Davor war ASTPAI – seit rund 5 Jahren besteht das Nachfolgeprojekt DIRTY TALONS, demnächst erscheint das zweite Album „Deep Dive“ (Noise Appeal): Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählt Manfred „Zock“ Herzog zunächst von der intensiven Zeit mit ASTPAI, in der sechs Alben und Hunderte Konzerte umgesetzt wurden. Neu bei DIRTY TALONS ist, dass nun drei Gitarristen am Werk sind, die für kraftvolle Riffs sorgen. Ebenfalls neu ist Frontfrau JESS HOWELLS,die aus der walisischen Stadt Swansea stammt. Dort will die Band auch mal spielen, los geht’s live aber in der Arena in Wien, den Support bei der Album-Präsentation am 29. März 2025 geben LION SEASON.
Bevor wir über die demnächst erscheinende Dirty Talons-Platte „Deep Dive“ sprechen, machen wir einen kurzen Blick zurück: du bist mit Astpai rund 20 Jahre lang unterwegs gewesen. Ihr seid viel in Europa getourt, auch in den U.S.A., habt veröffentlicht und Hunderte Konzerte gespielt. Wie ist es, so einen Weg zu beenden?
Manfred „Zock“ Herzog: Einerseits schwierig. Aber eher im Rückblick schwierig als in dem Moment selbst, in dem ein Weg endet. Wir haben das sechste Album gemacht und haben nicht mehr so viele Konzerte wie in den besten Zeiten gespielt, da waren es rund 100 Konzerte im Jahr. Unser Schlagzeuger ist zirka im Jahr 2018 ausgestiegen und ich habe von Anfang an gesagt: wenn sich diese Besetzung ändert, dann sehe ich die Band nicht mehr als vollständig an. Somit war es eine leichte Entscheidung. Drei von uns hatten schon die Idee Dirty Talons zu gründen. Weil es bei Astpai in den Jahren ohnehin immer wieder in eine andere Richtung gegangen ist, haben wir gesagt: noch eine musikalische Veränderung schreit eher nach einer neuen Band. Statt eine neue Platte zu machen, die mit der ersten Platte von vor 20 Jahren gar nichts mehr zu tun hat. So gesehen war es eine leichte Entscheidung.
Wenn man dann mal Zeit zum Reflektieren hat, fühlt es sich schwierig an obwohl die Entscheidung schon getroffen ist. Man kann dann auch schätzen, was man in den 20 Jahren alles gemacht hat, in denen man eh nur von einem Ereignis ins nächste stolpert. Kaum ist eine Tour abgeschlossen, nimmt man schon wieder die nächste Platte auf, es war eh nie Zeit zum Reflektieren.
Was hat sich durch die neue Band musikalisch geändert?
Manfred „Zock“ Herzog: Grundsätzlich ist der Punk-Rock fast gänzlich weggefallen, obwohl ich das in den Reviews noch immer lese. Vielleicht kriegt man das auch nicht ganz raus. Das Tempo hat sich auf jeden Fall geändert. Wir sind von den wirklich schnellen Punk-Hardcore-Songs weg, die gibt es jetzt nicht mehr. Der Lead-Gesang hat sich geändert, ich bin nicht mehr der Lead-Sänger und fühle mich in der Rolle der Backing-Vocals sehr wohl. Jess hat diese Position eingenommen. Und wir haben jetzt drei Gitarren und schreiben von Beginn an Songs für drei Gitarren. Mit Astpai haben wir einzelne Konzerte mit drei Gitarren gespielt. Jetzt gehen wir so ins Studio und das macht die Musik schon mal ganz anders.
Woher stammt eure Sängerin?
Manfred „Zock“ Herzog: Jess ist gebürtig aus Swansea in Wales. Ich habe Jess vor 13 Jahren auf Tour in London kennengelernt.Wir sind inzwischen verheiratet. Jess hat bei Bands von mir immer wieder Tour-Management gemacht, bei Astpai oder Petrol Girls. Vor Dirty Talons ist sie aber noch nie mit einer Band auf der Bühne gestanden. Sie wollte das aber immer machen und so haben wir es versucht. Auf der Bühne zu sein, ist für sie neu, dennoch ist sie uns um Längen voraus.
Diese UK-Verbindung erklärt schon ein bisschen, warum ihr das neue Album in England aufgenommen habt.
Manfred „Zock“ Herzog: Peter Miles hat die Platte produziert, gemischt und gemastert. Das Studio und Peter als Produzent selbst habe ich schon seit der vorletzten Astpai-Platte immer wieder am Schirm, weil er oft Bands produziert und aufgenommen hat, die wir super fanden. Bands wie Crazy Arm zum Beispiel, eine großartige Band. Es war immer ein Wunsch, mal mit ihm eine Platte zu produzieren. Mit Astpai hat das leider nicht funktioniert, weil Pete unglaublich busy war, und vielleicht auch nicht darauf angewiesen war, Bands anzunehmen, die er nicht persönlich kennt. Dann hat es sich ergeben, dass ich begonnen habe mit Petrol Girls zu spielen. Die erste Platte haben wir in Österreich aufgenommen, aber Pete hat uns kontaktiert, weil er gerne mit uns ein Album machen wollte. Daraus sind 1 EP und 2 Alben geworden. So sind wir Freunde geworden. Irgendwann war es klar, dass es neben Petrol Girls noch das Projekt Dirty Talons gibt. Und Pete ist ein classic rocker at heart. Auch wenn er das nicht so preisgibt, ist er ein Freund des Gitarrenriffs. So hat er irgendwann gesagt, dass es super wäre, wenn wir eine Platte mit ihm machen. Das erste Album hat er nur gemischt und gemastert, das haben wir in Eigenregie aufgenommen. Und dann war es beim zweiten Album „Deep Dive“ klar, dass wir alles mit ihm machen.
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Besonders an seiner Arbeitsweise ist, dass er analog arbeitet. Was hat sich soundtechnisch daraus ergeben?
Manfred „Zock“ Herzog: Er hat einfach für 15 oder 20 Jahre rein digitales Arbeiten hinter sich und sieht jetzt mehr die Herausforderung darin, den Computer abgedreht zu lassen, mit der Bandmaschine aufzunehmen und sich auf die Ohren zu verlassen. Nicht auf Visuelles zu schauen. Die letzte Petrol Girls-Platte haben wir bei ihm rein auf Band aufgenommen. Das war ein Super-Erlebnis, weil du während des Prozesses nicht die Ablenkung hast, ständig Spuren zu sehen. Und irgendwann beginnst du Fehler zu sehen bevor du sie hörst. Das ist ein komisches Phänomen und kann jene, die aufnahme-affin sind, beeinflussen. Bei Dirty Talons bietet es sich an, die Musik live aufzunehmen. Die Backing Vocals auch live aufzunehmen und danach ein paar Overdubs zu machen. Das hat einfach viel mehr Leben in sich, das man danach nicht künstlich hineinbringen muss. Gleichzeitig hat die Tape-Maschine einen gewissen Grundsound, mit dem man arbeiten muss und auf den man eingehen muss.
Positiv an diesem Prozess ist die Arbeitsweise: Pete hat im Überblick gehabt, was noch fehlt und plötzlich bist du am letzten Tag und da drehst du zum ersten Mal den Computer auf. Das war ein schöner Prozess, bei dem wir uns auf das Musizieren konzentrieren konnten. So zu arbeiten, setzt voraus, dass die Band gut vorbereitet ist, das waren wir.
Die Herkunft von Jess erklärt somit den Song „Swansea“ auf eurem Album.
Manfred „Zock“ Herzog: Swansea hat den charmanten Beinamen pretty shitty city. Das beschreibt die Stadt ganz gut. Es ist eine Hafenstadt, eine Arbeiterstadt, in der immer weniger Industrie stattfindet und in der es immer weniger Arbeit gibt. Das merkt man auch im Stadtzentrum, das ist teilweise wie ausgestorben. Jeden Monat machen dort Geschäfte zu. Gleichzeitig gibt es im Umfeld die schönste Küstenlinie in ganz Großbritannien. Genau diesen Kontrast fängt Jess in diesem Lied ein. Sie ist dort aufgewachsen und romantisiert das. Gleichzeitig ist sie froh darüber nicht mehr dort zu sein. Das ist eine emotionale Zerrissenheit.
„IRGENDWANN MÜSSEN WIR IN SWANSEA SPIELEN“
Werdet ihr in Swansea auch mal ein Konzert spielen?
Manfred „Zock“ Herzog: Irgendwann müssen wir in Swansea spielen. Wir wissen nur noch nicht wann und wie, denn das internationale Touren ist für kleine Bands durch Covid und den Brexit fast unmöglich geworden. Ich höre zwar immer noch von einzelnen Bands, die sich das antun. Aber im Vergleich zu dem, was Anfang der 2000er-Jahre und auch in den 2010er-Jahren passiert ist, steht das in keinem Vergleich dazu, wie viele Bands das jetzt noch auf sich nehmen. Damals sind viele österreichische Bands nach Großbritannien getourt und umgekehrt. Aber es ist schon ein Plan dort mal zu spielen, es wäre für Jess wichtig mal vor Familie und Freund:innen zu spielen.
Warum ist das Touren komplizierter geworden? Der Brexit hat natürlich das Reisen erschwert, gibt es jetzt auch weniger Clubs und weniger Publikum?
Manfred „Zock“ Herzog: In Großbritannien haben die Leute jetzt schon weniger Geld für Freizeitaktivitäten wie Konzerte. Man merkt, dass der Brexit vor allem finanzielle Folgen hat. Auch Bands, die hinüberfahren wollen, haben jetzt größere Herausforderungen. Als EU-Bürger konntest du einfach eine Fähre buchen und hinfahren. Das war’s, du hast kein Visum gebraucht, es war ziemlich unkompliziert. Gleichzeitig war die Punk-Rock-Szene zwischen Österreich, Deutschland und UK immer gut vernetzt. Da gab es einfach ein Netzwerk und es hat die Möglichkeit gegeben, sich eine Tour zu leisten.
Heute höre ich immer wieder Horror-Stories von einem falsch abgestempelten Dokument, das dann nicht mehr mit dem Equipment zusammenpasst. Dann musst du Strafe zahlen. Dann wird noch in den Bus eingebrochen und so weiter. Das kann einem natürlich überall passieren, nicht nur im UK. Auch bei unserer ersten UK-Tour wurde in den Bus eingebrochen. Wenn ein solches Ereignis eintritt, ist es schlimm genug, aber wenn weitere Dinge dazukommen und man sowieso keine Kohle mit dem Musikmachen verdienen kann, dann wird es unlustig.
Da sagt man dann einen Satz wie „Thank you for nothing“ – so lautet jedenfalls der Titel eines neuen Songs von euch.
Manfred „Zock“ Herzog: Ja, wenn er es hören wollte, würde ich das zu Nigel Farage sagen. Aber den interessiert das nicht so. Und zu David Cameron. In diesem Fall ist das aber ein persönliches Lied, da geht es um Abwesenheiten von Personen, die Teil eines Lebens sein sollten. Die das aber nicht waren.
Ihr werdet das Album in der Arena präsentieren. Was ist geplant für diesen Abend?
Manfred „Zock“ Herzog: Genau, wir haben eine Support-Band dabei, Lion Season aus Wien. Eine großartige Indie-Rockband. Eine der wenigen Indie-Rock-Bands, die nicht auf Deutsch singen, sondern dreamy englischsprachigen Indie-Rock machen. Wir haben einiges vor und werden uns ein bisschen aus dem Fenster lehnen was das Bühnendesign betrifft. Wir haben jemanden an der Lichttechnik dabei und sowieso immer jemanden am Sound dabei. Wir werden auch zusätzliche Musiker:innen auf der Bühne haben, zum Beispiel wird uns Ella Kramer, die auf der Platte auch Guest-Vocals gesungen hat, für zwei Nummern begleiten. Und Ursula Reicher, die bei Dirty Talons und auch bei Astpai immer wieder dabei war, wird uns für ein paar Nummern mit Vocals und Keyboards begleiten.
„WIR WAREN VIEL AUF TOUR UND HABEN WÄHREND EINER LAUFENDEN TOUR DIE NÄCHSTEN TOUR-ANGEBOTE BEKOMMEN“
Du bist inzwischen seit rund 25 Jahren als Musiker unterwegs. Wie würdest du das beschreiben: ist es sozusagen ab irgendeinem Moment einfach eine positive Gewohnheit, in einer Band zu sein?
Manfred „Zock“ Herzog: Ja, schon. Du hast schon recht mit 25 Jahren, aber die ersten paar Jahre zählt man nicht so recht mit. Da ist man 14 Jahre alt und spielt halt zwei, drei Konzerte vor engsten Freund:innen. Die erste Tour war dann 5 Jahren später.
Man ist dann in dem Musikmachen drinnen und stolpert von einer Sache zur nächsten. Vor allem wenn es gut läuft, das war glücklicherweise bei uns bei Astpai und bei Petrol Girls so. Wir waren viel auf Tour und haben während einer laufenden Tour die nächsten Tour-Angebote bekommen. Das geht so dahin.
Wenn ich jetzt darüber nachdenke: ich weiß nicht, wie wir währenddessen auch noch 6 Alben geschrieben haben. Und das sind Alben, auf die ich auch jetzt noch stolz sein kann. Es ist ein bisschen ‘Hirngatsch’, wenn ich mich frage, wie das alles passiert ist. Ich habe halt immer den drive gehabt und wollte das immer machen. Ich habe das Glück gehabt, dass in den Bands Leute waren, die das genauso sehen. Irgendwann vergehen 20 oder 25 Jahre und das Live-Touren ist jetzt halt ein bisschen weniger. Es ist schwierig sich daran zu gewöhnen. Das fehlt dann halt schon. Es gibt seit meinem 14. Lebensjahr nichts, was in meinem Leben so viel Platz einnimmt wie das Musikmachen.
Sind die Fans von Astpai zu Dirty Talons mitgegangen oder habt ihr Veränderungen bemerkt?
Manfred „Zock“ Herzog: Das ist eine extrem gute Frage, weil mich diese Frage auch sehr beschäftigt. Man hat gemerkt, dass die Leute dem neuen Projekt aufgrund der Astpai-Vergangenheit folgen. Wir merken es beim Booking, das wir gerade wieder selbst machen: man hat nicht mehr den Luxus, sich auf die alten Netzwerke von früher verlassen zu können. Das hängt mit vielen Dingen zusammen: manche Leute sind alterstechnisch aus der Szene hinausgewachsen. Die Punk-Szene ist heute anders als früher und das ist auch gut so. Einen Anspruch darauf zu stellen, dass das nicht so ist, wäre vermessen. Jetzt besteht eher die challenge, wo wir neue Leute finden, die auf unsere Musik stehen könnten. Das sind nicht unbedingt junge Leute. Gleichzeitig hat man die Leute aus der Zeit mit Astpai eh schon abgeholt. Die Frage lautet also, wo die Leute sind, die nichts von der alten Band wissen und nicht aus dem Punk-Rock-Netzwerk kommen. Die aber sehr wohl auf unsere Musik stehen könnten. Da muss man sich auch mit social media auseinandersetzen.
Wie wichtig ist für euch da ein lokaler Club wie das Triebwerk in Wiener Neustadt?
Manfred „Zock“ Herzog: Das kann ich mittlerweile schwer sagen, weil ich seit Jahren nicht mehr aktiv im Triebwerk involviert bin. Ich war zwischen dem 16. und 26. Lebensjahr durchgehend ehrenamtlich am Triebwerk beteiligt, habe dort viel Zeit verbracht und alle möglichen Jobs gemacht, auch Booking. Ich habe immer gesagt, dass das Triebwerk extrem wichtig ist. Das ist wohl auch jetzt noch so. Ich sehe, dass dort auch jetzt regelmäßig junge Bands aus der Region auf der Bühne stehen und das ist die Hauptaufgabe des Triebwerks. Ich würde also sagen, dass es genauso wichtig ist, wie es immer war. Oder es ist wichtiger als es jemals war, weil es immer weniger Alternativen gibt, ohne viel Geld in die Hand zu nehmen. Das ist für junge Bands ja oft nicht möglich.
Herzlichen Dank für das Interview.
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Live:
Sa 29.3.2025, Arena, Baumgasse 80, 1040 Wien, 20h
support: Lion Season
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Links:
Dirty Talons (bandcamp)
Dirty Talons (Facebook)
Noise Appeal