100 Prozent: Behind the scenes– Paulina Parvanov

Mit dieser Serie bündelt mica – music austria die Erfahrungen und Sichtweisen von Frauen im Musikbusiness. 2025 blicken wir Behind the Scenes und widmen uns den Personen, die hinter den Musiker:innen stehen. Ungeachtet vorhandener Kategorien, Quoten oder Zuordnungen braucht es uns alle um zu 100% für Feminismus einzutreten.

Welche Art von Unterstützung hast du im Lauf deiner Karriere erhalten? Wo hättest du dir (mehr) Unterstützung gewünscht?

Paulina Parvanov: Aus der Tatsache, dass im Laufe meiner Karriere die meisten meiner Unterstützer:innen Männer waren, könnte man falsch schlussfolgern, dass Frauen sich nicht so gerne unterstützen. Dabei ist das simpel der Fall, weil Männer bis heute mehrheitlich in Positionen sind, die ihnen das ermöglich, die ihnen Zeit und Macht geben, um andere Menschen zu unterstützen. Das ist somit ein Fall von Wahrscheinlichkeiten. Diese Ungleichheit kann sich momentan am besten durch gut kuratierte Programme ausgleichen, die sich an Gruppen richtet, die nicht dieselben Möglichkeiten haben. Ich hatte zum Beispiel das Privileg großartige Role Models als Mentee im MEWEM Programm zu finden und mit meiner Mentorin einen Austausch auf Augenhöhe.

„Der Independent Bereich hat viel von Romantisierung und Zusammenhalt, und er hat auch viel von Selbstausbeutung“

Wie und wo hast du Erfahrungen in der Musikbranche gesammelt? 

Paulina Parvanov: Ich komme aus verwandten Bereichen – Medien & Journalismus nämlich, dh. die Arbeit in zum Teil prekären Strukturen war mir bereits vertraut. Der Rest war ein Anwenden von dem, was ich bereits kannte auf eine Branche, die so vielfältig ist und sich so schnell ändert, dass man ständig neue Erfahrungen sammelt. Als interessierten Menschen hält einen das auch in der Branche – romantisieren muss man es aber auch nicht. Erfahrungen zu machen und im trial-and-error Ansatz eine Karriere aufzubauen hat einen Preis, den man sich leisten können muss. Ich hatte meine Musikagentur raspberry soda am 1. Jänner 2020 gegründet, einen Businessplan für die Pandemie hatte ich nicht, aber klein zu sein hat in einer Krise auch Vorteile, denn man fällt nicht so tief. Die Leidenschaft für die Musikindustrie ist seither nicht weniger, sondern mehr geworden – aber ebenso die realistische Sicht auf die Branche. Der Independent Bereich hat viel von Romantisierung und Zusammenhalt, und er hat auch viel von Selbstausbeutung, daher ist eines meiner wesentlichen Ziele, die Erfahrungen, die ich gesammelt habe, dafür einzusetzen, Strukturen zu verbessern.  

Was waren deine größten Herausforderungen, und wie hast du sie gemeistert?

Paulina Parvanov: Hatte ich die Pandemie im ersten Geschäftsjahr erwähnt? Die größte Herausforderung war definitiv, einen Platz zu finden – eine Rolle, in der man sich selbst wiedererkennt, ohne sich verstellen zu müssen. Denn die Musikindustrie ist oft ein derart persönliches Geschäft, dass man mögen sollte, wer man ist und wie man sich verhält – vor allem, wenn man vorhat, langfristig in ihr zu arbeiten.

Nach ein paar Jahren stellt sich auch diese Sogwirkung ein, dieses Gefühl von „Ach, so werden Dinge eben gemacht.“ Ich mache mir bis heute regelmäßig bewusst, dass ich meine Firma schließen muss, sobald ich diesen Satz wirklich glaube und nichts Neues mehr versuchen will.

„… genau deshalb ist Sichtbarkeit so enorm wichtig“

Hattest du in deiner Umgebung Role Models, an denen du dich orientieren konntest? Welche Vorbilder haben Frauen in der Musikbranche derzeit?  

Paulina Parvanov: Ja, meine Mentorin im MEWEM Programm Tatjana Domany, um nur eine von vielen Frauen namentlich zu erwähnen, die in ihren Rollen Vorbilder sind. Ein Vorbild sein hat oft aber auch einen zu hohen Anspruch – für mich geht es hier in erster Linie darum:  Gibt es Menschen, die einen dazu inspirieren, in der Musikindustrie zu arbeiten und solche, die einen daran glauben lassen, dass man sich nicht verbiegen muss, die einen ermutigen, sich selbst zu vertrauen? Ich habe schon ein paar Mal den Satz gehört, „weil du das gemacht hast, hab ich mir gedacht, ich kann das auch“. Und genau deshalb ist Sichtbarkeit so enorm wichtig. 

Wie können sich Frauen (FLINTA*s) gegenseitig unterstützen und Solidarität in ihrem beruflichen Umfeld fördern? Was kannst du an die nächste Generation weitergeben?

„Ein weißer Feminismus, von dessen Aktivitäten hauptsächlich gut ausgebildete Frauen ohne Migrationshintergrund profitieren, geht für mich am Ziel vorbei.“

Paulina Parvanov: Ich finde in erster Linie wichtig, dass wir Unterstützung und Solidarität intersektional sehen. Ein weißer Feminismus, von dessen Aktivitäten hauptsächlich gut ausgebildete Frauen ohne Migrationshintergrund profitieren, geht für mich am Ziel vorbei. Ich möchte einen breiteren Dialog führen. Und damit meine ich nicht, wir müssen warten, bis perfekte Konzepte am Tisch liegen – damit meine ich, wir müssen mehr verbindende Aktivitäten setzen, die sich nicht nur auf binäre Geschlechterunterschiede beziehen. Und auf einer alltäglichen Ebene: das bedingungslose Erwähnen, Empfehlen, Kontaktieren und Hervorheben von Kolleg:innen – das hilft enorm. 

Welche Fragen wirst du gefragt, die einem Mann nie gestellt werden würden?

Paulina Parvanov: Ich wurde mal in einem Erstgespräch mit einer Band, die mit mir zusammenarbeiten wollte, gefragt, wie denn mein Freund das eigentlich fände, dass ich mit so vielen Männern zusammenarbeite – wohlbemerkt, in einem Erstgespräch, ohne Vorwissen über mich als Privatperson. Diese Frage hat mich wütend gemacht und laut zum Lachen gebracht, weil sie zeigt, wie stark normative Genderrollen in unseren Köpfen verankert sind. Das alleine schafft eine Ungleichheit, die Frauen im Alltag und im Berufsleben wesentlich stärker spüren. 

Paulina Parvanov ist Gründerin von raspberry soda, einer 360° artist development Agentur mit Sitz in Wien. Sie ist aktives Vorstandsmitglied des VTMÖ, des österreichischen Verbands unabhängiger Tonträgerunternehmen und Musikverlage sowie Teil des erweiterten Boards von IMPALA, wo sie ihre Zeit der Förderung der Interessen unabhängiger Labels widmet und sich für eine positive Entwicklung der österreichischen Recorded Music Industrie einsetzt. Paulina Parvanov Mitbegründerin von Music Declares Emergency Austria und Konferenzmanagerin bei Waves Vienna Festival & Conference

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