„Auskennen im Musikbusiness“ – Folkshilfe im Mica-Interview

Karrieren sind so vielfältig wie deren Gerüchte darüber. Welche Faktoren beeinflussbar sind und was man im Musikbusiness wirklich braucht, klären wir in der Rubrik “Auskennen im Musikbusiness” im Interview-Format. Eine Kooperation von Mica mit der Rockhouse Academy. Eine Band, die ihren Erfolg über Jahre maßgeblich selbst erarbeitet hat und das auch nach wie vor tut, ist die Dialektpopgruppe FOLKSHILFE. Zwischen Soundcheck und Konzert im ausverkauften Rockhouse Salzburg am 20.04.2023 unterhalten sich Dominik Beyer (mica – music austria) zusammen mit Florian Ritt und Matthias Pirngruber von der Band FOLKSHILFE und finden im Anschluss daran noch Zeit, individuelle Fragen zu eurer Karriere zu beantworten. Ein Teil dieses Gesprächs ist hier nachzulesen.

Hallo

Bitte stelle Dich in einem Satz kurz vor:  Wer bist und welche Tätigkeiten übst du aktuell aus?

Florian Ritt: Ich bin der Frontman von der Band Folkshilfe und FRINC. Zudem betreibe ich die Musikagentur töchtersöhne unter anderem mit Matthias Pirngruber, der neben mir sitzt. Er ist auch der Manager der beiden Bands.

Berufswahl

„Das hat funktioniert, nachdem mir Flo im Folkshilfe-„Bootcamp“ ein Jahr alles beigebracht hat, was er wusste.“

Warum hast du dich für einen Beruf im Musikbereich entschieden und was sind deine Einnahmequellen?

Matthias Pirngruber: Der Grund, warum ich in der Musikwirtschaft gelandet bin, sitzt neben mir. 
Zur Erklärung – Folkshilfe war 2015 bei der Vorentscheidung zum Eurovision Songcontest dabei. In dem Jahr gab es eine große mediale Aufmerksamkeit, da Conchita Wurst den Contest im Jahr davor gewonnen hat. In Folge dessen hat der ORF dem Vorentscheid vier Sendungen im Hauptabendprogramm gewidmet. Die Makemakes sind dann für Österreich angetreten. Folkshilfe hat es bis ins Finale geschafft und bekam dementsprechend auch viel Aufmerksamkeit. Ich war mit Flo befreundet und er hat mich gefragt, ihn in dieser intensiven Zeit in Sachen Management zu unterstützen. Das hat funktioniert, nachdem er mir im “Folkshilfe-Bootcamp” ein Jahr alles beigebracht hat, was er wusste. Das war schon eine Menge. Bis dahin hatte ich gar nichts mit dem Musikbusiness zu tun.
In weiterer Folge hat es dann dazu geführt, dass wir 2017 – zusammen mit Bertram Kolar – die Musikagentur töchtersöhne gegründet haben. Seitdem mach ich Management und Label. Wir sind eine 360 Grad Agentur und bieten alles an was man im Rock/Pop/Indie Bereich braucht. 

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Highlights

„Die meisten Partner haben uns nur auf Kleinkunstbühnen und Volksfesten platzieren wollen. Es gab noch keine richtige Referenz dafür.“

Was waren die größten Stolpersteine und Meilensteine auf deinem bisherigen Berufsweg?

Florian Ritt: Ich hab Jazz-Gitarre und Jazz-Bass studiert, und war meist im Hintergrund tätig. Einen Sommer hab ich aus Spaß Straßenmusik mit Freunden gemacht. Daraus wurde eine Band. Unser Fokus war zunächst auf der Triobesetzung und dreistimmigen Gesang. Das hat in meinem Umfeld extrem gut resoniert. Also habe ich mich dazu entschlossen, das professionell zu machen. Ich wollte mich als Session Musiker nicht verlieren, der in möglichst vielen verschiedenen Projekten spielt. Das ist so eine typische Studentenkrankheit in meinen Augen.
Dieses Ja für die Folkshilfe hat natürlich auch ein Nein für viele andere Sachen bedeutet. 
Der größte Stolperstein war das Finden der richtigen Partner. Ich hab Folkshilfe als Popband gesehen, die sich mit Dialekt und Mehrstimmigkeit auf großen Festivals von den anderen abhebt. Die meisten haben uns nur auf Kleinkunstbühnen und Volksfesten platzieren wollen. Es gab noch keine richtige Referenz dafür. 
Weder Major noch Indie Labels haben meine Vision verstanden. Und Referenzen hatten wir auch nicht viele. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass meine Vision natürlich viel größer war, als es unsere ersten Songs vermittelt haben.
Kurzum habe ich beschlossen, das Team selbst zu bilden. Und da kam Matthias ins Spiel.
Da hätte also schon vieles schief laufen können. Falsche Entscheidungen bei der Teambildung, oder vor allem zu früh Verantwortung abzugeben. 
Das merk ich, wenn ich aus der Sicht als Teammitglied von töchtersöhne spreche. Viele junge Bands kommen zu uns und wollen Arbeit abgenommen bekommen, ohne dass sie selber schon Vorarbeit geleistet hätten. Das funktioniert nicht. Denn die ersten Schritte sind mühsam, und bringen wenig Geld. Davon kann auch keine Agentur leben. Deswegen können wir keine Bands annehmen, die Musik als Hobby betreiben und glauben, mit einer Musikagentur wird schon was draus. 
Ohne die Majorlabels jetzt verteufeln zu wollen, aber man sollte schon selber wissen, wohin die Reise geht, bevor man sich in fremde Hände gibt. Die schenken einem kein Geld. Man bekommt einen Vorschuss wie einen Kredit. 

Also solange wie möglich alles selber machen deiner Meinung nach? Man könnte ja auch behaupten, ein Label macht die Arbeit besser als man selbst? Warum also nicht auf die Musik konzentrieren? Gibt es einen richtigen Zeitpunkt?

Matthias Pirngruber: Ich möchte auch davon abraten, dass jeder sein eigenes Label gründet.

Der Trend im Moment geht schon ein wenig dahin. 

Matthias Pirngruber.: Kann man schon machen. Wobei man nicht unterschätzen sollte, was alles an Arbeit auf einen zukommt. Nur weil es bei einer bzw. einem von einer Millionen Musiker:innen gereicht hat, den Song nur hochzuladen, heißt das nicht, dass man sich ein Label sparen kann. Es macht schon Sinn, mit Labels zu arbeiten. Aber man sollte vorsichtig sein mit diversen Optionen und langen Bindezeiten.

Florian Ritt: Gerade am Anfang!

Matthias Pirngruber: Wenn man kein Label findet, kann man es immer noch selber machen. Viele Labels werden auch hobbymäßig betrieben. Das mein ich nicht abwertend. Aber warum nicht die niederschwellige Infrastruktur nützen. Jemand der aus Liebe oder Überzeugung ein Label betreibt, kann auch Kontakte bereitstellen. Da geht’s ja erstmal ums vernetzen. Das wird oft vernachlässigt am Anfang. 
Recherchieren! Ähnliche Bands ausfindig machen und herausfinden, bei welchem Label/Booking/Management die sind. Das sind selten Major Labels. Auf die bin ich eh nicht gut zu sprechen. Was nicht heißt, dass es für gewisse Acts nicht sinnvoll sein könnte. Aber die Verträge, die mir untergekommen sind, würde ich nicht unterschreiben. Da ist es nicht unüblich 79% der Streamingerlöse abzugeben. Im Indie-Bereich sind es 50%. Das ist schonmal ein großer Unterschied. Was grad trendet sind Vertriebsdeals. Die bieten teilweise auch Labelservice an. 

“Auskennen im Musikbusiness” mit Folkshilfe // MICA x ROCKHOUSE Academy (c) Wolfgang Kofler

Funktioniert aber auch erst ab einer gewissen Größe. Einen Vertriebsdeal bringt nichts, wenn ich keinen Namen habe, oder?

Florian Ritt: Das ist der Matthäus-Effekt. Je größer und erfolgreicher du bist, umso einfacher wird auch der Vertrieb. Weil die Nachfrage da ist. Unsere ersten Alben haben wir auf einem Indielabel in Deutschland rausgebracht. Der Vertrieb war in Kooperation mit Sony. Sony hat einen großen Hebel, aber unsere CDs waren trotzdem in keinem Mediamarkregal. 
Jetzt sind wir größer, und die CDs stehen in den Regalen. Obwohl wir mittlerweile bei einem kleineren Vertrieb (Hoanzl) sind. Am besten ist immer, man macht sich selber schlau. Man kann fast sämtliches Wissen im Internet nachschauen. 
Es gibt viele Möglichkeiten über Distributoren wie Distrokid oder Recordjet, die eigene Musik auf Spotify hochzuladen. Dazu braucht es keinen großen Vertrag. Sollte ich einen größeren Partner finden, kann das auch leicht inklusive der Streaming-Zahlen übernommen werden.
Als Band hat man auch Ressourcen. Einer hat einen Job und verdient Geld. Der andere hat dafür mehr Zeit und der dritte besitzt einen Proberaum. Man muss sich als Unternehmer sehen, als Musiker:in bzw. Band. Das ist unsexy, deswegen haben meinen Musikerkollegen meine Bachelorarbeit mit dem Titel „Eine Band als Startup“ nicht cool gefunden.

Ich fasse zusammen: Ein Label hat nicht mehr die Rolle eines Gatekeepers, die den Zugang zur Musikbusinesswelt bestimmen. Und in Wahrheit kann und muss man die ersten Meter selbst gehen. Bevor du noch keine Fanbase aufgebaut hast oder Streams vorweisen kannst, hast du auch keine Verhandlungsbasis als Künstler:in. Kann man das so unterschreiben?

Florian Ritt: Zu 100%. Die Gatekeeper ändern sich. Früher waren es Labels und Radios. Heute sind es vielleicht mehr die Playlist, samt deren Algorithmen. Wobei die Plays natürlich auch nicht sehr aussagekräftig sind. Manche Bands haben viele Plays, weil sie in einer großen Playlist sind oder dort funktionieren. Deswegen kommt aber trotzdem keiner zum Konzert. 
Man sieht auf jeden Fall sehr schnell, ob es jemand ernst meint. Wir haben mal eine sechsköpfige Crossover-Hip-Hop-Band gesignt. Spotify for Artists hat dann bei der Single zwölf Streams angezeigt. Da frag ich mich schon, ob die das überhaupt mit ihren Freunden teilen. Man kann auf jeden Fall soviele kleine Dinge machen, bevor der Schritt zum Label notwendig wird und man Verantwortung abgibt. 

Know-how

Wenn ich es keinem anderen erklären kann, hab ich es auch nicht verstanden.“

Wie wichtig ist musikwirtschaftliches Know-how in deinem Berufsalltag und wie hast du dir dieses Wissen angeeignet bzw. gibt es Know-how, das dir fehlt?

Florian Ritt: Ich bin schon lange selbstständig. Aber hin und wieder passieren auch Fehler. Aber man sollte nie die Scheu haben, nachzufragen. An erster Stelle natürlich beim mica. Es gibt aber auch viel Literatur oder Youtube-Channels.

Matthias Pirngruber: Wenn ich einen Punkt in einem Vertrag nicht verstehe, unterschreibe ich ihn nicht. Das muss klar sein. Oft redet man mit Bands und merkt beim Gespräch, dass sie nicht wirklich verstehen, was sie unterschrieben haben. Wenn ich es keinem anderen erklären kann, hab ich es auch nicht verstanden. Ansonsten ruf ich so oft beim mica an, bis ich es verstehe. Das ist eine staatlich geförderte Institution, die man unbedingt nutzen sollte.
Es gibt viele gute Partner, aber auch einige, die vielleicht froh sind, wenn ihr euch nicht auskennt. 

Florian Ritt: Das sollte man sich auch immer überlegen, solange man im Guten ist. Weil wenn schon gestritten wird, ist es mühsam. Deswegen sind Verträge da.

Reality Check 

Ein Großteil der Bands wird es nicht schaffen.“

Du bist als Quereinsteiger ins Musikbusiness gekommen. Hast du dir die Berufswelt anders vorgestellt?

Matthias Pirngruber: Ich hatte nicht wirklich eine Vorstellung. Aber wenn es funktioniert, ist es eine irre tolle Branche. Man arbeitet mit einem Produkt, das Menschen bewegt. Konzerte sind kleine Utopien. Ein Event ist für alle Beteiligten ein Gewinn. Wenn man das Glück hat, dass das ein paar Jahre funktioniert, ist es irre schön. Aber auch beinhart. Ein Großteil der Bands wird es nicht schaffen. FM4 nimmt ein bis zwei Songs pro Woche in die Rotation. Sie bekommen aber vierzig österreichische zur Bemusterung.

Business Advice

Durch Arbeit und Fleiß kann jeder was erreichen.“

Welchen Rat würdest du jungen Musikschaffenden mit deinem heutigen Wissen für ihren Berufsweg mitgeben?

Florian Ritt: Entweder du willst es machen, oder nicht. Aber das geht nur, wenn man auch Abstriche macht. 
Mit der Agentur haben wir einige Jahre „Agentur“ gespielt und mit Nebenjobs versucht, die Infrastruktur aufrecht zu erhalten. Seit letztem Jahr können wir wirklich sagen, dass wir alle fünf davon leben können. 
Es geht immer was. Durch Arbeit und Fleiß kann jeder was erreichen. Ob es jetzt komplett steil geht, ist natürlich ein Glückspiel. Das kann man nicht beeinflussen. Aber eine Fangemeinde aufbauen kann jede und jeder. Zudem gibt es Förderungen. Man muss also auch nicht erben, um ein Album aufnehmen zu können. 

Matthias Pirngruber: Das Produkt ist die Musik und nicht das Pressefoto oder der Instagram-Kanal. Der beste Social-Media-Kanal bringt nix, wenn die Musik nicht den internationalen Standards genügt. Was auch immer das heißen mag. Aber wenn man internationale Musik macht, hat man internationale Konkurrenz. Das sollte man checken. Das Produkt ist der Song. Da muss der Fokus sein. Wenn die Band mehr über Merchandise als über die Produktion diskutiert, läuft vermutlich was falsch. Wenn man einen guten Song hat, wird auch der Insta-Kanal groß – nicht umgekehrt. 
Von vielen Bands kommt die Frage: Warum spielt uns Ö3 nicht? Wenn man sich den Song anhört, kann man sich schon fragen, ob die überhaupt Ö3 hören. Man muss auch ein Gefühl für den vorherrschenden Stil und auch das Niveau entwickeln. Nur weil es der Mama gefällt, ist zu wenig.
Alle Bands, die wir gut finden, sind durch Musik bekannt geworden und nicht durch ein Endorsement von Sneakers. 

“Auskennen im Musikbusiness” mit Folkshilfe // MICA x ROCKHOUSE Academy (c) Wolfgang Kofler

Rahmenbedingungen  

In Frankreich oder Spanien wird unglaublich viel lokale Musik in allen Variationen gespielt. Ganz selbstverständlich.“

In der Vorstellung einer idealen Welt: Gibt es rechtliche oder wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die du gerne ändern würdest?

überlegt

Vielleicht eine Mindestquote für Mundartmusik?

Florian Ritt: In Frankreich oder Spanien wird unglaublich viel lokale Musik in allen Variationen gespielt. Ganz selbstverständlich. Ich fände es wichtig, dass gerade öffentlich-rechtliche Sendeanstalten verstärkt lokale Musik spielen. Muss nicht Dialektmusik sein. 
Aber viele wollen mit ihrer Musik immer beweisen wie international Österreich sein kann und klingen wie eine Kopie. 
Auch wenn die Radiosender die Formate einkaufen, finde ich, dass sie trotzdem meinungsbildend agieren könnten. Mehr Musik aus Österreich kann nur positiv sein für alle. Zum Beispiel auch in Dokumentationen. Das könnte eine weitere Säule zur Selbstständigkeit von Musiker:innen sein. Es braucht mehr als die 5% Österreich-Quote in den Sendeanstalten. Aber da geht es natürlich nicht um Kultur, sondern um politische Interessen, wie wir alle den Medien entnehmen können derzeit.

Matthias Pirngruber: Das ist durchaus eine kontroverse Meinung, aber ich würde für weniger Gratisveranstaltungen in Wien plädieren. Wir kannibalisieren uns damit selber, und es festigt sich die vorherrschende Meinung, Musiker:innen spielen gern und gratis. Man tut sich keinen Gefallen, große oder kleine Bands ohne Eintritt spielen zu lassen.
Weil die Stadt glaubt, sie könne als Veranstalterin auftreten, verzerrt sie dadurch den Markt. Das passiert seit dem Kultursommer immer mehr. Da spielen Bands für 2500€ Gage ein Konzert vor sieben Zuschauern.  Das ist nicht gerade nachhaltig aus meiner Sicht. Also unbedingt wieder weniger Staat und mehr Markt im Musikbusiness.

Vielen Dank für das Gespräch

Dominik Beyer

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