Mit „California Salzburg“ (Seayou Records) melden sich Flirtmachine zwei Jahre nach dem fulminanten Album „Flirtmachine Forever“ so bunt und quirlig wie eh und je zurück. Die aktuell vierköpfige Band zeigt sich dabei sowohl gereift als auch weiterhin sympathisch verschroben und exaltiert neben der Spur. Vor allem bestechen die Songs aber auch diesmal wieder durch ihren sprudelnden Ideenreichtum – als Pop-Entwürfe jenseits stilistischer Dogmen. Für mica hat sich Didi Neidhart mit Flirtmachine-Mastermind Robert Gerstendorfer zum Interview getroffen.
Das neue Album heißt „California Salzburg“. Was verbindet Salzburg mit Kalifornien?
Robert Gerstendorfer: Erst einmal danke an mica für die Möglichkeit zum Interview! mica ist eine großartige Anlaufstelle für Musikschaffende aller Art und hat uns immer wieder geholfen, den Dschungel der Musikwelt etwas besser zu verstehen.
Zur Frage: Grundsätzlich gibt es nicht viele Parallelen – in beiden Orten fahren viele Teslas herum, was allerdings nicht unbedingt als verbindendes Element taugt. Aber sowohl Salzburg als auch Kalifornien kann man wunderbar hassen und lieben zugleich – das glauben wir zumindest. Das ist sicherlich eine Gemeinsamkeit.
Bleiben wir noch beim Thema „California”. Hier mal drei Grundsatzfragen:
Wüstengegend oder Strand und wieso?
Robert Gerstendorfer: Wir sind Strandkinder. „Spiaggia de la Flirtmachine“, so könnte ein nächstes Album von uns heißen.
San Francisco oder Los Angeles und wieso?
Robert Gerstendorfer: Italien.
Skaten oder Surfen und wieso?
Robert Gerstendorfer: Am Ende verbindet Longboarden beide Disziplinen. Ist wirklich so.
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Seit dem Vorgänger-Album „Flirtmachine Forever“ sind zwei Jahre vergangen. Was ist in der Zwischenzeit passiert?
Robert Gerstendorfer: Wir haben zu Halloween 2022 innerhalb von zwei Tagen einige Songs der neuen Platte herausgejammt, dann im Juli 2023 die fertigen Arrangements live im Studio eingespielt und bis August 2024 die elf Songs fertig produziert.
Persönlich kann ich von mir sagen, dass ich in diesen zwei Jahren eine komplizierte Fernbeziehung hinter mir hatte – ein Thema, das sich auch in den Songs „Big Decision“, „Back in Summer“ und „You and Me“ widerspiegelt.
„Wir wollten tatsächlich mit ‚California Salzburg’ mal zeigen, was wir auch soundtechnisch so erreichen wollen.“
Seid ihr jetzt mehr eine Band als früher, wo es doch oft wechselnde Besetzungen und wenige fixe Mitglieder gab?
Robert Gerstendorfer: Um das Gerüst von Flirtmachine vielleicht etwas zu erklären: Mit 18 habe ich angefangen, Songs zu schreiben. Ich wollte sie mit ein paar Schulfreunden auch mal live spielen, aber das ging nicht über zwei bis drei Proben hinaus. Ein Jahr später habe ich dann das erste Flirtmachine-Album „Prime Time“ online veröffentlicht und erneut versucht, eine Liveband zusammenzustellen. Das war im Februar 2020 – eine Woche vor dem Lockdown – mit der jetzigen Besetzung: Arthur, Simon und Camillo. Das hat super funktioniert, und während Corona habe ich weiter Songs allein geschrieben und produziert. Im Oktober 2022 haben wir dann entschieden, dass die gesamte Band am neuen Album mitarbeitet und viel stärker in den kreativen Prozess eingebunden ist. Voilà – here we are!
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Ihr lebt inzwischen in Salzburg, Linz und Wien. Wie wirkt sich das auf das Bandleben, das Songwriting, die Proben usw. aus?
Robert Gerstendorfer: Das hat Vor- und Nachteile! Wir kommen nicht so oft alle an einem Ort zusammen, aber wenn doch, versuchen wir, diese Zeit möglichst produktiv zu nutzen. Andererseits sind wir in Salzburg, Linz und Wien gut mit Kontakten und Proberäumen aufgestellt. Drei von uns haben ein Klimaticket, sind viel unterwegs und erledigen dabei einiges am Laptop. Der Song „Been in the Train“ ist also durchaus wörtlich gemeint!
Trotz des trashig-provisorischen Lo-Fi-Charms des Covers klingen die meisten Songs diesmal kompakter und weniger ausgefranst als früher. Wie kam es dazu – oder täuscht mein Eindruck?
Robert Gerstendorfer: Wir wollten mit „California Salzburg“ zeigen, wohin wir soundtechnisch wollen. Es ist also keine reine Home-Produktion mehr, auch wenn sie noch eine große Rolle spielt. Gleichzeitig ist das Live-Feeling in fast allen Tracks präsent, weil wir die Songs tatsächlich live eingespielt haben – das war uns wichtig. Außerdem haben wir für das Mixing und Mastering externe Leute ins Boot geholt. Es war ein schöner Prozess, unsere Songs in verschiedene Hände zu übergeben – und trotzdem klingt es am Ende sehr nach uns.
Bei euch klangen immer wieder The Cure durch. Beim aktuellen Songwriting scheint sich das jedoch etwas verschoben zu haben. Been in the Train erinnert eher an Primal Scream, „Once Again“ geht in Richtung 1980s Mutant Disco, Rap und David Bowie-Funk – aber mit einem modernen, zeitgemäßen Ansatz. Seid ihr jetzt endgültig in den 80s angekommen?
Robert Gerstendorfer: Das sind schöne Vergleiche, danke! Vor allem durch Arthur und Simon gibt es sicherlich einen starken 1980s-Funkrock-Einfluss, den ich selbst auch sehr mag. Camillo ergänzt das an den Drums perfekt. Wir haben allerdings keine bestimmte Ära als Referenz gewählt – die Songs sind ganz intuitiv entstanden.
Funk scheint diesmal eine noch größere Rolle bei euch zu spielen – vielleicht so prominent wie nie zuvor. Aber was versteht ihr eigentlich darunter?
Robert Gerstendorfer: Ja, es gibt definitiv funky Momente auf dem Album. Funk ist ein höchst ehrwürdiges Genre, und es macht immer wieder Spaß, in alten 1970s/1980s-Funk einzutauchen und die Seriosität des Lebens kurz beiseitezulassen. Für uns ist Funk ein extrem cooles Musikgenre und ein wichtiges Movement jener Zeit, geprägt von großartigen Musiker:innen.
Ihr unterteilt das Album ja quasi in zwei Teile. Die ersten vier Tracks (gemischt von Sam Irl in Wien) lassen noch „Guitarswag durchblitzen“, während sich der Rest (gemischt von Liam ‘Snowy’ Halliwell) eher „nostalgischen Coming-of-Age-Vibes und soften Indierock-Träumen“ verschreibt. Wie kam es dazu?
Robert Gerstendorfer: Ja, so ungefähr kann man das sagen. Wobei auch auf Side B Songs wie „Jazz Track Number 2“ und „Hey Now!“ noch einmal Gitarrenswag durchblitzen lassen. Am Ende hat Arthur die Tracklist zusammengestellt – und so ist es jetzt geschehen! Wir sind immer noch auf der Suche nach einer klaren Definition für unseren Sound, und dieses Album ist Teil dieses Prozesses. Es zeigt, in welche Richtungen sich die Band bewegen kann.
„Wir haben keine spezifische Ära ausgewählt, nach der wir klingen wollen.“
Eine Nummer aus dem zweiten Teil heißt „Jazz Track Number 2“, erinnert aber eher an 1990s-Indie-Rock à la Pavement. Was hat es mit dem Titel auf sich?
Robert Gerstendorfer: Den Song habe ich geschrieben, und darin werden ein paar Jazz-Akkorde ziemlich wild aneinandergereiht. Am Ende klingt es dann halt doch wieder nach Pavement – so schnell kann es gehen. Es gibt übrigens auch einen „Jazz Track Number 1“, der aber noch nicht veröffentlicht wurde. Manchmal ist es auch gut, mit der zweiten Wahl anzufangen.
Bei „Hey Now!“ gibt es deutsche Lyrics und ein Wiederhören mit der „alten“ Verspieltheit (bzw. Verspultheit) von Flirtmachine – aber gleichzeitig auch mit einer neuen Straightness. Könnte man sagen, dass „California Salzburg“ generell eine Art Zwischenzustand einfängt, in dem ältere und neuere Elemente zusammengeführt werden, um zu sehen, was daraus entsteht?
Robert Gerstendorfer: Ja, genau! „Hey Now!“ und „Fukah!“ sind zwei Homeproduktionen, die es aufs Album geschafft haben. Witzigerweise war „Hey Now!“ der erste Flirtmachine-Track, den wir 2020 an einem Nachmittag gemeinsam geschrieben haben. Wir wollten uns soundtechnisch viel erlauben, und bei diesen beiden Songs fanden wir die Originaldemos letztlich cooler als die späteren Studioaufnahmen.
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Mit Sam Irl und Liam ‘Snowy’ Halliwell habt ihr für das Mixing gleich zwei unterschiedliche Leute ins Boot geholt. Wie kam es dazu?
Robert Gerstendorfer: Tatsächlich haben nicht nur die beiden gemixt – drei Tracks haben wir auch selbst gemischt. Snowy habe ich früh per Mail kontaktiert, weil ich ihn über die international erfolgreiche Indieband „Good Morning“ kannte, bei der er in den Mastering-Credits aufgeführt war. Er mixt aber auch – und für die ruhigeren Songs war sein Mixing-Ansatz genau das, was wir gesucht haben. Danke, Snowy!
Bei den ersten vier Tracks wussten wir, dass Sam Irl genau der Richtige ist, um sich tief in den Sound hineinzufuchsen. Er hat extrem viel zur klanglichen Ausgestaltung beigetragen – diese Songs hätten ohne ihn nie so funktioniert.
„Wir sind noch immer auf der Suche danach, was uns am besten definiert.“
Für das Tape-Mastering habt ihr euch mit Fred Kevorkian aus Brooklyn/New York einen Soundengineer ins Boot geholt, den viele von seinen Arbeiten mit The White Stripes, Maroon 5, Sonny Rollins, Iggy Pop, The National oder Billy Cobham kennen. Wie kam es dazu, ihn zu kontaktieren, und wie hat die Zusammenarbeit funktioniert?
Robert Gerstendorfer: Bald muss er Flirtmachine auf seine Reference-List setzen! Die Zusammenarbeit mit Fred war großartig. Das lief ebenfalls über die Band Good Morning – er hat ihre letzten zwei Alben gemastert, die ich rauf und runter höre. Sein Name fiel mir in den Credits auf, weil er armenischer Herkunft ist – und da Arthur und ich Brüder sind und unsere Mutter aus Armenien stammt, haben wir ihm eine nette Mail auf halb-armenisch geschrieben und gefragt, was er für ein Mastering verlangen würde.
Zu unserer Überraschung war sein Preis für jemanden mit seiner Expertise durchaus leistbar, also wollten wir einen sinnvollen Teil des Album-Budgets genau dort investieren. Wir haben alles per Mail geklärt, und es gab absolut nichts auszusetzen – Fred ist ein echter Profi. Wir hoffen, ihn eines Tages in Brooklyn zu besuchen und mit ihm armenischen Cognac zu trinken!
Mit „California“ verbindet man gemeinhin eine gewisse Lockerheit und Entspanntheit – das lange Echo der Beach Boys, eine ozeanische Zeitlosigkeit und auch das ziellose Herumfahren. Würdet ihr angesichts der Brände in Los Angeles und der aktuellen Entwicklungen in den USA das Album heute anders angehen? Oder geht es euch eher um den (Pop-)Mythos California?
Robert Gerstendorfer: Die USA sind ein extrem kontroverses Land, und ich möchte hier nicht im Detail ausführen, was wir generell von den Großmächten halten – meistens nichts Gutes. Aber California ist einfach ein spannendes Wort in der Popkultur und taucht immer wieder in Albumtiteln auf – jetzt eben auch bei uns.
Habt ihr für die Album-Produktion irgendwelche Förderungen erhalten?
Robert Gerstendorfer: Ja, wir konnten alles über den 2023 erhaltenen Heimo-Erbse-Preis sowie zwei Tonträger-Förderungen der Stadt Salzburg finanzieren.
Wird es eine Tour geben? Und wie sieht die Zukunft von Flirtmachine aus?
Robert Gerstendorfer: Als Erstes spielen wir ein super wichtiges Release-Konzert am 12. April im Jazzit Salzburg – bitte kommt alle vorbei! Außerdem stehen Shows in Wien, Linz und Innsbruck an – und hoffentlich noch mehr. Book us!
Danke für das Interview!
Didi Neidhart
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Flirtmachine Tour-Dates:
09.04.2025: 25h Hotel Wien
12.04.2025: Jazzit Salzburg
25.04.2025: Treibhaus Innsbruck
02.05.2025: STWST Linz
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Seayou Records