„EIN POLITISCHER SONG DARF NICHT KLINGEN, WIE EIN POLITISCHER SONG“ – ATTWENGER IM MICA-INTERVIEW

Vor kurzem haben HANS-PETER FALKNER und MARKUS BINDER von ATTWENGER mit „Drum“ ihr erstes Album seit 6 Jahren veröffentlicht. Zwischen „Spot“ und „Drum“ gab es eine Release-Tour und Lesungen, denn MARKUS BINDER hat im Jahr 2017 das Buch „Teilzeitrevue“ im Verbrecher-Verlag (Berlin) publiziert. Jürgen Plank hat mit MARKUS BINDER über politische Inhalte und schreibtechnische Kniffe bei ATTWENGER-Liedtexten gesprochen.

Wann hat die Arbeit am aktuellen Album begonnen?

Markus Binder: Im Juni 2018 ist es mit den Liedern für das neue Album losgegangen, mit dem Song „Leider“, der wollte am dringendsten gemacht werden. So haben wir seit Sommer 2018 an dem Album gearbeitet, parallel zu den Konzerten. Das Album war letztes Jahr im Sommer fertig gemischt und es wurden die ganzen Drucksorten gemacht.

Du hast den Song „Leider“ angesprochen, was war das Dringliche daran? Warum musste dieses Lied passieren?

Albumcover Drum
Albumcover “Drum”

Markus Binder: Es ist der politischste Song am Album. Nachdem wir immer eine Band waren, die sich politisch artikuliert hat, war für mich die Zeit wieder reif, einen dezidiert politischen Song zu machen. Sprich: eine aktuelle Einschätzung der politischen Lage vorzunehmen. Wie ich die Lage sehe. Wobei mir natürlich auffällt, dass ich seit den Anfängen von Attwenger, seit rund 30 Jahren, von einer Rechtstendenz in der Gesellschaft spreche. Diese Tendenz nach rechts kommt immer in einer anderen Form daher, mit anderen Begriffen. Es hat mich wieder interessiert, die aktuelle Situation zu artikulieren. Mich interessiert dabei immer: Wie klingt das? Denn ich finde: Ein politischer Song darf nicht klingen, wie ein politischer Song. Über uns wurde schon geschrieben, dass man zu unseren politischen Songs auch tanzen kann. Das finde ich gut verstanden, darum geht es. Es stellt sich immer die Frage, wie kann ich ernsthafte gesellschaftspolitische Inhalte groovig rüberbringen.

Wie kann man das deiner Meinung nach machen?

Markus Binder: Es ist wichtig, dass immer Humor und Gfeanztheit [Anm.: bedeutet so viel wie Gerissenheit] dabei ist. Der Song „Leider“ ist speziell, der fällt bei dem Album ziemlich heraus, weil da ein ganz reduziertes und ungefähr einhundert Jahre altes Sample dabei ist. Das ist ein drei- bis vierstimmiger Chor, aus den 1920er-Jahren, aus den U.S.A., der Chor singt immer nur „Mhm“, „Mhm“, das aber im Blues-Schema. Das hat mir gefallen: Auf so einen reduzierten Sound eine Melodie drüber zu legen. Und einen Text, der sich auch ständig verdichtet.

Die gesellschaftspolitischen Aspekte, etwa im Song „Leider“, hast du bereits angesprochen. Mir ist aufgefallen, dass sich wie ein roter Faden die Themen Wirtschaft, Business und Geld durchziehen. Ein Song heißt „Happinessbisness“ und in einem Liedtext kommen sogar ein Wort wie Aktien vor, das ist ganz selten in einem Liedtext zu finden. Warum waren diese Wirtschaftsaspekte Themen für dich?

Markus Binder: Was du da ansprichst, ist symptomatisch für eine gesellschaftliche Situation, in der das Prinzip Leistung über alles gestellt wird. Das heißt: Die soziale Frage, die Frage der Solidarität, der Zusammenarbeit, auch nach einer globalen Solidarität wird schon auch diskutiert. Aber ich glaube, der Businessaspekt ist augenscheinlich in den Vordergrund getreten. Darum kommt das auch immer wieder vor, auf dem Album werden einzelne Aspekte zu diesem Thema angesprochen. Im Song „A weng weniger“ wird die Konkurrenz-Gesellschaft, die Leistungsgesellschaft angesprochen. Rücksichtnahme ist nicht wirklich wichtig, die soziale Frage wird immer weiter zurückgedrängt. Prekäre Jobs werden immer mehr. Man hört kaum etwas darüber, wie die Gesellschaft mit der zunehmenden Automatisierung umgeht. Nicht alle Arbeitsplätze, die durch Automatisierung wegfallen, können durch andere aufgefangen werden. Es sind gesellschaftliche Umbrüche im Gang, zu denen sich soziale Fragen stark stellen. Von denen hört man aber leider nicht sehr viel, deswegen heißt der Song „Leider“.

Bild Attwenger
Attwenger (c) Foto: Hupfauer / Grafik: Wimmer

„Diese Platte ist ein Plädoyer für Entspannung und ein Umdenken“

Auf der anderen Seite der Leistungsgesellschaft stehen die Lieder „Kredit“ und „Schuidn“. Hängen die mit der aktuellen Corona-Krise zusammen, die ja auch eine Wirtschaftskrise ist?

Markus Binder: Naja, man hört ständig, dass sehr viel auf Pump angeschafft wird. In erster Linie ist das Kaufen wichtig und das Besitzen. Irgendwie wird man den Kredit dann schon wieder zurückzahlen. Mit Kredit ist auch unser Planet gemeint: Dass man auch die letzten Ressourcen noch ausreizt, obwohl eh schon alles zusammenkracht und der Meeresspiegel steigt und die Temperatur steigt. Trotzdem hat man den Eindruck, es wird mit Vollgas auf die Wand zugesteuert. „Schuidn“ endet mit dem Vorschlag, die Schulden zu erlassen. Das sind allegorische Geschichten, die ich da erzähle. Dazu fällt mir die Griechenland-Krise ein, da wurde Griechenland massiv unter Druck gesetzt, auch von Deutschland, mit Krediten mit immer höheren Zinsen und dadurch hatte Griechenland auf einmal so viele Schulden. Mir geht es darum zu sagen: Lasst es bleiben mit eurem Geld-Stress und eurem Leistungs-Stress. Wir leben eh schon in einer Burn-Out-Gesellschaft, in der eh keiner mehr kann, weil dieses Leistungsprinzip die Leute eh nur mehr fertig macht und die Ich AGs eh nur mehr einknicken. Diese Platte ist ein Plädoyer für Entspannung und ein Umdenken.

Wenn man die Liedtitel der Reihe nachliest, ergeben sich zum Teil neue Zusammenhänge, zum Beispiel: „Leider“ „Völlig wurscht“. Oder: „I mog“ „Olle de i kenn“. Wie kam das?

Markus Binder: Das kannst du bei den Alben von Attwenger immer wieder machen: aus den Titeln Kontexte bauen und Geschichten machen. In erster Linie geht es darum für jeden einzelnen Song einen guten Titel zu finden. Das ist gar nicht so leicht. Zweitens macht man die Reihenfolge nach Aspekten des Sounds und des Tempos und schaut darauf, dass da eine gute Abwechslung gegeben ist. Erst in einem dritten Punkt, stellt sich die Frage, ob die Titel in der Reihenfolge eine Art kleine Geschichte ergeben.

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 Bei den Songtexten ist mir aufgefallen, dass du oft die zentrale Botschaft bzw. die Pointe an den Schluss setzt und damit überrascht. Ist das ein schreibtechnischer Kniff, den du gerne einsetzt?

Markus Binder: Das ist sehr aufmerksam beobachtet. Mir ist aufgefallen, dass ich das auch in meinen Büchern mache: Dass eine Geschichte über eine Seite dahin geht, und noch eine Seite, wie lange auch immer, und am Ende kommt ein Satz, der die ganze Geschichte entkräftet oder wendet oder eine Pointe macht. Dieses Prinzip habe ich in der literarischen Arbeit im Vergleich zu den Attwenger-Texten noch extremer eingesetzt. Mir gefällt das deswegen, weil der Kontext des ganzen Stückes verändert wird. Damit sage ich: Es ist doch nicht alles genauso. Das habe ich vorhin mit Gfeanztheit gemeint. Das ist auch ein gewisser Humor, damit wird gezeigt, dass doch alles nur eine Geschichte ist, mit einem doppelten Boden.

„Mein Problem ist nicht die Schreibblockade, sondern die Flut“ 

Du schreibst neben Liedtexten auch literarische Texte. Kennst du Schreibblockaden und wie sind die bei dir ausgestaltet?

Markus Binder: Einfach nicht schreiben. [lacht] Seit das neue Album veröffentlicht wurde, habe ich überhaupt keinen Gedanken daran, Literatur zu schreiben. Das geht sich einfach im Kopf nicht aus, macht aber nichts. Ich bin sozusagen ein Lust-Schreiber, sowohl bei Attwenger als auch bei den Büchern. Wenn nichts geschrieben werden will, ist das auch in Ordnung. Mein Problem ist eher, dass ich immer zu viele Texte habe. Auch bei der neuen Platte: die letzte Platte „Spot“ hatte schon ziemlich viel Text, fand ich. Und die Texte muss man dann ja auch auswendig lernen. Ich wollte eigentlich weniger Text, „A weng weniger“, wie das Lied schon sagt. Und was war? Es ist exakt ein Drittel mehr Text als auf der letzten Platte. Mein Problem ist nicht die Schreibblockade, sondern die Flut.

Wie habt ihr das neue Album musikalisch eingerichtet? Es gibt auch ziemlich viel Elektronik und nicht alle Schlagzeug-Teile sind tatsächlich eingespielt, oder?

Markus Binder: Das Verhältnis ist ungefähr halb halb. Von fünfzehn Stücken sind sieben Stücke elektronisch gemacht, die haben nie ein klassisches Tonstudio mit Aufnahmeräumen gesehen. Die habe ich einfach am Laptop gemacht, natürlich habe ich da ein Mikrofon, das halbwegs gute Qualität hat, damit der Gesang gut rüberkommt. Aber insgesamt kann man sagen, dass die Hälfte rein elektronisch produziert wurde und für die andere Hälfte sind wir in ein Studio gegangen, denn ein Schlagzeug kann ich natürlich nicht im Wohnzimmer aufnehmen.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

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