Was macht ein gutes Musikmanagement aus? Wie begleitet man Künstler:innen über Jahre hinweg erfolgreich durch Höhen und Tiefen? Und warum ist Vertrauen die wichtigste Grundlage für eine langfristige Zusammenarbeit? In diesem Gespräch mit Dominik Beyer von mica – music austria gibt Elias Oldofredi (EZEKIEL MANAGEMENT, VILLA LALA) spannende Einblicke in die Welt des Musikbusiness und teilt seine Erfahrungen aus über einem Jahrzehnt in der Branche. Von seinem ungeplanten Einstieg als Manager seines Bruders (bekannt unter dem Künstlernamen Filous) über internationale Erfolge bis hin zur strategischen Künstler:innenentwicklung – Elias spricht offen über die Herausforderungen, Fehler und Lernprozesse, die ihn geprägt haben. Dabei wird schnell klar: Musikmanagement ist weit mehr als nur E-Mails schreiben und Verträge verhandeln. Es ist eine intensive, oft jahrelange Begleitung, in der neben musikalischem Talent auch zwischenmenschliche Chemie eine entscheidende Rolle spielt.
Die meisten kennen dich nur indirekt über deine erfolgreichen Projekte – sei es deine Firma Ezekiel Management oder die Villa Lala. Mit deiner Person oder Meinung hast du dich bisher aus der Öffentlichkeit herausgehalten. Umso spannender ist es, dich heute hier als Gast begrüßen zu dürfen. Vielleicht kannst du uns gleich ein wenig über deinen Einstieg in die Musikbranche erzählen? Was hat dich dazu bewogen, als Musikmanager anzufangen?
Elias Oldofredi: Vielen Dank für die Einladung und fürs Kommen! Ich muss zugeben, dass ich eine Nacht darüber schlafen musste, bevor ich zugesagt habe. Solche Gespräche sind für mich immer eine kleine Überwindung – aber ich freue mich sehr, hier zu sein.
Zu deiner Frage: Mein Einstieg ins Musikmanagement war eigentlich ungeplant. Ich bin mit 20 in die Selbstständigkeit gestolpert, weil mich ältere Freunde in diese Richtung geschubst haben. Wir haben damals Veranstaltungen in Wien organisiert und unter anderem Robin Schulz in die alte Pratersauna gebucht. Die Party war ein voller Erfolg, und wir haben gemerkt, dass diese Musikrichtung offenbar relevant ist.
Mein jüngerer Bruder, der unter dem Künstlernamen Filous bekannt ist, machte bereits Musik. Aber inspiriert durch mein Umfeld im Veranstaltungsbereich produzierte er damals einen Bootleg-Remix im Melodic-House-Stil, der auf SoundCloud viral ging – noch vor TikTok oder Instagram. Plötzlich interessierte sich die Musikindustrie für ihn.
Ich, als großer Bruder, wollte ihn beschützen und habe zuerst alle Angebote abgelehnt. Doch dann kam ein amerikanisches Co-Management ins Spiel – mit dem Manager von Steve Aoki und dem Manager von Porter Robinson. Wir sind vier Jahre lang zwischen Simmering und den USA gependelt, saßen dort regelmäßig an großen Marmortischen und redeten über Dinge, von denen wir damals noch nicht wirklich Ahnung hatten. Wir hatten zwar ein Arbeitsvisum, aber ich musste auch regelmäßig mit der Direktorin meines gerade mal 16-jährigen schulpflichtigen Bruders sprechen, um ihn für diese Reisen freizustellen.
Das war meine erste große Sozialisierung in der Musikindustrie. Es war eine intensive Zeit, aber ich bin sehr dankbar dafür. Die Lernkurve war steil, und irgendwann entstand daraus meine Managementagentur – das ist mittlerweile zwölf Jahre her.
Das klingt nach einem wilden Einstieg! Du hast also das Management übernommen, weil es in der Familie jemand tun musste?
Elias Oldofredi: Ja, es war eine Mischung aus Beschützerinstinkt und jugendlicher Naivität. Mit Anfang 20 denkt man nicht lange nach – man macht einfach. Das kann, abgesehen von den Risiken und Herausforderungen, auch ein Geschenk sein. Ich habe das Gefühl, je älter man wird, desto ängstlicher wird man und schränkt sich durch selbstlimitierende Gedanken ein.
Dass Management meine Profession ist, wurde mir klar, als ich meinen zweiten Künstler betreute – etwa drei bis vier Jahre nach dem Start mit Filous. Damals arbeiteten wir mit einem befreundeten DJ aus Tirol, der schon seit Jahren als Hobby-Musiker aktiv war, aber hauptberuflich im Service arbeitete.
Der erste Song, den wir veröffentlichten, landete direkt in der höchsten Rotationsstufe bei BBC Radio 1. Das war ein lebensverändernder Moment für ihn – und für mich. In diesem Augenblick wurde mir klar: Jetzt bin ich Artist Manager. Rückblickend muss ich sagen: Damals war ich vieles – aber noch kein richtiger Artist Manager. (alle lachen) Und ich dachte mir noch: Das ist ja leicht! Weil beide Projekte von der ersten Sekunde an einfach durchgestartet sind.
„Einer der Agenten hatte einen bestätigten Coachella-Slot für meinen Bruder – obwohl er noch nie live gespielt hatte!”
Wie hast du damals das Business erlebt, im Vergleich zu deiner jetzigen Wahrnehmung?
Elias Oldofredi: Mein erster Eindruck war sozusagen die LA-Variante – und die war absurd. Vielleicht dazu eine kurze Geschichte: Als wir in die USA kamen, wurden uns sofort verschiedene Anwälte vorgestellt. Nach ein paar Calls mussten wir uns für einen entscheiden. Danach ging es um die Wahl einer Booking-Agentur. Dafür wurden wir in riesige Meetingräume gebracht, in denen gefühlt hundert Leute saßen. Einer der Agenten hatte bereits einen bestätigten Coachella-Slot für meinen Bruder – obwohl er noch nie live gespielt hatte! Nach und nach überboten sich die Agenten gegenseitig mit Angeboten. Einer zog Kunst im Wert von fast 50.000 € aus dem Kofferraum seines Maserati und meinte nur: „Ich mag euch.“ Der andere wollte uns mit NBA-Tickets im Staples Center locken.
Die Amerikaner:innen denken und handeln in ganz anderen Dimensionen. Es war eine verrückte Zeit, und ich habe erst später wirklich begriffen, wie riskant dieses System ist. Einen Künstler:in ohne Bühnenerfahrung sofort auf die größten Festivals zu schicken, ist keine nachhaltige Entwicklung – sondern eine Art Glücksspiel. Letztlich zahlt oft der Künstler:in die Rechnung für solche Hochrisiko-Strategien. Da schwingt bei mir bis heute Wehmut mit, weil ich weiß, wie belastend diese Zeit für meinen Bruder gewesen sein muss.
Du bist also bewusst in Österreich geblieben, weil dir das alles zu schnell ging?
Elias Oldofredi: Ja, wir haben zwar viel in den USA gearbeitet, uns aber nie vollständig von Österreich gelöst. Es war mir wichtig, auf dem Boden zu bleiben und nicht blind in das amerikanische System hineinzufallen. Ehrlich gesagt, ist nicht alles so aufgegangen, wie ursprünglich spekuliert wurde.
Viele glauben, dass erfolgreiche Künstler:innen über Nacht berühmt werden. Wie siehst du das?
Elias Oldofredi: Der Eindruck entsteht oft, weil die Anfangszeit keine Strahlkraft hat. Die harte Arbeit hinter den Kulissen sieht niemand. Ein gutes Beispiel ist Florence Arman. Ihr Projekt war keines, das mit dem ersten Song viral ging. Da haben wir über drei bis vier Jahre wirklich Artist Development betrieben. Auch Bibiza ist ein gutes Beispiel. Viele denken, er wäre plötzlich da gewesen. Aber er hat jahrelang Musik gemacht, Mixtapes veröffentlicht und live gespielt, bevor er entdeckt wurde. Erst als er mit dem Produzenten Johannes Madl zusammenarbeitete, fand er seinen neuen Sound – ein wichtiger Wendepunkt.
Oft fragen mich junge Artists in meinen Beratungen, ob sie schon ein Management brauchen. Ich sage ihnen dann immer: „Das Management findet dich.“ Konzentrier dich auf die Musik. Sobald du deinen eigenen Weg gefunden hast, wird deine Musik die Menschen berühren – vieles entwickelt sich dann ganz von selbst. Kannst du dieser Aussage etwas abgewinnen?
Elias Oldofredi: Ja, gewissermaßen schon. Die meisten Manager:innen, die ich kenne, haben aus Freundschaft oder Zufall mit Künstler:innen zusammengearbeitet. Der Einstieg ist schwierig, weil es keine klassische Ausbildung dafür gibt. Management bedeutet weit mehr als nur Verträge verhandeln – es ist ein People’s Business. Ein:e Manager:in ist oft eine der wenigen Konstanten im Leben eines Künstlers oder einer Künstlerin. Gerade am Anfang ist alles neu und undurchsichtig. Meine Oma versteht bis heute nicht, was ich eigentlich arbeite. Villa Lala war in dieser Hinsicht hilfreich – das ist greifbarer.
„Im Idealfall musst du da überall Experte sein.”
Was war für dich der größte Faktor für deinen Erfolg als Manager?
Elias Oldofredi: Neben Erfahrung ist es definitiv das Netzwerk. Beziehungen sind in der Branche enorm wichtig. Aber das Allerwichtigste sind Talent und Kunst – ich bin sehr dankbar, mit so großartigen Artists arbeiten zu dürfen. Am Anfang geht es oft darum, einfach alles zu tun, was nötig ist – vom Erstellen von Artworks in Photoshop bis hin zum Schreiben von Förderanträgen. Eine gute Manager:in nimmt dem Künstler:in so viel wie möglich ab, damit dieser sich voll und ganz auf die Musik konzentrieren kann.
Für einen erfolgreichen Artist arbeiten oft ein Record Label, ein Verlag, eine:n Musikanwalt:in, eine PR-Crew, eine Booking-Agentur und eine Live-Crew mit 10 bis 15 Personen zusammen. In Summe sind das schnell 30 bis 40 Personen. Und all diese Bereiche laufen letztlich über das Management. Im Idealfall musst du in jedem dieser Bereiche ein gewisses Expert:innenwissen haben. Zu Beginn liegt der Fokus meist auf Shows und Veröffentlichungen – mit der Zeit lernt man dann immer mehr dazu.
Woher hast du dein Know-how bekommen, abseits von Learning by Doing?
Elias Oldofredi: Ich hatte echtes Mentorship. Der Manager von Steve Aoki hat sich damals regelmäßig Zeit genommen, mir vieles zu erklären. Dafür bedanke ich mich bis heute einmal im Jahr mit einer Nachricht. Und später habe ich mir dann – wie gesagt – alles durch praktische Erfahrung angeeignet.
Bist du dabei auch viel auf die Nase geflogen?
Elias Oldofredi: Natürlich laufend. Das gehört auch dazu. Nur wenn man seine Komfortzone verlässt, lernt man etwas dazu.
Der Umkehrschluss besagt, dass du wohl immer sehr mutig gewesen bist.
Elias Oldofredi: Ja, den Punkt kann ich mir sogar als sehr selbstkritischer Mensch bedenkenlos geben.
Vielleicht können wir unterschiedliche Arten von Management anhand eures Konstrukts erläutern. Du teilst dir ja das Management von Bibiza mit deinem Kollegen Richi Petz auf.
Elias Oldofredi: Legende!
„Was notwendig ist, wird gemacht. Und wenn du es nicht kannst, bringst du es dir bei. Das ist schon die Essenz.”
Wie kann man sich so eine Zusammenarbeit vorstellen?
Elias Oldofredi: Das ist ein sogenanntes Co-Management-Konstrukt – ein Modell, das ich sehr schätze und das mir schon die Amerikaner vorgelebt haben. In Österreich ist das allerdings eher unüblich. Grundsätzlich teilt man sich die 20 % Management-Kommission im Verhältnis 50/50. Zu zweit ist man einfach stärker.
Richi Petz ist Booker und Veranstalter mit seiner Firma Cute Concerts und hat Franz (Anmerkung: Bibiza) sehr früh entdeckt und unterstützt. So ist er nach und nach ins Management reingerutscht – auf ausdrücklichen Wunsch von Franz. Aus Respekt vor der Aufgabe und auch aus einem gewissen Maß an Selbstlosigkeit hat er mich ins Boot geholt.
Mein Part ist das strategische Management. Eine meiner größten Stärken ist mit Sicherheit mein Netzwerk. Es gibt nur eine Handvoll A&Rs in Deutschland, mit denen ich seit über zehn Jahren in Kontakt stehe. Solche Beziehungen sind enorm wertvoll, wenn es um Plattenverträge, Verlagsverträge und ähnliche Themen geht. Wie bereits erwähnt, ist das Musikgeschäft ein absolutes People’s Business.
Aber zum Management gehört auch einfach, dem Artist zur Seite zu stehen – seinen Traum gemeinsam zu verfolgen und den Weg dahin gangbar zu machen. Egal, was anfällt: Förderanträge, Artworks, Shooting-Organisation … Jeder Manager, den ich kenne, beherrscht Photoshop. Was notwendig ist, wird gemacht. Und wenn du es nicht kannst, bringst du es dir eben bei. Das ist die Essenz dieses Berufs.
Sonst verläuft man sich als Artist?
Elias Oldofredi: Ja, manchmal kommt man gar nicht erst ins Laufen, weil es einfach zu viel ist oder der Rucksack zu schwer wird. Inzwischen ist es deutlich einfacher, weil mehr Expertise vorhanden ist und Beratung eine größere Rolle spielt.
Ein großer Teil meiner Arbeit besteht aus Education. Wenn ich mit jungen Künstler:innen beginne, erkläre ich ihnen erst einmal grundlegende Begriffe: Was ist Urheberrecht? Was sind Produzenten-Deals? Was macht ein Produzent? Was bedeutet Songwriting? Was ist ein Bandübernahmevertrag oder ein Vertriebsdeal? Wie funktionieren Booking-Agenturen? Es geht also viel um Wissensvermittlung.
Mir ist es wichtig, meinen Managementstil als Dienstleistung zu verstehen – ohne eigene Agenda oder Ego. Mein Ansatz ist es, beratend zu agieren, ohne Entscheidungen für die Künstler:innen zu treffen.
Ich versuche, die Künstler:innen zu empowern, denn letztendlich sind sie die treibende Kraft. Sie sind die Chef:innen, tragen das größte Risiko und sind das Gesicht ihrer Marke. Sie erhalten ihr Geld oft als Letzte, nachdem alle anderen bereits bezahlt wurden. Deshalb sollte ihre Agenda immer kompromisslos im Vordergrund stehen – und genau darin sehe ich meine Aufgabe.
„Ich investiere oft ein Jahr in den Aufbau von Vertrauen, bevor ich sage: “Lass uns das gemeinsam angehen.””
Aber ist es nicht so, dass Meinungen genau an dieser Stelle oft auseinandergehen? Musik ist ja etwas sehr Individuelles und im positiven Sinne Selbstverliebtes. Ein Management ist von Natur aus eher dienstleistungsorientiert und muss auch darauf achten, dass es wirtschaftlich funktioniert. Dabei hat man sicherlich eine ganz andere, wenn nicht sogar gegensätzliche, Sichtweise auf die Dinge. Gibt es nicht oft Momente, in denen du sagen musst: „Mach es doch mal so, wenn du möchtest, dass deine Musik ankommt“?
Elias Oldofredi: Die meisten Künstler:innen, mit denen ich gearbeitet habe, sind extrem selbstkritisch und unsicher. Sie machen sich selbst den größten Druck. Wir alle tun das doch, oder? Künstler:innen brauchen Unterstützung, nicht zusätzlichen Druck. Ich versuche, sensibel mit Künstler:innen umzugehen und sie zu bestärken, statt sie zu verunsichern.
Ein entscheidender Punkt ist für mich die Anbahnungsphase vor der Zusammenarbeit. Ich investiere oft ein Jahr in den Aufbau von Vertrauen, bevor ich sage: „Lass uns das gemeinsam angehen.“
Eine Management-Beziehung ist sehr intensiv, man bringt eine neue Energie in das Leben des anderen. Daher ist es essenziell, dass es passt. Vertrauen braucht Zeit, und ich muss auch verstehen, wie der Mensch hinter der Kunst funktioniert, bevor ich mit ihm arbeite.
Ein gutes Beispiel ist Bibiza. Anfangs war ich tatsächlich gar nicht sicher, wie Richi ihn mir vorgestellt hatte. Aber nachdem wir uns mehrmals getroffen hatten und er mir stundenlang seine Gedanken und Gefühle schilderte, wusste ich sofort, dass ich mit ihm arbeiten möchte. Selbstreflexion und Empathie sind für mich entscheidend, weil ich eine langfristige Zusammenarbeit anstrebe. Und in keiner Beziehung ist immer alles wunderbar. Da möchte ich schon das Gefühl haben, auch in Konfliktsituationen das Vertrauen nicht zu verlieren.
„Wenn man von Anfang an für eine:n Künstler:in alles übernimmt, entsteht eine Abhängigkeit, die für eine nachhaltige Zusammenarbeit auf Augenhöhe niemals gesund ist.“
Wenn man dein Roster betrachtet, scheint vieles, was du anfasst, erfolgreich zu werden. Hattest du auch Fälle, bei denen du viel investiert hast, es aber einfach nicht funktioniert hat?
Elias Oldofredi: Natürlich, und das ist extrem schmerzhaft. Ein Künstler, mit dem ich früh zusammengearbeitet habe, wurde schnell erfolgreich und hat mir dann gekündigt. Er meinte, er könne seine E-Mails auch selbst schreiben. Da war dann sehr klar, dass das zwischenmenschlich kein guter Fit war. Durch diese Erfahrungen habe ich viel gelernt – unter anderem, dass es wichtig ist, Raum zu geben und nicht alles abzunehmen. Wenn man für einen Künstler:in von Anfang an alles macht, entsteht eine Abhängigkeit, die für eine nachhaltige Zusammenarbeit auf Augenhöhe nie gesund ist.
Du sagst, dass du inzwischen gezielt auswählst, mit wem du arbeitest. Was sind deine Kriterien?
Elias Oldofredi: Es geht nicht nur um die Musik oder das Projekt, sondern vor allem um den Menschen dahinter. Passen wir zueinander? Sprechen wir dieselbe Sprache? Wenn mein Telefon klingelt, möchte ich mit einem guten Gefühl abheben und nicht denken: „Oh nein, nicht die/der schon wieder.“ Früher habe ich viele Entscheidungen aus Opportunismus getroffen, heute bin ich selektiver. Natürlich trifft man manchmal Entscheidungen aus finanziellen Gründen. Aber mittlerweile erlaube ich es mir sehr genau auszusuchen, mit wem ich arbeite, und das macht einen riesigen Unterschied.
Publikumsfrage: Hast du den Eindruck, dass dein Management-Stil eine Ausnahme ist? Viele Künstler:innen erzählen, dass sie von ihren Manager:innen umgekrempelt werden, statt Unterstützung zu erfahren.
Elias Oldofredi: Gerade in Österreich gibt es noch alte Strukturen. Ich erinnere mich an ein Konzert mit Julian le Play, den ich zwei Jahre lang gemanagt habe. Dort wurde ich als Manager höhergestellt als der Künstler selbst. Das hat mir gezeigt, dass in manchen Köpfen das alte Machtgefälle zwischen Künstler:innen und Manager:innen noch existiert.
Früher brauchte man ein Label und ein Management, weil die Produktionskosten und demnach auch das Risiko viel höher waren. Heute ist die Musikproduktion viel zugänglicher, aber es gibt immer noch Manager:innen, die aus diesem alten Machtdenken herausarbeiten.
„Ich arbeite am liebsten mit Künstler:innen, die eine eigene Vision haben.”
Gibt es Künstler:innen, die du absichtlich nicht managen würdest?
Elias Oldofredi: Ja, wenn ich das Gefühl habe, dass jemand nicht langfristig denkt oder nicht reflektiert ist. Ich arbeite am liebsten mit Künstler:innen, die eine eigene Vision haben. Und diese Entscheidung ist nie eine einseitige – eine Zusammenarbeit im Management ist ein gemeinsames Commitment. Ich mische mich selten in die Musik ein – und wenn, dann nur, wenn der Künstler mein Feedback ausdrücklich möchte. Künstler:innen investieren Monate oder Jahre in ihre Songs, und es wäre respektlos, sich einfach über ihr Werk zu stellen.
Andere sind in erster Linie gute Sänger:innen und Performer:innen. Die brauchen dann dahingehend auch eine starke Meinung von außen, weil es nicht intrinsisch kommt. Das gibt es in meinem Roster aber nicht. Das ist für mich auch nicht nachhaltig.
Was würdest du jungen Menschen raten, die sich für einen Job als Manager:in interessieren?
Elias Oldofredi: Ich würde ihnen raten, selbst aktiv zu werden. Viele meiner Kolleg:innen sind ins Management gerutscht, weil sie es einfach gemacht haben. Es gibt keine perfekte Ausbildung dafür. Man wächst in die Rolle hinein.
Du hast aber vorhin auch zugegeben, dass dein Hebel schon mitunter dein Netzwerk ist. Besteht ohne diese Kontakte nicht auch die Gefahr, dass man sich verheizt? Man macht alles, kann alles und verdient dabei so gut wie kein Geld. Lernt man diese Kontakte überhaupt auf kleineren Festivals kennen, wo man dann auch droht, stecken zu bleiben? Führt der Weg ins Business nicht besser über eine Phase der Anstellung und Ausbildung bei einem Major Label?
Elias Oldofredi: Ich spüre dieses Gefühl der Ohnmacht schon auch, sich für diesen Karriereweg zu entscheiden. Aber dann passiert es eben auch nicht. Die, die es schaffen, lassen sich eben nicht erschlagen und machen einfach.
Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass die Luft irgendwann raus ist. Dann hat man es zumindest versucht.
Ein Freund ist der Tour-Manager von Kaffkiez. Zuvor war er Roadie bei einer anderen Band und hat bei unzähligen Shows freiwillig Cases geschleppt. Das ist schon der Charaktertyp, der sich in der Musikindustrie sehr oft wiederfindet. Ich arbeite auch oft für manche Acts zwei bis drei Jahre, ohne einen Cent zu verdienen.
Palastic ist ein Producer-Duo aus meinem Roster. Einer ist Architekt, der andere Raketenwissenschaftler. Beide wollten nie abhängig sein von der Musik und haben Musik jahrelang sehr unaufgeregt nebenbei produziert. Im letzten Jahr alleine haben sie 150 Millionen Streams geschafft. Solche Geschichten gibt es zuhauf.
Apropos Streaming. Wieso stellen eigentlich so gut wie alle Künstler:innen ihr komplettes Oeuvre auf Streaming-Portalen zur permanenten Verfügung? Dass man sich diesem Markt nicht mehr komplett entziehen kann, ist klar. Wer dort nicht präsent ist, existiert heutzutage nicht. Aber wäre es nicht auch marktwirtschaftlich logisch, dort beispielsweise nur mit den Singles zu erscheinen – um in Playlisten eine neue Hörerschaft zu gewinnen – die restlichen Album-Tracks dann aber nur gegen weitere Bezahlung anzubieten?
Elias Oldofredi: Finde ich interessant.
Aber es macht keiner.
Elias Oldofredi: Es erfordert Mut, einen anderen Weg zu gehen. Der Mainstream suggeriert, dass Spotify der Weg zum Erfolg ist, und die meisten folgen diesem Trend. Ich habe das jedoch ehrlich gesagt noch nicht in Erwägung gezogen. Aber ich muss zugeben, dass es gegen den Strom zu schwimmen, immer auch eine gute Marketingstrategie sein kann.
So außergewöhnlich finde ich das gar nicht. Eigentlich ist es doch überall so, dass man mit Gratisangeboten gelockt wird, um neue Kunden zu gewinnen. Wenn dann jemand den ganzen Kuchen will, muss er natürlich bezahlen – nur nicht in der Musikindustrie. Besser gesagt, nicht mehr. Denn eigentlich weiß man ja, dass die Bereitschaft, Platten zu kaufen, grundsätzlich da wäre. Oder fällt dir ein Nachteil ein?
Elias Oldofredi: Nein, solange es eine Strategie ist, die nicht von Zynismus getrieben ist, warum nicht. Über Streaming könnte man ewig philosophieren.
Ein Beispiel ist Bibiza: Die “Wiener Schickeria”-Kampagne hatte keinen großen Playlisten-Support, kaum Radio (außer Fm4) und sehr wenig PR – und trotzdem wurde die Kampagne ein Riesenerfolg. Das zeigt, dass es auch ohne Streaming-Hits funktionieren kann. Der Fokus lag auf der Musik, den Videos und einer starken Live-Show.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.
Das klingt nach einem nachhaltigeren Weg.
Elias Oldofredi: Absolut. Unabhängig von Streaming-Plattformen zu sein und Fans direkt zu erreichen, ist das Beste, was einer Künstlerin oder einem Künstler passieren kann. Das Streaming-Geschäft ist auch so schwer zu beeinflussen.
Auch nicht mit guten Kontakten?
Elias Oldofredi: Mein Roster hat insgesamt eine Milliarde Streams. Ich habe aber noch nie einen direkten Kontakt zu Spotify gepflegt.
Auch, weil es dich nicht interessiert hat?
Elias Oldofredi: Naja, ehrlicherweise hätte ich das schon mehr fokussieren können.
Wenn man sich die Erlöse anschaut, ist es wahrscheinlich auch vergebene Liebesmüh.
Elias Oldofredi: Ich vertrete Artists, die etwa 15.000 Euro im Monat mit Streaming umsetzen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.
Es gibt natürlich Leute, die dort verdienen. Das ist mir schon klar. Für mittelgroße Acts, die jetzt nicht durch die Decke gehen, wird mit Streaming aber nichts verdient.
Elias Oldofredi: Vor 30 Jahren haben die aber auch nichts verdient. Es wird immer viele Acts geben, die nichts verdienen. Das ist einfach die brutale Wahrheit.
Wahr ist aber auch, dass früher viel mehr Platten verkauft wurden – auch bei den mittelgroßen Acts.
Elias Oldofredi: Die Musikwelt verändert sich. Ich habe eine junge Newcomerin, Emilie Trahan. Sie ist die einzige in meinem Roster, die richtig Lust auf TikTok hat. Und sie hat begonnen, live zu gehen. Dann hat sie mich ganz schockiert angerufen und gesagt: „Mir schicken Leute Geld, wenn ich live gehe, auf TikTok.“ Dazu braucht sie nur ihr Handy. Angenommen, sie hat 100 Fans auf der ganzen Welt verteilt. Versuch mal, die mit Konzerten zu bespielen. Vergiss es. Aber wenn 100 Fans ihr 10 Euro im Monat über Patreon zahlen, verdient sie 1.000 Euro.
Dieser Veränderung kann man zynisch gegenüberstehen, oder man kann sie annehmen und nutzen. Das Musikbusiness ist extrem dynamisch und extrem schnell. Ich hatte auch Glück, dass ich begonnen habe, nachdem die CD gestorben ist. Für mich gab es nur diesen neuen Weg. Davon gibt es aber auch viele. Und jeder Artist ist unterschiedlich.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.
Patreon ist also the “new way”?
Elias Oldofredi: Man kann es nicht pauschal sagen. Aber warum nicht? Es gibt ja auch eine österreichische Variante, die „Fanklub“ heißt. Allgemein muss ich schon sagen, dass das Einzige, was zählt, wenn man in dieser Industrie starten will, diese ungebrochene Romantik ist. Denn warum ist man sonst in der Musikindustrie?
Wenn ich mich mit jungen Managern unterhalte, habe ich das Gefühl, dass sie immer unternehmerischer werden. Die machen Label und Management alles selbst und sagen, lukrativ wird es erst, wenn du auch noch Verlagsrechte hältst. Ich frage mich schon, was die in der Musikindustrie suchen. Warum gehen die nicht in den Tech-Bereich, wenn Geld der Antrieb ist? Also dorthin, wo man wirklich Geld verdienen kann? Als ich vor zwei Jahren einen Burnout diagnostiziert bekommen habe, dachte ich mir auch kurz: „Vielleicht doch nicht die Musikindustrie.“ Aber es ist einfach so erfüllend.
„In der Öffentlichkeit zu stehen bedeutet psychischen Hochleistungssport. Das müsste strukturell besser unterstützt werden.”
Da drängt sich die Frage auf, wie man deinen Job oder generell die Rahmenbedingungen für Künstler:innen verbessern könnte. Angenommen, du wärst der König der Kultur in Österreich, an welchen Schrauben würdest du drehen, um das Leben zu verbessern?
Elias Oldofredi: Es ist schon interessant, dass es selbstverständlich ist, auf Tour jemanden mitzunehmen, der Content macht. Aber einen Mental Coach? Eine Ex-Profi-Skifahrerin hat mir vor ein paar Monaten erzählt, wie ihr Trainingslager besetzt war. Da kommen pro Athletin viele Personen mit, die sich nur um das Well-Being kümmern: Psychologen, Physios, Fitnesscoaches, Ernährungsberater. Was geben wir unseren Artists mit auf Tour? Einen Kühlschrank mit Alkohol, M&Ms und Drogen. Irgendwann sind sie so fertig, und man muss hoffen, dass sie die Kurve kratzen.
In der Öffentlichkeit zu stehen bedeutet psychischen Hochleistungssport. Das müsste strukturell besser unterstützt werden. Wir brauchen Leute, die verstehen, was es bedeutet, sich zur Schau zu stellen. Für Keke haben wir mal in den Vorschuss des Bandübernahmevertrages von Sony ein paar Tausend Euro für Psychotherapie angeboten bekommen.
Zum Schluss noch eine Prognosefrage: Die pubertierende Tochter eines Bekannten hat sich letztes Jahr zu Weihnachten einen CD-Player gewünscht. Liegt die Zukunft vielleicht doch wieder vermehrt im physischen Album statt im Streaming?
Elias Oldofredi: Ich glaube, immer wenn sich ein großer Trend entwickelt, gibt es auch eine Gegenbewegung. Dort, wo Streaming die Überhand bekommt, gibt es einen ganz intrinsischen Need für das Gegenteil. Wir werden ja alle erschlagen von dem Überangebot an Streaming. In einen kuratierten Plattenladen zu gehen, ist ja durchaus sehr erlösend. Ich selbst tue mir auch schwer, in diesem Überangebot zu navigieren. Aber Fakt ist: Die Musikwirtschaft verzeichnet derzeit Rekordumsätze, also ein Allzeithoch, und ein wesentlicher Treiber dieses Wachstums ist das Audio-Streaming.
Lieber Elias, ich danke dir ganz herzlich für das Interview!
Das Interview führte Dominik Beyer
++++
Links:
Elias Oldofredi (Instagram)
Ezekiel Management
Ezekiel Management (Instagram)
Villa Lala
Villa Lala (Instagram)