Mit dieser Serie bündelt mica – music austria die Erfahrungen und Sichtweisen von Frauen im Musikbusiness. 2025 blicken wir Behind the Scenes und widmen uns den Personen, die hinter den Musiker:innen stehen. Ungeachtet vorhandener Kategorien, Quoten oder Zuordnungen braucht es uns alle um zu 100% für Feminismus einzutreten.
Wie und wo hast du Erfahrungen in der Musikbranche gesammelt?
Kata Fohl: Ich bin in Ungarn geboren und aufgewachsen, habe in Budapest „International Business & Management“ studiert, und bin erst nach einem kurzen Umweg über Holland 2010 schließlich in Wien gelandet. Mein Plan war es, nach einem kurzen Pflichtpraktikum meine Diplomarbeit fertig zu schreiben und nach Budapest zurückzukehren. Meine Abschlussarbeit liegt tatsächlich seit mittlerweile 15 Jahren in der Schublade, aber aus meiner Rückkehr in die alte Heimat wurde (zum Glück!) nichts.
Nach meinem Praktikum bei monkey.music hat mich Walter Gröbchen gleich als Fixangestellte übernommen, und ich war in den darauffolgenden knapp fünf Jahren als Labelmanagerin für so gut wie alles zuständig – wie es bei kleineren Labels üblich ist. Nach der anfänglichen kurzen Einschulung waren die ersten Monate bzw. Jahre von „learning by doing“ geprägt, und ich war vom klassischen Labelmanagement über Promo und Eventmanagement bis hin zur Buchhaltung in allen Bereichen tätig. Ich habe wahnsinnig viel gelernt und in kürzester Zeit sehr viel Erfahrung gesammelt und mir einen Überblick über die gesamte Musikbranche verschafft – all das hat die Basis für meine Selbständigkeit und meine heutige Arbeit in dieser Branche gelegt.
„Bei Wanda feiere ich heuer mein 10-jähriges Jubiläum“
Im Herbst 2015 bin ich ins Wanda Management eingestiegen, ein paar Monate später habe ich mich als Künstler- und Projektmanagerin selbständig gemacht, und im Herbst 2016 haben mich Wanda gefragt, ob ich das Management komplett übernehmen möchte. Rückblickend war das der zweite Schlüsselmoment in meiner Laufbahn und der Anfang der nächsten extrem lehrreichen Phase, allerdings mit wesentlich höherem Einsatz.
Bei Wanda feiere ich heuer also mein 10-jähriges Jubiläum, die Band ist mein einziges großes Projekt im Musikbereich und füllt meine Kapazitäten schon zu einem sehr großen Teil aus. Parallel habe ich in den vergangenen Jahren an der SET – School for Entertainment and Technology und der FH Kufstein Musikmanagement unterrichtet, und leitete internationale Tourneender Freestyle-Motocross-Show „Masters of Dirt“ sowie der Shaolin Mönche aus China.
Welche Art von Unterstützung hast du im Lauf deiner Karriere erhalten? Wo hättest du dir (mehr) Unterstützung gewünscht?
Kata Fohl: Ich habe die Augen immer offen gehalten nach Förderungen und Weiterbildungsmöglichkeiten. Meine ersten Monate in Wien bei monkey.music waren auch nur dank eines Erasmus-Förderprogramms für Auslandspraktika überhaupt möglich, denn im Herbst 2010 fiel Ungarn noch unter eine Quoten-Regelung in der EU, und ich durfte in Österreich keine Anstellung annehmen. In der Coronazeit habe ich auch den einen oder anderen WIFI-Kurs besucht und dafür Förderungen vom WAFF in Anspruch genommen. Was die Weiterbildungsmöglichkeiten und Job-Förderungen in unserer Branche in Österreich betrifft, habe ich einen positiven Eindruck – ich spreche aber als Person hinter der Bühne. Führt man Gespräche mit Künstler:innen, die aktuell auf der Bühne durchstarten und versuchen, von ihrer Musik zu leben, zeichnet sich ein anderes Bild ab.
Viel wichtiger als die klassischen Förderungen war in meinem Fall das Vertrauen, das mir anfangs – ohne entsprechende Ausbildung oder kulturellen Background – entgegengebracht wurde, allen voran von Walter Gröbchen und Eileen Zirzow, meiner Vorgängerin, bei monkey.music, und in weiterer Folge von den Bandmitgliedern von Wanda. Dass unsere Zusammenarbeit in beiden Fällen so erfolgreich verlaufen würde, konnte anfangs keiner ahnen, und ich bin dankbar für die Türen, die mir damals geöffnet wurden. War ich mit einem Fuß drinnen, hing natürlich alles weitere von meinen Qualitäten ab, die ich sehr oft unter Beweis stellen musste.
Was waren deine größten Herausforderungen, und wie hast du sie gemeistert?
Kata Fohl: Meine größten Herausforderungen waren die Sprache – ich bin anno 2010 mit guten Deutschkenntnissen nach Österreich gekommen, auf das Wienerische war ich aber keineswegs vorbereitet – und die fehlende Erfahrung in der Branche, und der kulturelle Background aus einem anderen Land. Ich hatte in den ersten 20 Jahren meines Lebens wenig Berührungspunkte mit Musik aus Österreich. Dagegen half nichts, außer „Augen zu (bzw. Ohren auf) und durch“. Ich habe mich ab meinem ersten Tag in Wien fast ausschließlich in deutschsprachigen Kreisen bewegt, begann viel über die Branche und die österreichische Musik zu lesen, und besuchte Infoveranstaltungen und natürlich viele Konzerte.
Rückblickend habe ich nicht den Eindruck, dass mir von irgendwelchen Seiten aufgrund meines Geschlechts weniger zugetraut oder ich schlechter behandelt wurde. Eine gewisse Skepsis von neuen Geschäftspartner:innen hatte, wenn, dann vielleicht eher die oben genannten Gründe – plus die Tatsache, dass ich mit 21 Jahren schon sehr viel Verantwortung getragen und mit 26 eine der erfolgreichsten Bands Österreichs vertreten habe. Da musste man sich gegenüber der älteren Generation erstmal beweisen.
„Da musste man sich gegenüber der älteren Generation erstmal beweisen.“
Hattest du in deiner Umgebung Role Models, an denen du dich orientieren konntest? Welche Vorbilder haben Frauen in der Musikbranche derzeit?
Kata Fohl: Ich glaube, ich hatte anfangs schlicht und einfach keine Zeit, mir Role Models zu suchen oder mich an andere Personen zu orientieren, und auch sonst bin ich eher eine, die mit dem Kopf durch die Wand nach vorne marschiert. Ich habe anfangs immer „ja“ gesagt, wenn mir ein neues Projekt oder ein neuer Auftrag angeboten wurde, und mich nie oder erst viel später gefragt, „kann/darf ich das überhaupt?“ Angeblich ist das sonst eher eine typisch männliche Eigenschaft, und Frauen machen sich viel mehr Gedanken darüber, warum sie für etwas nicht zu 100 Prozent geeignet sind, und sind etwas vorsichtiger.
Ich finde, wir brauchen nicht zwingend zu jemandem hinaufzuschauen im Sinne eines klassischen Vorbildes. Mindestens genauso wichtig finde ich die gegenseitige Wertschätzung und Anerkennung auf Augenhöhe im daily business, und da fällt mir schon sehr stark auf, wieviel die Frauen in dieser Branche täglich leisten und wie wichtig ihre Arbeit ist. Ich freue mich auf den Tag, an dem das anders sein wird, aber zurzeit empfinde ich’s immer noch so: an der Spitze von Labels/Festivals/Bookingagenturen usw. sitzen fast ausschließlich Männer, die im Alltag mittlerweile mehr mit Controlling und Verträgen beschäftigt sind als mit ihren Artists oder Projekten. Aber alle weiteren Ebenen in diesen Firmen bestehen zu einem großen Teil aus Frauen, die dafür sorgen, dass die Releases/Projekte/Events tatsächlich umgesetzt werden, und die ihre Arbeit extrem professionell und trotzdem mit sehr viel Feingefühl erledigen – was sich in ihren Gehältern oft nicht widerspiegelt.
Mein Shout-out geht also unabhängig vom Standing oder Jobtitel an alle Frauen in dieser Branche – wir können uns ruhig gegenseitig als Vorbilder betrachten, anerkennen, wie weit wir schon gekommen sind, und weiterhin füreinander einstehen.
Wie können sich Frauen (FLINTA*s) gegenseitig unterstützen und Solidarität in ihrem beruflichen Umfeld fördern? Was kannst du an die nächste Generation weitergeben?
Ich würde sagen: weiter so! Ich spreche hier wieder aus der Perspektive der Manager:innen/PromoterInnen/Booker:innen usw. hinter der Bühne, und meine nicht die weiblichen Artists, die weiterhin mit Sichtbarkeit, Festival-Bookings, Förderbudgets usw. zu kämpfen haben. Was „unseren“ Teil der Branche betrifft, sehe ich positive Entwicklungen. Ich finde, dass jetzt gerade eine Generation mit hohem FLINTA*-Anteil heranwächst, die sich gegenseitig unterstützt, im aktiven Austausch steht, die mehr mit- und weniger gegeneinander denkt, mit sehr viel Herz und Selbstaufgabe bei der Sache ist, und nicht aufgibt, auch wenn sie es zurzeit schwerer in dieser Branche hat als noch vor ein paar Jahren oder Jahrzehnten. Jetzt hängt es von den vorigen Generationen ab, wann und wie die Staffelübergabe stattfindet, und ob das Potenzial all dieser jungen Leute ausreichend erkannt und gefördert wird, bevor sich z.B. die Major Labels, die natürlich auch Arbeitsplatz-technisch sehr relevant sind, komplett aus Österreich zurückziehen oder wichtige Festivals und Clubs zusperren.
Welche Fragen werden wirst du gefragt, die einem Mann nie gestellt werden würden?
Abgesehen davon, dass ich die Frage auch ohne Musikbranchen-Kontext problematisch finde: „Willst du jemals Kinder haben? Und wie soll sich das bitte mit deinem Job ausgehen?“
Kata Fohl ist Managerin von Wanda und als selbständige Künstler- und Projektmanagerin tätig.