieser Typ – der einzige weiße Mensch in der ganzen Question Me & Answer Residency – da und gab einer Gruppe von POC- und migrantischen Künstler:innen Ratschläge. Es war einfach so fucking lächerlich.
Hoesé: Und selbst die Leute aus der Agentur in der Residency haben uns gesagt, wir sollten uns in Lateinamerika nach Partner:innen umsehen. Sie haben uns basically geraten, uns gar nicht erst zu sehr auf Österreich zu konzentrieren.
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Auf der einen Seite wollen sie euch als „die zwei crazy Latinx“ – aber gleichzeitig keine echte Unterstützung?
Luí: Genau. Es war eher so: Oh, es ist so cool, euch in den Gürtellokalen zu haben! Bleibt einfach für immer dort.
Hoesé: Ja, spielt die nächsten zehn Jahre dort für fast kein Geld – und verschwindet dann wieder.
Ich habe das so oft gesehen – Bands, die irgendwann einfach stagnieren, weil das System es so vorsieht.
Luí: Exactly. Die ganze Industrie ist so aufgebaut, dass sie nur bestimmten Leuten nützt. Schau dir die Amadeus Awards an – es ist jedes Jahr eine Shitshow. Und wenn jemand was dazu sagt, gibt es immer eine Person in der Jury, die sagt: Ja, wir haben andere Artists in Betracht gezogen… Aber wir mussten halt doch wieder Bilderbuch nehmen.
Apropos Shitshows – Frequency Festival?
Hoesé: Oh mein Gott, fang gar nicht erst an.
Luí: Jedes Jahr ist Frequency eine Katastrophe. Aber dieses Jahr? Sie haben einfach Will Smith gebucht. Will motherfucking Smith.
Hoesé: Es zeigt einfach, dass sie alles tun, um zu verhindern, dass eine FLINTA*-Person headlined.
Luí: Statt einen richtigen Artist zu buchen, dachten sie sich: Wir brauchen jemanden of Color … und ihre Lösung war: Will Smith.
Wahrscheinlich kommen wir später nochmal zur politischen Dimension von Musik. Ich will jetzt aber auch über eure Songs sprechen. Wie entsteht das bei euch?
Luí: Meistens fängt es damit an, dass ich zur Gitarre greife, und dann jammen wir drauflos.
Hoesé: Ja, und dann freestyle ich und plötzlich merken wir: Wait a minute, wir haben hier was!
Luí: Unsere erste Single wurde noch komplett in GarageBand produziert.
Hoesé: Auf dieser Couch.
Luí: Genau hier. Mit sehr limitierten Mitteln. Nichts fancy.
„DA ICH AUS INDIE- UND POP-ROCK KOMME, MUSSTE ICH NATÜRLICH EINE GITARRE HINZUFÜGEN!”
Und wie kam es zu eurem Sound?
Luí: Bei „Perreo Deculonizado“ wollte ich ursprünglich einfach nur einen sehr standardmäßigen Reggaetón-Beat nachbauen. Ich hatte nicht vor, besonders innovativ zu sein. Aber da ich aus Indie- und Pop-Rock komme, musste ich natürlich eine Gitarre hinzufügen. Und als wir die Demo Leuten vorgespielt haben – vor allem anderen Latinxs – war die Reaktion: Wait… Ist das eine Gitarre in Reggaetón? Das ist crazy!
Hoesé: Da haben wir erst realisiert: Oh, stimmt, das gibt es eigentlich noch gar nicht so.
Das war der Moment, in dem ihr euren Sound gefunden habt?
Hoesé: Genau.
Luí: Ab da haben wir die Gitarre einfach überall hineingepackt.
Es ist cool, dass ihr diese Dualität an Perspektiven habt – denn nach 10+ Jahren in der Musik kennst du, Luí, wahrscheinlich alle Strukturen und Formeln auswendig, oder?
Luí: Genau. Ich habe das technische Wissen, aber dann kommt Hoesé mit frischen Augen dazu und sagt: Was, wenn wir einen traurigen Song machen, der aber total upbeat beginnt?
Euer Sound fühlt sich an wie eine Punkrock-Version lateinamerikanischer Dance-Musik.
Hoesé: Ja, genau das!
Luí: Eine queere Punkrock-Version.
Also reclaimed ihr nicht nur bestimmte Musikgenres, sondern auch Styles. War das Absicht oder einfach das Ergebnis eurer Einflüsse?
Luí: Für mich war es sehr bewusst. Denn ich wusste von Anfang an, dass ich live Gitarre spielen will.
Hoesé: Auch wenn wir noch ein Duo sind, sagte Luí immer, dass wir irgendwann eine komplette Band auf der Bühne brauchen.
Luí: Dieser Energy Shift? Der ist alles. Ich habe das Gefühl, heutzutage sind Shows meistens nur ein Act mit DJ oder jemand mit Laptop. Und nichts gegen solche Shows – da kann richtig gutes Zeug dabei sein. Aber wenn du ein organisches Element mit drin hast, dann fühlt es sich einfach anders an.
Absolut. Diese rohe Energie ist einfach eine andere Liga.
Luí: Ja, und genau das bringen wir mit unserem GATAFIERA-Mode.
Was ist GATAFIERA-Mode überhaupt?
Hoesé: Es ist ein ganzes Ritual. Es fängt schon beim Aufstehen an – duschen, die alte Energie abwaschen, sich frisch fühlen. Dann das Outfit auswählen, herausgehen und sich der Welt stellen. Und draußen gibt es dann natürlich Hass und Belästigung. Also ist GATAFIERA-Mode Empowerment – wie eine wilde Katze. Wenn jemand kommt? We attack.
Ich liebe das!
Luí: Und wir haben sogar einen Song darüber! „Calle Fiera“. Er ist noch nicht draußen, aber er wird auf dem Album sein.
Nice! Worum geht es?
Hoesé: Es dreht sich um eine Erfahrung, die viele FLINTA*-Personen machen – unabhängig vom Geschlecht. Alles, was mit Femininität assoziiert wird, gilt als schwächer, verletzlicher. Es macht dich zur Zielscheibe.
Luí: Aber wir haben das umgedreht. Man sieht eine Katze und denkt sich: oh, süßes Kätzchen. Aber dann – bam, es zerkratzt dich komplett.
Katzen sind die perfekte Metapher.
Hoesé: Right? Sie sind diese süßen kleinen Wesen, das ganze Internet ist besessen von ihnen – aber gleichzeitig sind sie Beasts.
Luí: Deswegen haben wir den Namen GATAFIERA gewählt.
Das macht so viel Sinn. Was könnt ihr schon über das Album sagen? Wie viel ist noch geheim?
Luí: Unser Album kommt am 21. April!
Oh wow, das ist ja schon fast in einem Monat!
Luí: Und die Album-Release-Party ist am 26. April im Badeschiff.
Badeschiff! Interessante Location. Meine Assoziation damit war früher eher … na ja.
Luí: Same. Aber wir wussten, dass wir es nicht am Gürtel machen wollen, und alle anderen Venues hatten an dem Tag keine Kapazitäten.
Hoesé: Also Badeschiff it is. Und eigentlich ist das auch poetisch – wir sind auf einem Schiff und reclaimen diesen Raum.
„WIR SAGEN IMMER, DASS GATAFIERA EINE EIGENE ENTITÄT IST UND WIR NUR DIE VESSELS DAFÜR”
Das ist stark. Was wollt ihr mir noch über das Album sagen?
Hoesé: Es hat acht Tracks, und ehrlich gesagt ist es eine Mischung aus Songs, die wir schreiben mussten, um all die Headliner-Slots zu füllen, für die wir gebucht wurden – mit einem einzigen fucking Release draußen. Aber gleichzeitig ist es eine total zusammenhängende Geschichte.
Luí: Wir sagen immer, dass GATAFIERA eine eigene Entität ist und wir nur die Vessels dafür sind. Wir hatten nie geplant, ein Album zu machen – es ist einfach passiert.
Hoesé: Ursprünglich wollten wir eine EP machen. Weil, na ja, das ist halt die Formel: Erst ein paar Singles, dann eine EP, dann irgendwann ein Album. Aber es hat sich einfach anders entwickelt.
Und dann habt ihr euch für den 21. April entschieden?
Hoesé: Genau. Letztes Jahr saßen wir da und dachten: Okay, wann releasen wir das? April klang gut – Frühling, ein Jahr nach unserer Debütsingle „Perreo Deculonizado“.
Luí: Und dann sind wir zufällig auf den 21. April gekommen.
Hoesé: Und später haben wir herausgefunden, dass am 21. April 1500 Pedro Álvares Cabral das erste Mal Brasilien gesehen hat – bevor er es am nächsten Tag kolonisiert hat.
Wait, what?! Das wusstet ihr nicht, als ihr das Datum gewählt habt?
Luí: Nope. Es war gar nicht geplant.
Hoesé: Und jetzt passt es einfach perfekt – weil das ganze Album um Dekolonisierung geht!
Ich habe auf Instagram gesehen, dass ihr diesen Sommer auf Festivals spielt? Wie ist es dazu gekommen?
Hoesé: Ganz ehrlich? Wir haben keine Ahnung.
Luí: Wir tun nichts. Es kommt einfach zu uns.
Wait – also noch bevor ihr „Perreo Deculonizado“ rausgebracht habt, wollten Leute euch schon buchen?
Hoesé: Ja! Wir hatten nichts – keine Setlist, keine Songs aufgenommen, einfach gar nichts. Und trotzdem haben sich Leute bei uns gemeldet.
Luí: Und das Verrückteste? Es waren nicht mal Leute aus Österreich. Sondern aus dem Ausland.
Hoesé: Sie haben uns einfach DMs geschrieben. That’s literally it.
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Das ist ja der Wahnsinn. Gehen die Leute davon aus, dass ihr ein ganzes Team habt?
Luí: Oh ja. Wir werden ständig gefragt: Wer ist euer Booker? Wer macht euren Content? Und ich so: Moment, lass mich meine Brille aufsetzen und sie anrufen … oh, wait, das bin ja ich.
Wenn ein Projekt wächst, kommt irgendwann der Punkt, an dem man mehr Leute braucht. Wie sieht ihr eure Zukunft in der Musikindustrie?
Luí: Im Moment machen wir alles selbst.
Hoesé: Und als wir in der Residency waren, gab es diese ganze Diskussion über Labels.
Luí: Ja, wir wurden gefragt, ob wir uns bei Labels melden wollen. Und da kamen unsere unterschiedlichen Erfahrungen ins Spiel – ich mache das seit 10 Jahren, bin ein ausgebrannter Veteran, und Hoesé war super aufgeregt und hoffnungsvoll.
Hoesé: Ich war so: Yes! Lass es uns tun! Aber ich habe Luí gesagt, dass wir, wenn wir das machen, unseren eigenen Weg gehen müssen. Weil wir so oft gehört haben: Ihr könnt das nicht. Ihr passt hier nicht rein. Das wird schwierig. Versucht es erst gar nicht. Und dann dachten wir uns: Fuck it. Wir machen es selbst.
Und es zahlt sich aus.
Hoesé: Ja, aber langfristig ist es auch einfach so viel Arbeit.
Luí: Und es tötet ein bisschen die Magie des Kreativen, weil es irgendwann einfach ein Bürojob wird.
Ja, der administrative Kram. Das ist der Preis dafür.
Hoesé: Genau. Und zusätzlich haben wir beide noch Brotjobs.
Luí: Also ja, idealerweise werden wir irgendwann Dinge auslagern. Aber nur, wenn wir die richtigen Leute finden – Leute, die wirklich verstehen, worum es uns geht, die uns als Künstler respektieren und uns nicht in irgendwas hineinpressen wollen.
„WIR GEBEN DIESES PROJEKT GERADE FÜR NIEMANDEN AUS DER HAND.”
Klingt so, als hättet ihr diese Leute noch nicht getroffen.
Luí: Und ich glaube auch nicht, dass wir sie in der DACH-Region finden werden. Zumindest nicht bei den Leuten, die große Entscheidungen treffen. Ein Musiker-Kollege empfahl uns, nur mit Labels in Lateinamerika zu arbeiten oder mit denen, die gezielt mit Diaspora-Artists in Europa arbeiten. Nach den vielen negativen Geschichten, die uns mit hiesigen Labels untergekommen sind, denken wir uns: Ja, wir geben dieses Projekt gerade für niemanden aus der Hand. Ich bin sehr protective damit.
Und das solltest du auch sein. Aber irgendwann werdet ihr wahrscheinlich trotzdem irgendwas outsourcen müssen.
Luí: Ja, idealerweise verdienen wir irgendwann genug Geld, um unsere krass talentierten, vertrauten Freund:innen zu bezahlen. Wir haben so viele kreative Leute um uns herum – Projektmanager:innen, Designer:innen, Strateg:innen – aber aktuell können wir es uns nicht leisten, sie reinzuholen.
Hoesé: Und so sehr ich das Konzept von Community-Sharing liebe, weiß ich auch, wie schmerzhaft es ist, wenn kreative Arbeit einfach nicht bezahlt wird. Und ich will diesen Kreislauf nicht noch weiterführen.
Gibt es einen GATAFIERA-Moment, eine Live-Show oder eine Erfahrung, die euch besonders in Erinnerung geblieben ist?
Hoesé: Da gibt’s einige …
Du kannst dir eine aussuchen!
Hoesé: Ich glaube, die Residency war für mich ein riesiger Moment.
Wann war das?
Hoesé: Ende Dezember 2023. Sie ging fünf Tage, und für mich war sie etwas ganz Besonderes, weil es mein Debüt war – mein erster tiefer Einblick in das, was in einem Studio passiert, und wie man mit anderen Künstler*innen zusammenarbeitet. Das hat mir auch total mit meinem Imposter-Syndrom geholfen. Diese fünf Tage waren einfach wunderschön. Das war auch der Moment, in dem sich GATAFIERA für uns real angefühlt hat – als wir angefangen haben, Reels zu posten und gezeigt haben, was wir im Studio machen. Da wurde das Projekt greifbar.
Es wurde … real?
Hoesé: Genau. Die Residency hat es für uns ermöglicht, überhaupt etwas zu veröffentlichen. Und dann lief unser Song plötzlich im Radio!
Also quasi die Geburt von GATAFIERA.
Hoesé: Ja, genau.
Und für dich, Luí?
Luí: Für mich war die Einladung zum Waves Festival ein riesiger Moment. Da habe ich wirklich gespürt: Okay, das, was wir hier machen, hat Potenzial.
Weil es ein Zeichen dafür war, dass die Industrie euch ernst nimmt?
Luí: Ja. Wir wurden vorher schon für einige Shows gebucht, aber größtenteils aus unserer eigenen Community – also queere Events, Latin-Events, Veranstaltungen von Freund:innen. Und das ist natürlich mega. Aber Waves war etwas anderes. Das hat mir gezeigt: Auch Leute außerhalb unseres Kreises hören uns zu. Das war ein Meilenstein für mich.
Weil du kurz davor warst, mit Musik ganz aufzuhören, oder?
Luí: So close. Ich wollte wirklich komplett aufhören. Nach Jahren in Bands und so viel Industrie-Bullshit war ich einfach fertig. Deshalb war diese Bestätigung durch Waves so wichtig für mich.
Und worauf freut ihr euch dieses Jahr am meisten?
Hoesé: Letztes Jahr haben wir so viele Booking-Anfragen bekommen, dass wir einfach zu allem Ja gesagt haben – nur um unseren Namen herauszubringen. Aber das hat uns fast ausgebrannt.
Luí: Dieses Jahr gehen wir es bewusster an. Wir wählen genau aus, was wir zusagen, und machen intensive Background-Checks.
Um sicherzugehen, dass es nicht nur Queer-Washing ist?
Hoesé: Genau. Wir haben eine Community, die zu unseren Shows kommt, und es ist uns super wichtig, dass die Räume, in denen wir spielen, auch wirklich sicher sind.
Luí: Unser Motto ist: Shaking ass in peace.
„ES GEHT DARUM, ZU ZEIGEN, DASS GROßE BÜHNEN AUCH UNS GEHÖREN!”
Gibt es noch etwas, was ihr für dieses Jahr manifestiert?
Hoesé: Popfest.
Luí: Außerdem haben wir gerade die E-Mail bekommen, dass wir in der engeren Auswahl für Kultur Sommer sind.
Das ist großartig!
Luí: Aber Popfest – das ist für mich eine riesige Sache. Das erste Mal, als ich als Zuschauer dort war, habe ich diese große Bühne über dem Wasser gesehen, die Spiegelung, und ich dachte: Irgendwann spiele ich hier. Und ein paar Jahre später hab ich das auch – als Teil von ÆNGLs Live-Band.
Und jetzt willst du es mit deinem eigenen Projekt machen.
Luí: Genau. Wir haben auch schon mit der Kuratorin gesprochen… Es sieht gut aus.
Hoesé: We’re manifesting it. Weil ich glaube, dass es etwas ist, was die Leute sehen müssen.
Warum?
Luí: Es geht darum, zu zeigen, dass große Bühnen auch uns gehören. Dass zwei Gatas, die auf Spanisch und Portugiesisch singen, ein riesiges Publikum erreichen können – das sendet eine Message.
Hoesé: Unsere Musik ist von Natur aus inklusiv – durch unser Genre und unsere Gender-Fluidität. Sie kann so viele verschiedene Menschen erreichen. Und ich glaube, das wäre extrem wichtig für Wien.
Das ist das perfekte Schlusswort. Ich werde jetzt nichts mehr fragen – ich will es nicht ruinieren. Danke euch beiden für eure Zeit.
Luí: Thank you! Wir hoffen, du hast dich wohl gefühlt mit uns.
Ania Gleich
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Die Albumrelease-Show von GATAFIERA findet am 26. April im Badeschiff statt.
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